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17.04.10 / Imame für Deutschland selber ausbilden / Der Religionswissenschaftler Rauf Ceylan erklärt, warum religiöse Autoritäten für die Integration wichtig sind

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-10 vom 17. April 2010

Imame für Deutschland selber ausbilden
Der Religionswissenschaftler Rauf Ceylan erklärt, warum religiöse Autoritäten für die Integration wichtig sind

Der Religionswissenschaftler Rauf Ceylan hat mit seinem Buch „Die Prediger des Islam – Imame, wer sind sie und was sie wirklich wollen“ eine Diskussion um die Imamausbildung angefacht. Der 1976 in Duisburg geborene Sohn türkischer Kurden hat seit vergangenem Jahr den Lehrstuhl für Religionswissenschaft an der Universität Osnabrück inne. PAZ-Redakteurin Rebecca Bellano sprach mit Rauf Ceylan.

PAZ: Herr Ceylan, Sie plädieren dafür, dass Imame, die in Deutschland tätig sein sollen, auch in Deutschland ausgebildet werden. Warum?

Ceylan: Es sind über 2000 Imame in Deutschland tätig. Wir importieren diese religiösen Autoritäten aus dem Ausland. Diese sind in islamischen Ländern sozialisiert worden und haben dort ihre Bildung erhalten. Sie kommen dann nach Deutschland und lehren Kinder und Jugendliche, die hier geboren wurden und in einem Integrationsprozess stehen. Das ist insofern problematisch, da diese religiösen Autoritäten ihre eigenen Vorstellungen von Religion mit nach Deutschland bringen und diese nicht immer mit der deutschen Lebenswirklichkeit kompatibel sind.

PAZ: Warum wurden eigentlich bisher keine Imame in Deutschland ausgebildet?

Ceylan: Weil das Problem gar nicht gesehen worden ist. Wir diskutieren erst seit etwa einem Jahr intensiv über dieses Thema. Politisch initiiert wurde es vor allem vom niedersächsischen Innenminister Uwe Schünemann. Bisher wurde offenbar gar nicht erkannt, dass, wenn wir über den Islam und die Integration reden, wir die theologische Referenz, also die Imame, berücksichtigen müssen.

In den 70er Jahren entstand ein Vakuum. Niemand hat sich über die religiöse Betreuung der Muslime in Deutschland Gedanken gemacht. Die Muslime haben sich hier selbst organisiert. Anfang der 80er Jahre hat der türkische Staat erkannt, dass es hier eine große Masse türkischer Muslime gibt, denen man ein religiös-kulturelles Angebot machen muss und natürlich auch, um Einfluss auszuüben.

PAZ: Und wie sah die Imam-Schulung bisher aus?

Ceylan: Seit 2006 bietet die Konrad-Adenauer-Stiftung Imam-Schulungen in der Türkei an. Das Goetheinstitut bietet einen Deutschkurs an und dann kommt im Anschluss die Konrad-Adenauer-Stiftung mit Landeskunde. Das heißt, dass die Imame überhaupt wissen, wo gehe ich hin, wie ist das politische System, rechtsstaatliche Säkularität und Geschichte. Wir machen immer Auswertungen der Schulungen und das zeigt, dass das Deutschlandbild der Teilnehmer danach differenzierter und positiver ist. Zum Beispiel das Kooperationsverhältnis von Religion und Staat, das kennen die türkischen Imame nicht. In der Türkei wird die Religion vom Staat kontrolliert und diktiert. Es gibt ja eine staatliche Religionsbehörde. Imame sind daher türkische Staatsbeamte.

PAZ: Was hält einen jungen, gläubigen Türken aus Neukölln davon ab, sich in Deutschland zum Imam ausbilden zu lassen?

Ceylan: Die Bezahlung ist hier ein wichtiger Faktor. Die Imame der türkischen Religionsbehörde Ditib sind natürlich am besten abgesichert und verdienen sogar doppelt. Sie kommen im Rotationsverfahren ähnlich wie Diplomaten. Sogar in der Pension kann man noch was verdienen. In der Türkei konnte man bis vor kurzem noch mit 45 Jahren in Pension gehen. Manche Imame, die sich noch nicht zur Ruhe setzten wollen, übernehmen dann eine neue Aufgabe in Deutschland oder anderen Ländern. Sie bekommen ihren regulären Lohn beziehungsweise ihre Pension plus den Lohn, den sie hier vom Moscheeverein erhalten.

Und dann gibt es die große Masse an religiösen Verbänden als einzige Arbeitgeber, wobei diese wirklich sehr wenig bezahlen. Das variiert zwischen 700 und 1000 Euro plus Unterkunft.

Wenn wir nun in Deutschland Imame ausbilden wollen, dann müssen wir überlegen, wie wir die Tätigkeit attraktiv entlohnen. Warum sollten sonst junge Muslime mit Abitur hier Theologie studieren?

PAZ: In islamischen Ländern sind Moscheen reine Gebetshäuser. In Deutschland hingegen sind sie multifunktional, mit Bücherei, Bistro und anderen Angeboten, so Ihre Feststellung. Wie erklären Sie diese Multifunktionalität?

Ceylan: Die Gemeinde hat hier eine höhere Erwartung an den Imam. Das heißt, er soll nicht nur den Gottesdienst leiten, sondern auch sozialarbeiterische Tätigkeiten übernehmen. Wobei ich das anders sehe: Was Imame machen können, ist eine Brückenfunktion übernehmen. Wenn so viele Menschen mit vielen Problemen zum Imam gehen, dann muss er nicht noch die Eheberatung übernehmen. Er kann stattdessen vermitteln zur Caritas, Diakonie, AWO oder ähnliches, doch dafür muss er erstmal Deutsch können und zudem überhaupt wissen, dass diese Institutionen existieren und ihnen zudem noch vertrauen.

PAZ: „Wir wissen, wenn ein Rechtsextremist an einen Baum pinkelt, aber über das Agieren von muslimischen Extremisten wissen wir ganz wenig“, soll ein Verfassungsschützer zu Ihnen gesagt haben. Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass muslimische Extremisten in Deutschland offenbar relativ frei falsche Lehren und Hass verbreiten dürfen?

Ceylan: Nach dem 11. September 2001 haben die Extremisten gelernt, verdeckt zu arbeiten. Leider hat der Staat kaum Zugang zu der Szene. Bei den Rechtsextremisten hat man V-Leute, doch die informellen Treffen der Islamisten kann man nur schwer kontrollieren.

Ich selbst hatte große Mühe, einige von ihnen zu befragen. Wichtig ist, dass wir Kinder und Jugendliche gegen diese Rattenfänger immunisieren, was wir auch im Religionsunterricht an den Schulen könnten. Viele muslimische Kinder, die nur eine aus Rezitieren und Memorien bestehende Moscheesozialisation haben, erhalten beim islamischen Religionsunterricht an der Schule die Möglichkeit, ihre Religion inhaltlich zu reflektieren und auch kritisch zu hinterfragen. Damit bieten wir ihnen Freiräume und schaffen für jene, die nicht in die Moscheevereine gehen, die Möglichkeit, sich objektiv der Religion zu nähern und ihr Verhältnis zur Religion selbst zu entscheiden. Die Kinder brauchen eine kritisch-konstruktive Begleitung.

PAZ: Sie analysieren die muslimischen Gruppierungen in Deutschland mit scharfem Verstand und scheuen keine Kritik. Sind Sie in den Augen mancher Moslems nicht eine Art „Nestbeschmutzer“?

Ceylan: Sie müssen nur im Internet ein wenig googeln, da werde ich als Islamfeind denunziert, weil ich mich für die Trennung von Staat und Religion einsetze. Doch so etwas bestärkt mich nur in meiner Arbeit. Es zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Doch man kann hier nicht von heute auf morgen etwas erreichen. Und dann gibt es so genannte Islam-Kritiker, die glauben allen Ernstes, weil wir hier Imame ausbilden wollen, förderten wir die Scharia. Wir befinden uns in einem historischen Prozess. Wir wollen, dass Imame eine positive Beziehung zum deutschen Staat haben und eine islamisch-europäische Theologie entwickelt, die kompatibel ist mit Menschenrechten und Demokratie.


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