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17.04.10 / Ohne Maß und Sorgfalt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-10 vom 17. April 2010

Ohne Maß und Sorgfalt
von Konrad Badenheuer

Der angemessene Umgang mit dem finsteren Erbe der NS-Zeit ist nicht einfach. Allerdings wiederholt die deutsche politische Klasse hier womöglich heute einen Fehler, der selbst zu den Ursachen der braunen Katastrophe gehört: Es fehlt an Maß und Sorgfalt.

Oder wie soll man die –pardon – Leichenfledderei bewerten, mit der nacheinander „Spiegel“, „Bild“ und „Welt“ über den am 30. März im Alter von 98 Jahren verstorbenenen früheren SS-Schergen Martin Sandberger berichtet haben? Das Hamburger Nachrichtenmagazin vermeldete in seiner Ausgabe vom 3. April in reißerischem Ton, Sandberger „lebt unbehelligt in einem Stuttgarter Seniorenstift“. Offenbar hat das Magazin mit ihm noch gesprochen, ein Foto scheint aktuell zu sein. Doch am Mittwoch, dem 31. März, war in Wikipedia das Ableben Sandbergers vermeldet worden. Hatte der „Spiegel“ die Todesnachricht kurz vor Drucklegung übersehen oder wollte er sich die „schöne“ Geschichte nicht vermiesen lassen? Die Story lebte davon, dass Sandberger seinerseits noch lebte − das letzte unbehelligte Nazi-Monster, so der Tenor über Sandberger, der übrigens die Jahre 1945 bis 1957 in Haft verbrachte.

Inspiriert davon zogen „Bild“ und „Welt“ am 7. und 8. April nach.  Letztere interviewte sogar den Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle, Kurt Schrimm, ob man gegen den inzwischen längst Bestatteten nicht noch juristisch vorgehen könnte. Es ist nicht das erste Missgeschick, das dem Autor dieses Artikels, dem Historiker Sven Felix Kellerhoff, unterlief.

Am 15. September 2009 überraschte er die Leser der „Welt“ mit folgenden Thesen: „70 Jahre nach Kriegsbeginn kann man als gesicherten Konsens der seriösen Forschung festhalten: Die Wehrmacht als Institution war mit vollem Bewusstsein an allen Verbrechen des NS-Regimes beteiligt .... Trotzdem war nicht jeder einzelne Landser ein Mörder, aber mehrere Hunderttausend deutsche Soldaten haben im strafrechtlichen Sinne aktiv an Kriegsverbrechen mitgewirkt.“

Da hätten wohl selbst die Ankläger von Nürnberg gestaunt, die sich jahrelang intensiv bemühten, alle im strafrechtlichen Sinne schuldigen deutschen Kriegsteilnehmer vor Gericht zu stellen.

Die Bestrafung der Kriegsverbrecher war jahrelang eines der obersten Ziele der Alliierten, man muss nur das Potsdamer Protokoll nachlesen. Erst in den 50er Jahren begann wegen des Kalten Krieges eine politische Rücksichtnahme, die man kritisieren kann und muss. Etwa 19 Millionen deutsche Soldaten gab es im Zweiten Weltkrieg, etwas über 6000 davon wurden wegen im Kriege begangener Verbrechen verurteilt, also knapp über 0,03 Prozent.

Kellerhoff rechnet mit etwa dem hundertfachen Anteil – und stellt damit ganz nebenbei den alliierten Ermittlern nach 1945 ein miserables Zeugnis aus. Was soll man dazu sagen? Wenn sie so „sorgfältig“ recherchiert hätten wie Kellerhoff vor seinem Artikel vom 8. April, dann hätten sie gewiss Hunderttausende hinter Gitter gebracht.


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