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17.04.10 / Projekt »Lebenstagebuch« akzeptiert / Schreibtherapie über das Internet soll helfen, die psychischen Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs zu lindern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-10 vom 17. April 2010

Projekt »Lebenstagebuch« akzeptiert
Schreibtherapie über das Internet soll helfen, die psychischen Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs zu lindern

Flucht und Vertreibung und die damit verbundenen Gewalttaten an Frauen sind schwerwiegende Erlebnisse, mit denen die Betroffenen noch im Alter zu kämpfen haben. Wissenschaftler wollen nun helfen, diese oft tabuisierten Traumata zu verarbeiten.

„Das ‚Lebenstagebuch‘ ist kein Frauenprojekt, aber es bietet Frauen der Kriegsgeneration oft erstmalig die Chance, eines der düstersten Tabu-Themen anzusprechen: Kriegsvergewaltigungen. Von der Uno inzwischen offiziell als Kriegsverbrechen eingestuft, wird noch heute in Deutschland weitgehend darüber geschwiegen, dass Hunderttausende Frauen hier im Zweiten Weltkrieg vergewaltigt wurden. Selbst die Opfer behalten ihre schrecklichen Erlebnisse für sich. Die Folgen äußern sich in chronischen Krankheiten und psychischen Störungen, oft auch erst im hohen Alter“, sagt Christine Knaevelsrud, Leiterin der Forschungsabteilung vom Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (bzfo). Das bzfo wendet sich mit dem „Lebenstagebuch“, einer Schreibtherapie über das Internet, an Menschen jenseits der 65, die unter psychischen Langzeitfolgen des Zweiten Weltkrieges leiden. Die bisherige Resonanz hat die Erwartungen deutlich übertroffen, denn in den zehn Monaten seit Beginn des Projektes haben rund 60 Patienten an der Therapie teilgenommen.

Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende sei es für eine Therapie kriegsvergewaltigter Frauen nicht zu spät, sagt Philipp Kuwert, der das Projekt auf Seiten der beteiligten Universität Greifswald leitet. Allein das Sprechen über die Erlebnisse habe „heilende Effekte“, so der Psychiater weiter. Hier knüpft das „Lebenstagebuch“ an: In sechs Behandlungswochen schreiben die Teilnehmer insgesamt elf biografische Texte. Nach jedem Text folgt eine Rückmeldung der Therapeutin. „Wir stellen nicht nur das Trauma, sondern die ganze Lebensgeschichte der Person in den Mittelpunkt“, sagt Knaevelsrud. Es gehe in der biografischen Schreibtherapie darum, eigene Erinnerungen zu systematisieren und Berührungsangst mit den traumatischen Erlebnissen abzubauen.

Bei den Senioren zeigt sich bis jetzt eine hohe Akzeptanz eines Therapieangebots via Internet. Viele Patienten empfinden es als erleichternd, die Kommunikation nicht von Angesicht zu Angesicht zu führen. Neben dieser Anonymität nennt Christine Knaevelsrud weitere Vorteile  der Therapie auf elektronischem Weg: Menschen mit körperlichen Einschränkungen könnten bequem von zuhause aus teilnehmen. Zudem sei es gerade in ländlichen Regionen ein Problem, spezialisierte Therapeuten zu finden.

Die landläufige Meinung, die Verbreitung und Nutzung des Internets könnte in der Zielgruppe zu gering sein, hat sich nicht bestätigt. Mehr als zwei Drittel der bisherigen Patienten – zwischen 65 und 84 Jahre alt – haben die Therapie per E-Mail absolviert, die übrigen auf dem postalischen Ausnahmeweg. Das „Lebenstagebuch“ wendet sich an alle Zivilopfer des Zweiten Weltkrieges. Dass bislang der Frauenanteil unter den Anmeldungen mit rund 70 Prozent überwiegt, erklärt Christine Knaevelsrud in erster Linie mit erlittener sexueller Gewalt, die vor dem Hintergrund der Tabuisierung des Themas besonders großen Leidensdruck erzeugt. Aber auch Männer seien etwa durch Bombardierung, Verschüttung, Flucht oder das Miterleben des Todes nahestehender Menschen traumatisiert. Die Akzeptanz der Schreibtherapie über das Internet ist hoch: Zwischen den Patienten und ihren „virtuellen Therapeuten“ entwickelt sich oft eine stabile, positive Beziehung, wie Maria Böttche, Diplom-Psychologin und Koordinatorin des Projekts „Lebenstagesbuch“, berichtet. Da bei der Schreibtherapie auch schöne Erinnerungen ausgegraben würden, werde die Arbeit an der eigenen Biografie später häufig individuell fortgesetzt. Aus den Fragebögen, die vor und nach der Behandlung auszufüllen seien, gehe hervor, dass durch die Therapie eine Linderung der Symptomatik empfunden werde, so Böttche weiter.

Das Projekt „Lebenstagebuch“, das vom bzfo und der Universität Greifswald gemeinsam entwickelt wurde, läuft noch bis Mitte 2011. Für eine kostenlose Teilnahme sind weitere Anmeldungen von Menschen jenseits der 65 möglich, die unter traumatischen Erlebnissen der Kriegszeit leiden. Zugang zu einem internetfähigen Computer samt E-Mail-Adresse sollte vorhanden sein. Über einen Online-Fragebogen wird festgestellt, wer für die Therapie geeignet ist. Weitere Infos zur Anmeldung für die Schreibtherapie, die in Ausnahmen auch per Brief oder Fax durchgeführt werden kann, gibt es unter www.lebenstagebuch.de. M.B.


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