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17.04.10 / Aus dem Versuch wurde eine Weltanschauung / Heidemarie Schwermer lebt seit 14 Jahren ohne Geld – Verzicht sogar auf Einnahmen aus ihrem Bestseller »Sterntalerexperiment«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 15-10 vom 17. April 2010

Aus dem Versuch wurde eine Weltanschauung
Heidemarie Schwermer lebt seit 14 Jahren ohne Geld – Verzicht sogar auf Einnahmen aus ihrem Bestseller »Sterntalerexperiment«

Sie hat keine Wohnung, kein Konto und keine Versicherungen: Heidemarie Schwermer lebt ohne Geld. Die ehemalige Lehrerin und Psychotherapeutin hat alle Sicherheiten aufgegeben, freiwillig und ohne Not. Sie will beweisen, dass es möglich ist, in unserer Wohlstandsgesellschaft ohne Geld zu leben. „Tauschen und teilen“ lautet ihre Devise.

Geld war der gebürtigen Ostpreußin noch nie wichtig. Dass sie hierzulande ganz ohne auskommen könnte, hätte sie sich anfangs aber nicht träumen lassen. Angefangen hat alles 1994 mit der Gründung der „Gib-und-Nimm-Zentrale“ in Dortmund, wo Heidemarie Schwermer seinerzeit lebte. „Haare schneiden gegen Babysitten, Auto reparieren gegen Fensterputzen“ – so die Idee.

Zwei Jahre später verschenkte sie fast ihr gesamtes Hab und Gut und beschloss, für zwölf Monate völlig auf Geld zu verzichten. Die Praxis löste sie auf, Krankenversicherung und Mietwohnung kündigte sie. Einige wenige Habseligkeiten stellte sie bei einer Freundin unter und trug von nun an das Notwendigste in einem Koffer mit sich. Heidemarie Schwermer wurde so besitzlos wie der legendäre griechische Philosoph Diogenes in der Tonne – und lernte, sich dem Leben anzuvertrauen. „Wenn ich mir etwas wirklich wünsche, bekomme ich es auch“, war ab da ihre Philosophie.

„Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass so ein Leben möglich sein könnte“, sagt Schwermer. „Und meine Erfahrungen sind so fantastisch, dass ich anderen Mut machen will“, erklärt sie.

Zunächst hütete sie Häuser, deren Besitzer verreist waren und ihr zuvor den Kühlschrank gefüllt hatten. Inzwischen lebt sie wochenweise bei befreundeten Familien, sei es in Berlin, Kiel, Krefeld oder München. Überall dort entstanden durch sie „Gib-und-Nimm-Häuser“.

Als Gast solcher Häuser übernimmt Schwermer Kinderbetreuung oder Gartenarbeit, dafür erhält sie Kost und Logis. Manchmal hilft sie auch in Bioläden aus, deren Besitzer ihr im Gegenzug das Nötigste mitgeben. „Kleidung gab es zunächst beim ,Tausch-rausch‘, einem monatlichen Flohmarkt ohne Geld“, fährt sie fort. „Inzwischen wird mir psychologische Beratung oder andere Hilfe schon mal mit einem Kleidungsstück beglichen. Ebenso geht es mit anderen Dingen, die ich brauche. Beispielsweise verfüge ich über Schlüssel für ein Büro in Dortmund, in dem ich gern gesehener Gast bin. Für die Nutzung von Internet und Telefon erbringe ich Gegenleistungen in Form von Kochen, Putzen, je nachdem.“

Das für zwölf Monate geplante Experiment dauert mittlerweile 14 Jahre an – aus dem Versuch wurde eine neue Weltanschauung. „Es war nicht immer einfach, das muss ich zugeben“, sagt sie, „Ich habe gehungert, denn ein Kühlschrank voll reicht nicht, wenn ein Hausbesitzer drei Monate weg ist. Aber ich wollte nicht betteln. Und manchmal diese Gedanken an ein Stück Schokolade oder ein Glas Wein.“

Heidemarie Schwermer ist arm an Geld, aber reich an Erfahrungen und Kontakten. Sie gibt ihr Wissen und Können ständig und vorbehaltlos her, das ist ihr sehr wichtig, denn sie will niemandem auf der Tasche liegen. Und sie nützt auch niemanden aus, obwohl ihr gerade das oftmals vorgeworfen wird, da ihr Leben so anders ist. Ihr Buch „Das Sterntalerexperiment“ ist ein Bestseller und bereits in mehrere Sprachen übersetzt worden. Für das Buch in italienischer Sprache hat sie im Dezember 2008 den Tiziano Terzani Friedenspreis erhalten.

Die kleine Rente, die sie bezieht, verschenkt Schwermer an Menschen in Not, ebenso die Tantiemen aus dem Buch und die Gagen für Fernsehauftritte. Dass ein Leben ohne Notgroschen nur dank der vielen Freunde möglich ist, räumt Schwermer ein.

„Meine Freunde, das Vernetztsein – das ist meine Versicherung“, sagt sie. Doch auch andere Menschen könnten den Zwang überwinden, für alles und jedes Geld nehmen oder geben zu müssen. „Wir dürfen nicht immer nur denken: Ich tue etwas und was bekomme ich dafür“, sagt sie. „Sondern: Ich gebe etwas, weil es mir Freude macht, und dafür bekomme ich, was ich brauche.“ Ellenbogenmentalität und übertriebenes Konkurrenzdenken ließen sich dadurch überwinden, meint sie.

Ohne das materialistische Denken, das sich immer an den Besitztümern anderer orientiert, könnte man jeden Menschen wertschätzen und ihm wohlwollend begegnen, meint sie.

„Die Welt geht immer mehr zugrunde, unzählige Menschen spüren eine Verzweiflung ohne Ausweg. In meinem neuen Lebensmodell gäbe es Ansätze für die Auflösung dieser Hoffnungslosigkeit“, so Schwermer. „Mit meinem Leben ohne Geld gebe ich Denkanstöße. Für viele Menschen bin ich eine Provokateurin, aber anderen diene ich als Mutmacherin. Ohne Geld gewinnen andere Werte an Bedeutung, in die wir alle hineinwachsen können, um ein Leben in wundervollem Miteinander zu führen“, meint sie, „die Welt könnte ohne Geld sein.“ Corinna Weinert


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