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08.05.10 / Ein Revolutionär befreit Süditalien / Mit der Eroberung des Königreiches beider Sizilien ermöglichte Garibaldi die Nationalstaatsgründung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-10 vom 08. Mai 2010

Ein Revolutionär befreit Süditalien
Mit der Eroberung des Königreiches beider Sizilien ermöglichte Garibaldi die Nationalstaatsgründung

Giuseppe Garibaldi gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten der neueren italienischen Geschichte. Kein anderer Vertreter des Risorgimento (Wie­der­geburt/Wiedererstehung) vermochte so viele Anhänger zu mobilisieren und für die Italienische Frage zu begeistern wie der 1807 in Nizza geborene Seemann. Sein durch ihn im Mai 1860 angeführter „Zug der Tausend“ ist eines der wichtigsten Ereignisse der Ent­wick­lung, die nur ein Jahr später zur Gründung des italienischen Nationalstaates geführt hat.

Die Durchführung und der Erfolg dieser militärischen Expedition waren allerdings im Vorfeld mehr als unsicher, denn nach den gescheiterten Revolutionen 1848 in Italien war eine Lösung der nationalen Frage nicht in Sicht. Die einzelnen Staaten Italiens waren nämlich im Norden im Machtbereich der Habsburger und im Süden unter der Herrschaft der Bourbonen. Der Kirchenstaat schob sich dabei wie ein Riegel in die Mitte der Halbinsel und verhinderte einen zügigen politischen und wirtschaftlichen Informationsaustausch zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil Italiens.

Nur das Königreich Sardinien-Piemont hatte seine politische Unabhängigkeit wahren können, da es als Pufferstaat in der europäischen Gleichgewichtspolitik der Großmächte den direkten Kontakt zwischen Österreich und Frankreich zu verhindern half. Abgesehen davon, dass das Königreich mit dem Haus Savoyen ein einheimisches Herrschergeschlecht besaß, setzten viele italienische Patrioten ihre politischen Hoffnungen in den nordwestitalienischen Staat wegen seiner liberalen Orientierung und konstitutionellen Monarchie.

Ab 1852 wurde Sardinien-Piemont durch den Ministerpräsidenten Camillo Benso Graf von Cavour auf der europäischen Bühne vertreten. Dieser sogenannte italienische Bismarck, der für die taktisch-diplomatische Seite des Risorgimento steht, wird in seinen Bemühungen um eine mögliche italienische Einigung Italiens durch Giuseppe Garibaldi unterstützt. Der Abenteurer, Revolutionär und Seemann hat sich durch sein militärisches Geschick den Beinamen „Held zweier Welten“ verdient, da er weder während seines Exils in Südamerika noch in Italien jemals eine Schlacht im Freiheitskampf verloren hatte. Der selbsternannte General Garibaldi vertritt wie Cavour die Absicht, Italien politisch zu einen. Er geht dieses Ziel allerdings etwas unkonventioneller an und beabsichtigt, die Einigung über den Süden der Halbinsel herbeizuführen.

Mit gerade einmal 1089 Anhängern aus allen Teilen Italiens und Europas, darunter als offizieller Berichterstatter Alexandre Dumas d.Ä., allerdings ohne genügend Ausrüstung, Bewaffnung und vor allem ohne Geld bricht er am 4. Mai 1860 auf den beiden Handelsschiffen „Piemonte“ und „Lombardia“ vom ligurischen Quarto in der Nähe von Genua in Richtung Sizilien auf. Sein Ziel ist es, dort die vermeintlichen Aufstände zu unterstützen und die bourbonische Herrschaft zu stürzen. Garibaldi nimmt mit seinen Schiffen eine Route über die toskanische Hafenstadt Porto San Stefano, um Proviant, Kohle und Waffen aufzunehmen – und den Störmanövern Cavours auszuweichen. Denn dieser versucht mit allen Mitteln, die Expedition im Geheimen zu unterbinden, da er in ihr eine Gefahr für die Position Sardinien-Piemonts als treibende Kraft für die nationale Sache sieht. Cavour steckt hier in einer Zwick­mühle, zumal Garibaldi als Leitspruch seiner Unternehmung „Italien und Viktor Emanuel“ gewählt und sich damit zum sardisch-piemontischen König Viktor Emanuel II. bekannt hatte. Nachdem es offensichtlich ist, dass er Garibaldi, der in ganz Europa viele einflussreiche Bewunderer hat, nicht mehr aufhalten kann, lässt er ihn gewähren und nutzt die militärischen Erfolge des Generals nun für seine eigenen Ziele aus.

Und Garibaldi ist erfolgreich. Nach der Landung am 11. Mai 1860 in der sizilianischen Stadt Marsala gelingt ihm mit seinen wenigen und schlecht ausgerüsteten Anhängern der Sieg über das bourbonische Heer. Nur ein Monat später fällt auch Palermo und Garibaldi setzt mit wenigen Getreuen auf das Festland über, um die Hauptstadt des Königreiches beider Sizilien Neapel zu erobern. Auch hier erringt er einen überragenden Sieg und wird triumphal empfangen. Der General zieht weiter. Das nächste Ziel, das er nun anstrebt ist Rom. Doch diesmal fällt Cavour ihm entschieden in den Arm, denn er befürchtet, dass bei einer Einnahme der Ewigen Stadt die Schutzmacht des Kirchenstaates, das Frankreich Napoleon III., intervenieren würde und sämtliche Erfolge damit zunichte gemacht wären. Er schickt Garibaldi deshalb seinen König entgegen. Und so treffen sich Viktor Emanuel und Garibaldi am 26. Oktober 1860 in dem kleinen, südlich von Rom gelegenen Ort Teano. Der siegreiche General übergibt den Süden Italiens dort in die Hände des Königs von Sardinien-Piemont. Die politische Entscheidung über eine Annektierung wird kurze Zeit später durch Plebiszite legitimiert und das Königreich Italien im März 1861 noch ohne Rom und Venetien offiziell verkündet.

Gleichwohl ist Garibaldi mit dem Ausgang dieser Entwicklung nicht einverstanden. Sein Ziel war ursprünglich ein republikanisch-föderales Italien und so zieht er sich grollend zurück und beginnt seinen eigenen Mythos zu pflegen.

Die militärische wie auch identitätsstiftende Bedeutung von Garibaldis „Zug der Tausend“ wurde schon früh erkannt. „Garibaldi“, so schrieb Cavour, der den Abenteurer nie besonders schätzte, „hat Italien den größten Dienst geleistet, dessen ein Mensch fähig ist: Er hat den Italienern Selbstvertrauen gegeben und hat Europa gezeigt, dass die Italiener auf dem Schlachtfeld zu kämpfen und zu sterben verstehen, um sich ihr Vaterland zu erobern.“         Anne Bruch

Der Zug der Tausend – Die Eroberung Siziliens durch Giuseppe Garibaldi im Mai 1860


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