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12.06.10 / Taliban unbeeindruckt / »Friedens-Jirga« in Kabul ohne greifbares Ergebnis

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 23-10 vom 12. Juni 2010

Taliban unbeeindruckt
»Friedens-Jirga« in Kabul ohne greifbares Ergebnis

Der Afghanistan-Krieg hat sich seit der ersten Phase von Oktober 2001 bis November 2002, als die Taliban aus Kabul und, wie es schien, auch aus den meisten Teilen des Landes vertrieben waren, zu einer Art „Routine-Fall“ entwickelt. Denn beim Publikum hängen bleibt nur, dass laufend Meldungen über getötete Soldaten, Zivilisten und natürlich auch Taliban kommen und dass immer wieder neue Truppenkontingente entsandt werden. Derzeit sind 122000 Mann stationiert, und weitere sollen folgen. Kosten-Transparenz wird aber möglichst vermieden.

Aufgelockert wird das Bild durch Truppenbesuche Prominenter oder Berichte über Infrastrukturprojekte, und in der Hauptstadt ist anscheinend sogar „alles in Ordnung“. Das ändert aber nichts daran, dass die Taliban heute wieder stärker sind denn je, wenngleich sie nirgends offiziell die Macht ergreifen konnten oder wollten. Jedenfalls gilt die Sicherheitslage im Lande heute als die schlechteste seit zehn Jahren.

Zwei Entwicklungen fielen nun aus dem gewohnten Rahmen. Erstens haben die USA ihre zuletzt kritische Haltung gegenüber Präsident Hamid Karsai neuerlich revidiert. Sichtbarster Ausdruck war seine Behandlung durch die US-Führung Anfang Mai in Wash-ington. Karsai hatte einst beim Sturz der Taliban mit den USA zusammengearbeitet und war von diesen 2002 interimistisch zum Präsidenten gemacht worden, was er auch nach den zwei umstrittenen Wahlgängen 2004 und 2009 blieb. Die Skepsis gegenüber Karsai hat nicht unwesentlich mit seinem Halbbruder zu tun, der als der größte Drogenbaron des Landes gilt.

Zweitens gab es vorige Woche eine „Friedens-Jirga“. Karsai hatte 1600 Würdenträger aus dem ganzen Land nach Kabul geladen, wo sie unter einem großen Zeltdach tagten – „jirga“, eigentlich „Zelt“, ist Synonym für Ratsversammlung. Die Taliban waren nicht dabei und meldeten sich mit einem Raketenangriff, der allerdings das Zelt um ein paar hundert Meter verfehlte. Einhellig „beschlossen“ wurde, jene internierten Taliban, die sich „reumütig“ zeigten oder denen man ohnehin nichts nachweisen konnte, freizulassen. Weiter wurde vorgeschlagen, dass die Aufständischen von der Uno-Sanktionsliste gestrichen werden, wenn sie sich „von Al-Kaida lossagen“.

Das Angebot, mit den Aufständischen zu verhandeln, sehen diese aber als Propagandatrick der USA und sprechen der Jirga jede Legitimität ab. Sie erklären, dass sie erst dann verhandeln würden, wenn alle fremden Truppen fort sind. Genau das können die USA nicht wollen – und auch nicht Karsai. Denn er weiß, wie es seinem einst von den Sowjets eingesetzten Amtsvorgänger Mohammed Najibullah erging. Er war von 1986 bis 1992 afghanischer Präsident, hielt sich also sogar nach dem Abzug der Sowjets 1989 noch drei Jahre lang. Doch nach der Eroberung Kabuls durch die Taliban 1996 holten diese ihn aus seinem „Exil“ im UN-Hauptquartier und hängten ihn auf. Doch vermutlich hat Karsai ohnehin seine Schäfchen im Trockenen und wird sich rechtzeitig absetzen. De facto gilt also wieder einmal „außer Spesen nichts gewesen“ – oder auf gut Neusprech „back to square zero“. Richard G. Kerschhofer


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