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14.08.10 / Interpret und Seelenschilderer / Zehn Jahre Museum Georg Schäfer: Eine Ausstellung in Schweinfurt zeigt Porträts aus dem 19. Jahrhundert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 32-10 vom 14. August 2010

Interpret und Seelenschilderer
Zehn Jahre Museum Georg Schäfer: Eine Ausstellung in Schweinfurt zeigt Porträts aus dem 19. Jahrhundert

„Eines der schönsten neuen Kunsthäuser der Republik“ wurde das Museum Georg Schäfer (MGS) in Schweinfurt schon genannt. In diesem Jahr feiert es sein zehnjähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wird eine Ausstellung mit Meisterwerken der Porträtkunst gezeigt.

Die Stadt Schweinfurt verbindet man gemeinhin mit Kugellagern oder gnerell mit der metallverarbeitenden Industrie. Georg Schäfer (1896–1975), Industrieller und Mitinhaber der FAG Kugelfischer Georg Schäfer & Co., hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine der bedeutendsten Sammlungen deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts zusammengetragen. Heute ist diese Sammlung in einem Museum vereint und umfasst etwa 1000 Gemälde und 4600 Arbeiten auf Papier. Bislang konnte man im MGS 440000 Gäste aus nah und fern begrüßen.

Mit der neuen Ausstellung, in der Porträtkunst des 19. Jahrhunderts zu bewundern ist, begegnet der Besucher dem Menschen in all seiner Vielfalt. So schreibt Sigrid Bertuleit, Direktorin des Museums Georg Schäfer, im Katalog zur Ausstellung: „Der Sammler Georg Schäfer hatte sich beim Ankauf von Bildnissen wohlweislich nicht auf die zeitgepolten Repräsentations- und Ausstattungsstücke sowie den Ahnenkult konzentriert. Er richtete seine Sammleraussage vielmehr auf Menschenbilder, Dichter, Denker, Politiker, Maler und Musiker.“

Der Maler Philipp Otto Runge (1777–1810) hat einmal gesagt: „Wie habe ich mich davor geängstigt, das Gefühl zu verlieren, dass ich einst ein Gesicht zeichnen könnte ohne Ausdruck, ohne dass nur irgend etwas anderes da wäre als Auge, Mund und Nase; und wie kann ich mich noch davor ängstigen.“ Sein Kollege Wilhelm Trübner (1851–1917) sah das ganz anders: „Es ist gleich, ob ein Porträt ähnlich ist; nach fünfzig Jahren weiß doch kein Mensch mehr, wie der Betroffene ausgesehen hat.“ Es lag nicht zuletzt in dieser Verantwortung des Porträtisten, welches Bild die Nachwelt vom Dargestellten hat. „Von der spontanen Skizze und Erinnerungszeichnung über das repräsentative Porträt bis hin zur Karikatur prägte der Künstler als Interpret und Seelenschilderer des Menschen dessen Bild im Auge der Nachwelt“, so Karin Rhein, Kuratorin für Grafik am MGS, im Katalog. So wird etwa das Bismarck-Bild bis heute entscheidend geprägt durch die Porträts, die Franz von Lenbach (1836–1904) geschaffen hat.

Der bayerische Maler hat wie kein anderer Künstler den Eisernen Kanzler porträtiert. Ein erstes offizielles Bildnis entstand 1879. 80 weitere sollten folgen. 1898 zeichnete Lenbach Bismarck auf dem Totenbett, und später entstanden Bildnisse für Bismarck-Verehrer. Das früheste Bildnis Otto von Bismarcks aber schuf Franz Krüger (1797–1857). Es zeigt einen jungen Mann, der lässig auf einer Gartenbank posiert. Krüger stellt Bismarck elegant und etwas dandyhaft dar – der „Eiserne“ Kanzler ist noch nicht zu ahnen.

Im Luisen-Jahr 2010 wird man immer wieder mit Bildnissen der preußischen Königin konfrontiert. Ihr Mann, der eigentliche Herrscher Preußens, Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) ist in den Hintergrund gedrängt. Eine Kreidezeichnung von Karl Begas (1794–1854) aus dem Jahr 1825 zeigt im MGS einen Mann, der den Betrachter skeptisch anblickt. Die Zeichnung entstand für das erste Porträt, das Begas vom König zeichnen durfte. Bald war Begas anerkannter Bildnismaler in Berlin, doch erst 1846 erfolgte die Ernennung zum preußischen Hofmaler. Von Immanuel Kant über Richard Wagner bis Arthur Schopenhauer reicht die Reihe der Porträtierten. Den Königsberger Philosophen malte der reisende Porträtist C. Vernet, über den nur wenig bekannt ist. Das Bild zeigt den fast 70-jährigen Philosophen 1793 in Dreiviertelansicht. Kritisch blickt der Königsberger den Betrachter an, so dass man in Dialog mit dem großen Denker treten möchte. Eine „Eingangspforte“ zu seiner eigenen Philosophie bezeichnete der junge Schopenhauer Kants Lehre. Der Danziger gilt als der bedeutendste Schüler des Königsbergers. Das Aquarell mit dem Bildnis des „jungen Wilden“ von 1806 zeigt einen jungen Mann, der mit wachen, wenn auch skeptischen Augen in die Welt blickt. Noch ist er etwas kindlich, doch sein energisches Kinn weist den Weg. Schopenhauer stand der Porträtkunst allerdings kritisch gegenüber, denn er meinte, er sei nicht zu porträtieren, da er jeden Augenblick ein anderes Gesicht zeige. Dennoch haben es viele Künstler versucht, ihn zu porträtieren. Das Schweinfurter Bildnis ist jedoch nicht genau zuzuordnen, es stammt vermutlich von Louise Caroline Seidler oder Caroline Bardua. Es ist aber das bislang früheste bekannte.

Die Schweinfurter Ausstellung beherbergt nicht nur eine Reihe von illustren Porträtierten, sondern auch Werke von bedeutenden Künstlern wie Corinth, Liebermann, Slevogt, Spitzweg oder Menzel. Ein Gang durch diese Schau ist somit auch ein Gang durch die deutsche Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts. Silke Osman

Die Ausstellung „Meisterwerke der Porträtkunst“ ist vom 2. bis 19. August aus technischen Gründen geschlossen. Sie ist wieder vom 20. August bis 31. Oktober dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr im Museum Georg Schäfer, Brückenstraße 20, Schweinfurt am Main, geöffnet. Im September freier Eintritt, sonst 6/5 Euro. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher, farbig bebilderter Katalog (256 Seiten, 228 Abbildungen, davon 139 in Farbe und 89 Schwarzweiß-Abbildungen, 34 Euro).


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