25.01.2022

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04.09.10 / Beliebigkeit als Markenzeichen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-10 vom 04. September 2010

Beliebigkeit als Markenzeichen
von Wilhelm v. Gottberg

Der Evangelische Arbeitskreis (EAK) der CDU/CSU ist eine Vereinigung innerhalb der Unionsparteien, die evangelischen Christen die Möglichkeit gibt, im Rahmen der innerparteilichen Diskussion Einfluss auf die Parteiprogrammatik und die Tagespolitik zu nehmen. Bundesvorsitzender des ist zurzeit der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Rachel, zugleich Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Im Mitteilungsblatt des EAK „Evangelische Verantwortung“ Ausgabe 7/8 2010 wird über die Verleihung der Hermann-Ehlers-Medaille des EAK an Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) berichtet.

Es ist die autonome Entscheidung der Gremien des EAK, wer geehrt und ausgezeichnet werden soll. Wenn aber die zu ehrende Person eine lebende Person der Zeitgeschichte ist, und diese Ehrung mit einer sehr einseitigen Begründung vorgenommen wird, ist das für viele ein Ärgernis.

Weizsäcker habe sich wie kein anderer für die Überwindung der Teilung Deutschlands eingesetzt, und er habe die Kraft zur Versöhnung und zum Brückenbauen gehabt, so Rachel in seiner Laudatio auf Weizsäcker.

Wir haben das anders erlebt. Der ehemalige Bundespräsident (1984–1994) ist aufgefallen durch eine populistische Anbiederung an den Zeitgeist und seine kaum getarnte Gegnerschaft zu Helmut Kohl. In den entscheidenden Tagen im November 1989 bis Februar 1990 hat er geschwiegen oder gebremst. Ex-Kanzler Kohl kann sich nicht daran erinnern, von Weizsäcker in jener Zeit das Wort „Wiedervereinigung“ gehört zu haben. „Deutschland soll zusammen wachsen, nicht zusammen wuchern“, so der Ex-Bundespräsident. Dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 Grundgesetz hat Weizsäcker zunächst abgelehnt. Kohl schreibt in seinen Erinnerungen, dass Weizsäcker schon beim Honecker-Besuch 1987 in Bonn durch Zugeständnisse an DDR-Forderungen Kohls Politik geradezu in den Rücken gefallen sei. Weizsäcker ist aufgefallen durch seine unglaubliche Indifferenz hinsichtlich der Stasiverstrickung Stolpes und nach dem Regierungsantritt der Regierung de Maizière im März 1990 traf der amtierende Bundespräsident mit dem abgewählten DDR-Ministerpräsidenten Modrow zusammen.

Rachel würdigt Weizsäcker auch als überzeugten und bekennenden Christen. Dies werde deutlich an seiner Eigenschaft als Mitverfasser der EKD-Ostdenkschrift und in seinem früheren Wirken als Kirchentagspräsident. Auch das haben wir anders in Erinnerung. Der ehemalige Bundespräsident hat durch seine Mitautorenschaft an der Ostdenkschrift zur Polarisierung beigetragen und jedes Verständnis für die Heimatvertriebenen vermissen lassen. 1985 sprach er von der „erzwungenen Wanderschaft“ der Vertriebenen. Weizsäcker hat weder als Kirchentagspräsident noch als Bundespräsident ein eindeutiges Bekenntnis zu Jesus Christus abgelegt. Ein überzeugter und bekennender Christ? Karl Carstens, sein Vorgänger im Amt des Bundespräsidenten, hat dies Bekenntnis wiederholt abgelegt.

Der EAK hat mit der Ehrung etwas nachgemacht, was die EKD bereits am 31. Oktober 2009 mit der Verleihung der Luther-Medaille an Weizsäcker vorgemacht hat. Wörtlich hieß es damals in der Laudatio: „In Persönlichkeiten wie Ihnen findet der Geist der Reformation eine lebendige Anschauung“. Widerspruch! Martin Luther riskierte sein Leben für Christus, Weizsäcker meidet öffentlich geradezu seinen Namen. Luther stand gegen die Autoritäten seiner Zeit, der Ex-Bundespräsident schwamm immer mitten im Mainstream.


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