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16.10.10 / Später Zusammenschluss / Als die CDU (West) sich im Odeon-Saal in Goslar gründete, stellte sie bereits den Bundeskanzler

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 41-10 vom 16. Oktober 2010

Später Zusammenschluss
Als die CDU (West) sich im Odeon-Saal in Goslar gründete, stellte sie bereits den Bundeskanzler

Jeder kennt den ersten CDU-Bundesvorsitzenden – Konrad Adenauer. Kaum bekannt ist dagegen, dass die CDU als Bundespartei erst im Herbst 1950 gegründet wurde, mehr als ein Jahr nach der ersten Bundestagswahl.

Schon 1945 fanden sich christlich gesinnte Demokraten in der SBZ und in Westdeutschland zusammen. Über Länder- und (ehemalige) Zonengrenzen hinweg konstituierte sich die westdeutsche CDU allerdings erst im Herbst 1950 – mehr als ein Jahr nach den ersten Bundestagswahlen. Gewonnen hatte diese Wahl also eine Partei, die als bundesweite Organisation noch gar nicht existierte.

Die Ursachen für diese „verspätete“ Parteigründung sind vielfältig. Bereits unmittelbar nach Kriegsende bildeten sich – zunächst auf regionaler Ebene – Gruppierungen, die die Gründung einer demokratischen, beide christlichen Konfessionen umfassenden Partei anstrebten. Auch wenn stets betont wurde, dass es sich um eine Neugründung handelte, so war doch von Anfang an sowohl programmatisch als auch personell deutlich erkennbar, dass die CDU stark in der Tradition des politischen Katholizismus, der 1933 aufgelösten Zentrumspartei stand.

Abhängig waren die 1945 wieder- und neuentstandenen Parteien von der Zulassungspraxis der Besatzer. Zuerst erlaubten die Sowjets am 10. Juni die Bildung „antifaschistischer Parteien“ in ihrer Zone. Hier war der Gedanke maßgeblich, dass die unter Aufsicht der Sowjetischen Militäradministration stehenden Parteien einen entsprechenden Einfluss auf ganz Deutschland ausüben sollten. Die CDU war von Anfang an in die „antifaschistische Blockbildung“ einbezogen. Was Willfährigkeit betraf, hatten sich die Besatzer im Falle der beiden ersten CDU-Vorsitzenden der SBZ jedoch getäuscht. Andreas Hermes kritisierte die Bodenreform und wurde bereits im Dezember 1945 abgesetzt. Auch sein Nachfolger Jakob Kaiser, der den von der SED initiierten „Volkskongress“ ablehnte, wurde zwei Jahre später faktisch seines Amtes enthoben. Danach erfolgte die Gleichschaltung der CDU in der SBZ. Sowohl Hermes als auch Kaiser waren in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft im Widerstand und hatten Kontakte zu Carl Friedrich Goerdeler. Nach dem 20. Juli 1944 musste Kaiser untertauchen, Hermes wurde zum Tode verurteilt. Es gelang seiner Frau jedoch, mehrfach Aufschub zu erreichen, so dass das Urteil schließlich nicht mehr vollstreckt wurde. Hermes und Kaiser verließen nach ihrer Absetzung die SBZ. Hermes wirkte später in der Bundesrepublik als Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Kaiser wurde Minister für Gesamtdeutsche Fragen.

Beide hatten ursprünglich die Führung einer gesamtdeutschen CDU für sich reklamiert. Von der Berliner „Haupt-“ beziehungsweise „Reichsgeschäftsstelle“ war man um eine „reichseinheitliche“ Organisation der Gesamtpartei bemüht. Die Kontrolle durch die sowjetischen Besatzer konterkarierte den Anspruch der persönlich integeren Berliner CDU-Führung jedoch erheblich. Zudem war der Wille zur Unterordnung der in den drei westlichen Besatzungszonen entstanden Gruppierungen nicht sonderlich ausgeprägt. Abneigung gegen die preußisch-protestantische Hauptstadt spielte hier ebenso eine Rolle wie föderalistische Gedanken, die auf die katholische Soziallehre zurückgehen – das Erbe der Zentrumspartei ist hier unverkennbar.

Schon 1945 hatten die Besatzer überall in Deutschland Parteien zugelassen, zuletzt die Franzosen am 13. Dezember. Obwohl sich der Name CDU der anfangs unterschiedlich benannten Gruppierungen durchsetzte, hielten sich die Bestrebungen zu Zusammenschlüssen in Grenzen. Hauptgrund dürften die zunächst großen programmatischen Differenzen gewesen sein. So setzte beispielweise der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer auf marktwirtschaftliche Positionen und die westeuropäische Integration. Dem gegenüber stand die Idee eines christlichen Sozialismus, die auch in den westlichen Besatzungszonen Anhänger hatte. Einer der wichtigsten Exponenten dieser Vorstellungen war Jakob Kaiser, der Deutschland auf einen „dritten Weg“ führen wollte und ihm eine Mittlerrolle zwischen Ost und West zugedacht hatte. Vor allem nach seiner Absetzung als Vorsitzender der SBZ-CDU verlor Kaiser aber an Einfluss. Bis zu seinem Tod 1961 blieb er einer der Kritiker Adenauers innerhalb der Union.

Was das Zusammengehen der einzelnen CDU-Verbände betraf, so konnte man sich lediglich auf einen „Zonenverbindungsausschuss“ einigen. In der Französischen und Amerikanischen Besatzungszone gelang es nicht einmal, die Landesverbände auf Zonenebene zusammenzuschließen. Einzig die Britische Zone erreichte einen vergleichsweise hohen Organisationsgrad. Den Vorsitz hatte im März 1946 Konrad Adenauer übernommen. In der Folge ist die Geschichte der sich formierenden CDU auf das Engste mit seinem Namen und seinem Taktieren – oder wenn man so will: mit seinem politischen Geschick – verbunden. Führungsansprüche norddeutscher Protestanten konnte er ebenso abwehren wie den übermäßigen Einfluss süddeutscher Föderalisten. Adenauer war Katholik, teilte aber viele Positionen mit den Protestanten, besonders was die Wirtschaftspolitik betraf. Somit war er für Vertreter beider Konfessionen akzeptabel. Hinzu kam seine Persönlichkeit: Er pflegte das informelle Gespräch im kleinen Rahmen im Vorfeld eigentlicher Entscheidungen. Innerparteiliche Rivalen wurden von vorn herein kalt gestellt, gefügig gemacht oder „weggelobt“. Mit der Ausrichtung auf Marktwirtschaft und Westintegration hatte sich Adenauer programmatisch durchgesetzt. Vielfach musste er sich aber auch in den eigenen Reihen den Vorwurf gefallen lassen, durch seine Politik die Spaltung Deutschlands nicht nur hinzunehmen, sondern sogar zu vertiefen.

Adenauer gelang es, die CDU, die 1960 erst rund 200000 Mitglieder hatte, zu seinem Machtinstrument zu formen. Geführt wurde sie nach seiner Wahl zum Bundeskanzler eher aus dem Kanzleramt heraus als durch die – zuständigen – Parteigremien. So ist es wohl auch zu erklären, dass die eigentliche Gründung der CDU als Bundespartei auf dem Parteitag in Goslar vom 20. bis zum 22. Oktober 1950 als historisches Datum der Geschichte der Bundesrepublik im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielt.  Erik Lommatzsch


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