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16.10.10 / »Goldene Zwanziger« in Königsberg / Ausstellung im Museum Friedländer Tor entführte in ein fernes, vielgerühmtes Jahrzehnt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 41-10 vom 16. Oktober 2010

»Goldene Zwanziger« in Königsberg
Ausstellung im Museum Friedländer Tor entführte in ein fernes, vielgerühmtes Jahrzehnt

Mit der Ausstellung „Mode in Königsberg: Die 20er Jahre“ setzte das Museum Friedländer Tor vom 23. Juli bis 19. Oktober einen Ausstellungszyklus über Mode und Lebensstil in der ostpreußischen Hauptstadt fort.

Über 4000 Besucher konnte das Museum Friedländer Tor für seine diesjährige Modeausstellung verbuchen. Diese kamen nicht nur aus Russland und Deutschland, sondern auch aus den Nachbarländern und sogar aus Kanada und Japan. Die Aussteller hatten es sich zur Aufgabe gemacht, den Stil der 20er Jahre in verschiedenen Lebensbereichen zu zeigen, von der Architektur bis zu Alltagsgegenständen. In der Ausstellung waren insgesamt 170 Exponate zu sehen, darunter historische Aufnahmen von Gebäuden und deren Interieurs, Privataufnahmen von Königsbergern, dekorative Kunstgegenstände, Geschirr und Originalkleidungsstücke.

Die 20er Jahre brachten große Umwälzungen in Europa. Der Erste Weltkrieg war vorbei, und nach seinem Ende vollzog sich in der Mode eine strikte Abgrenzung zum vergangenen 19. Jahrhundert. In diese Zeit fiel die Sternstunde des „Art Déco“, einer der letzten großen Kunststile, der alle Lebensbereiche beeinflusste. Auch Königsberg verwandelte sich unter dem Einfluss dieses Stils.

Ende der 20er Jahre begann in der Stadt ein Bauboom. Nach den im Bauhaus verwirklichten Ideen von Walther Gropius wurden das Parkhotel (1929), das Stadtarchiv (1929/1930), das Rundfunkgebäude, die Staatliche Mädchen-Gewerbeschule und die Höhere Handelsschule (jeweils 1930) sowie eine Reihe anderer Gebäude errichtet, die bis heute im Königsberger Zentrum erhalten geblieben sind.

Charakteristisch für den neuen Architekturstil waren Pragmatismus und das Fehlen dekorativer Elemente. Große Glasflächen lösten die traditionellen Massivmauern ab und vermittelten ein neues Raumgefühl.

In dieser Zeit wirkten in Königsberg die bedeutenden Architekten Hans Hopp, Robert Liebenthal, Erich Mendelsohn und Friedrich Heitmann. Sie wählten neue, „moderne“ Richtungen in der Architektur und prägten mit ihren Bauten den Stil der Stadt für die kommenden Jahrzehnte.

Bei der Kleidung spiegeln sich vor allem bei der Frauenmode die globalen gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg wider. Die Stellung der Frau hatte sich verändert. So wie Charakter und Lebensstil veränderte sich auch ihr Äußeres. Korsetts wurden nicht mehr verwendet, die Kleidung wurde schlichter, Kleider und Röcke wurden kürzer, die Taille nur noch leicht angedeutet. Der aktive Lebensstil änderte auch die Vorstellung von Schönheit: Der Begriff „Jugendkult“ kam auf. Sportlichkeit, nack­te Beine und entblößte Rücken wurden für Modebewusste obligatorisch. Sommerbäder an Kurorten waren „in“. Perlen auf sonnengebräunter Haut galten als schick.

In den sogenannten Goldenen Zwanzigern entdeckten die Menschen ihre Liebe zum Tanz. Kurze glänzende Kleider mit fliegenden „Schwänzchen“ in grellen Farben, die mit ihren Fransenverzierungen die Grazie der neuen rhythmischen Tänze unterstrichen, bestimmten den Stil auf der Tanzfläche.

Die Ausstellung wurde mit einer Aufführung eröffnet, die die Gäste atmosphärisch in die Welt der 20er Jahre entführte. „Die unblutige Revolution: Die Verwandlung der Frau“ zeigte die Veränderung im Aussehen europäischer Frauen nach dem Ersten Weltkrieg. In dem Mini-Stück wurde ein Tag aus dem Leben der Frauen der „Goldenen Zwanziger“ erzählt, während eine Kollektion mit rekonstruierten Kleidungsstücken vorgestellt wurde. Alle Modelle waren speziell für das Museum Friedländer Tor von dem Meister-Atelier „Garderobe“ angefertigt worden. Zu den beeindruckendsten Exponaten zählten Kleider des Pariser Künstlers, Modehistorikers und Kollektionärs Alexander Wassiljew. Er hatte drei Kleider und Modejournale mitgebracht, nach denen die Modelle angefertigt worden waren. Neben russischen Privatsammlern hatten auch Deutsche mit Fotografien und Auskünften zur Ausstellung beigetragen. Leser der PAZ waren dem in Folge 31/2009 veröffentlichten Aufruf gefolgt und hatten sich mit dem Museum in Verbindung gesetzt.

Weil die Nachfrage groß war, wurde die Ausstellung um zwei Wochen verlängert. Auch bei Lehrern war das Interesse groß. Sie führten ihre Schulklassen in die Ausstellung. Das Interesse an der Vergangenheit Königsbergs ist insgesamt groß, besonders an seiner Architektur, aber auch an Traditionen, Kulinarischem und Festtagen. Irina Koschewnikowa/MRK


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