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16.10.10 / Besitz ist kein Privileg, sondern Verpflichtung / Über die teilweise Rückkehr des böhmischen Adels nach Vertreibung und Enteignung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 41-10 vom 16. Oktober 2010

Besitz ist kein Privileg, sondern Verpflichtung
Über die teilweise Rückkehr des böhmischen Adels nach Vertreibung und Enteignung

Der Adel war in der Habsburger Monarchie über Jahrhunderte die dominierende Gesellschaftsschicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber wurden von Polen bis hinunter nach Ungarn fast alle großen Adelsgeschlechter enteignet, wurden drangsaliert und oft genug als Klassenfeinde par exzellence inhaftiert, gefoltert oder aus dem Land gejagt, obwohl sich die meisten Familien loyal zu ihrem Staat, also zu Polen, zu Ungarn und besonders zur Tschechoslowakei verhalten hatten.

Inzwischen konnten zahlreiche Familien zurückkehren und haben Ländereien und Schlösser zurück-erhalten. Für die Tschechische Republik hat der Prager Journalist Vladimir Votypka mehrfach dar­über informiert; in dem jetzt bei Böhlau erschienenen Band stellt er das Schicksal von 14 Geschlechtern im Auf und Ab des 20. Jahrhunderts vor; durch seine anteilnehmende Erzählweise und durch viele persönliche Gespräche mit den Betroffenen ist er ebenso anregend wie bewegend.

Teilweise sind es berühmte Familien, die in ganz Europa einen guten Klang hatten und noch haben, – etwa die Schwarzenbergs, die Dobrezenskys, die Familien Troskov, das berühmte Geschlecht der Coudenhove-Kalergi, der Czernins und die Familie Lobkowicz. Teilweise lassen sich die Geschlechter bis in das 12. Jahrhundert zurück-verfolgen, manche stammten aus den böhmischen Landen, andere kamen aus Italien (die Belcredis), aus der Ukraine (die Razumovskys) oder aus Brabant (Coudenhove-Kalergi). In der Treue zu Habsburg kamen sie zu Ruhm und Ehre. Und zu großem Besitz. Besitz, so einer der hier Porträtierten, „ist kein Privileg, sondern Verpflichtung“. Danach handelten sie. Sie bauten Schlösser und Landhäuser, kultivierten öde Regionen, führten neue Landtechniken ein oder machten sich als Staatsmänner, Militärs und Wissenschaftler – einige auch als Nationalisten für die tschechische Sache – einen Namen.

Schon nach 1918 wurde das Leben des böhmischen Adels schwieriger, die junge Republik stand ihnen reserviert gegenüber (nicht umgekehrt). Eine wahre Schreckenszeit brach dann nach dem Zweiten Weltkrieg herein, besonders als 1948 die Kommunisten die Macht erobert hatten. Fast alle wurden enteignet, von Schloss und Hof gejagt und lebten, sofern sie nicht unter Lebensgefahr in den Westen flüchteten, jahrzehntelang unter primitivsten Verhältnissen. Es hagelte Gefängnisstrafen und Zwangsarbeit. Der Autor lässt fast alle Porträtierten, die entweder die Schrecknisse selbst noch erlebt haben oder von den Eltern her kannten, zu Wort kommen. Es ist eine bedrückende Leidensgeschichte wie auch eine beispielhafte Schilderung, was Anteilnahme und Solidarität untereinander zu leisten vermögen.

Unter großen Mühen wurden die seit 1992 nach und nach restituierten Schlösser renoviert. Allerdings sind viele Familienangehörige inzwischen in aller Welt sesshaft geworden, so dass offen bleiben muss, wie es auf den Besitzungen weitergeht. Immerhin, Wiedergutmachung ist geleistet worden, ein Beweis, dass Rechtsstaatlichkeit in die junge tschechische Demokratie zurückgekehrt ist.

Der Autor ruft ein fast vergessenes Kapitel mitteleuropäischer Geschichte wieder in Erinnerung. Manchen Leser würden wohl ausführlichere historische Rückblicke mehr interessieren als manche Momentaufnahme. Nur in den Kapiteln zu den Czernins, zu den Tros­kovs (verwandt mit den Thurn- und Taxis in Regensburg und wie diese „Postmeister“ in der Habsburger Monarchie), zu den Coudenhove-Kalergis (einer von ihnen gründete 1923 die Paneuropa-Bewegung) und zu den Rasumovskys wird dieser Wunsch erfüllt; das ist ein bisschen schade. Erstaunlich, dass in diesem nobel auf Hochglanzpapier gedruckten Buch eine Landkarte fehlt. So kommen die vielen Namen von Schlössern und Ortschaften dem unkundigen Leser wie die sprichwörtlichen „böhmischen Dörfer“ vor.             D. Klose 

Vladimir Votypka: „Rückkehr des böhmischen Adels“, Böhlau, Weimar 2010, 412 Seiten, 35 Euro


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