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06.11.10 / Friede durch Freihandel / England und Frankreich gewährten einander 1860 im Handel die Meistbegünstigung – andere Staaten folgten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44-10 vom 06. November 2010

Friede durch Freihandel
England und Frankreich gewährten einander 1860 im Handel die Meistbegünstigung – andere Staaten folgten

Der Anfang 1860 zwischen England und Frankreich abgeschlossene „Cobden-Chevalier-Vertrag“ markierte in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Höhepunkt einer kurzen, aber glücklichen Zeit des Freihandels, der bald auch auf Preußen und andere europäische Länder übergriff. Erst die Weltwirtschaftskrise von 1873 und ein aufkommender imperialer Nationalismus, der schließlich in den Ersten Weltkrieg führte, machten diese hoffnungsvolle Entwicklung zunichte.

Die im 18. und 19. Jahrhundert führende Industrienation und Weltmacht, Großbritannien, ergriff ab 1846 zunächst einseitig beachtliche Initiativen. Auf den britischen Inseln wurden die Schutzzölle auf Getreide abgeschafft. Damit fiel ein wichtiges Symbol des Protektionismus, es war ein klares Signal für liberale handelspolitische Beziehungen in Europa. Zugrunde lag dieser Wende die Einsicht von britischen Volkswirtschaftlern wie Adam Smith und David Ricardo, dass der Freihandel für beide Partner von Nutzen sei. Wenn jeder das, was er zumindest relativ günstiger herstellen kann, verkauft und kauft, was er nicht (oder auch nur „komperativ teurer“) herzustellen vermag, gewinnen beide Seiten, so die grundlegende volkswirtschaftliche Erkenntnis, die bis heute gilt.

Britische Politiker und Ökonomen, unter ihnen besonders Richard Cobden (1804–1865), gründeten daher Vereinigungen zur Verbreitung der Freihandels-Idee. In der Folgezeit gelang es Cobden und seinen Mitstreitern eine Gruppe von französischen Ökonomen für ihre Liberalisierungspläne zu gewinnen. Das war angesichts des Protektionismus, der seit Jean-Baptist Colberts (1619–1683) Zeiten in Frankreich herrschte, ein mehr als erstaunlicher Erfolg. Eine besondere Rolle spielte dabei Michel Chevalier (1806–1879), seines Zeichens Chefökonom Kaiser Napoleons III. Er fand bei dem Neffen Napoleons I., der längere Zeit im englischen Exil gelebt hatte, offene Ohren für seine Pläne.

So gelang es Cobden und Chevalier, gegen massive Widerstände von Parlament und Wirtschaftsverbänden, einen Vertrag auszuhandeln, der weitgehenden Freihandel zwischen beiden Ländern ermöglichte. Der englisch-französische Handelsvertrag von 1860 bedeutete nicht nur eine Zäsur in den Wirtschaftsbeziehungen Frankreichs mit seinem Nachbarn jenseits des Ärmelkanals, sondern bildete in gewisser Weise auch den Beginn einer neuen Ära europäischer Politik.

Der Cobden-Chevalier-Vertrag machte Schule und war in den 1860er Jahren ein Vorbild für Folgeabkommen, so auch mit dem Königreich Preußen im Jahr 1862. Das war durchaus gewünscht, denn die beiden Ökonomen waren fest davon überzeugt, dass die zwingende und unmittelbare Folge des Freihandels der Friede sei.

So weitete sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Staatensystem ins Globale aus, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kräfte beeinflussten die außenpolitischen Entscheidungen weit stärker als zuvor. Insgesamt lösten sich die bisher geltenden Grenzen zwischen Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik zunehmend auf, alle drei Bereiche verflossen mehr ineinander. Der Cobden-Chevalier-Vertrag ist ein frühes Beispiel für diesen Prozess.

Mit Blick auf die heutige Zeit fasziniert besonders die Parallele zwischen der Entstehung der europäischen Freihandelszone im 19. Jahrhundert und der Bildung eines europäischen Gemeinsamen Marktes (Common Market) im 20. Jahrhundert. Einige Forscher sprechen gar von einem „First Common Market“. Etwas überspitzt könnte man den Cobden-Chevalier-Vertrag auch als einen Vorläufer der rund 100 Jahre später unterzeichneten Römischen Verträge bezeichnen. Ein Unterschied besteht aber sicher darin, dass die liberale Weltwirtschaftsordnung im 19. Jahrhundert ohne nennenswerte internationale Organisationen entstand. Sie war bilateral und noch nicht multilateral strukturiert. Der Erste Weltkrieg zerschlug dann diese frühe europäische Wirtschaftsordnung; erst die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges führte die europäischen Völker auf neue, friedliche Bahnen und ermöglichte den heutigen europäischen Freihandel, einen Grundstein des gegenwärtigen Wohlstands.            Hinrich E. Bues


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