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04.12.10 / Wie der 68er die EKD übernommen haben

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-10 vom 04. Dezember 2010

Gastkommentar
Wie der 68er die EKD übernommen haben
von Andreas Späth

Innerhalb der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) ist ein Austausch der geistigen Fundamente im Gange. Vorläufiger Höhepunkt waren die jüngsten Entwicklungen in der EKD im Allgemeinen und in der bayerischen Landeskirche im Besonderen zur weitgehenden Zulassung homosexueller Partnerschaften im Pfarrhaus. Während die Reformatoren allen Forderungen nach anderen Offenbarungsquellen trotzig ihr „sola scriptura“ (allein die Schrift!) entgegenschleuderten, scheint bei deren emanzipierten Urenkeln geradezu ein Wettlauf ausgebrochen zu sein, wer für die kirchliche Lebenspraxis und Verkündigung wohl die abseitigste, schlammigste oder giftigste Quelle anzapft.

Seit längerem findet in der evangelischen Kirche eine Abkehr vom Glauben statt, die in erschreckender Parallelität zur Emanzipation der 68er steht und deren Prophezeiungen erfüllt. Schon im März 1969 stellte eine Gruppe von 200 linken Theologen auf einer Tagung in Bochum fest: „Wir bekämpfen nicht die Kirche; die bekämpft sich selbst und sie tut das gut. Wir kämpfen nur darum, mit Hilfe des kirchlichen Machtapparates mitwirken zu können an allen emanzipatorischen Bestrebungen, die letztlich nur in der Zerschlagung des Kapitalismus ihr Ziel finden können … Wir werden jeder für sich versuchen, in die Kirche einzusickern. Wir werden daher die Kirchenleitungen belügen … In Zukunft wird man nie wissen, ob nicht im schwarzen Rock ein Roter steckt, ein Wolf im Schafspelz … Wir sind linke Theologen, die sich zusammenschließen, um in der Kirche Raum zu schaffen für ihre revolutionäre politische Tätigkeit!“

Freilich, der Rauch des Klassenkampfes hat sich weitgehend verzogen und die einstigen Kämpfer verfressen ergraut ihre Beute, vulgo Pensionen. Wohl auch der Letzte hat eingesehen, dass lieber nur die Phrasen kapitalismuskritisch sein sollten, wenn die üppige Alimentierung weitergehen soll. Geblieben ist ein giftiger Smog, der sich aus dem schwelenden Rauch linken Leichenbrandes und den Nebeln der manipulativen Verdrehung der Bibel gebildet hat. Er versperrt den Blick auf die Fahrt der Institution Kirche gegen den Felsen der Häresie, an dem sie zerschellen könnte. Die seit Jahrzehnten drastisch sinkenden Mitgliederzahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Eine Kirche, die auf die Fragen nach Zeit und Ewigkeit entscheidende Antworten schuldig bleibt, darf sich über diesen Zerfall nicht wundern.

Wenn aus einer Heilsanstalt eine Bedürfnisanstalt wird, in der versucht wird, das Verlangen nach Anerkennung, Wichtigkeit und Ehre zu befriedigen, statt um des Evangeliums willen auch manches zu leiden, so ist Bedeutungslosigkeit noch das harmloseste Schicksal, das der Kirche widerfahren kann. Was aber wird aus denen, zu denen die Kirche gesandt war, und die nun statt des Wortes Gottes in Gesetz und Evangelium vielfach Worte hören, die in Hinblick auf Heil und Errettung eben bestenfalls bedeutungslos sind, tatsächlich aber in die Irre führen?

Denn die Erben der 68er sind ja nicht plötzlich zu Evangelisten geworden, sondern sie leben in und von einer sich zunehmend selbst säkularisierenden Institution. Warum nur musste die neueste EKD-Synode nach allen katastrophalen Erfahrungen mit der Politisierung der Kirche – von der NS-Zeit über das Experiment der „Kirche im Sozialismus“ bishin zu bundesdeutschen Verirrungen im Kampf gegen Nachrüstung und Volkszählung – nun gegen Castor-Transporte und Kernkraft Stellung nehmen? Warum nur die Sünde der ausgeübten Homosexualität quasi der Familie gleichstellen, warum Homosexuellen, noch dazu in Verpartnerung, die Pfarrhäuser öffnen?

Auch wenn es nicht mehr die „Deutschen Christen“ oder der „Klassenkampf“ sind, scheint es bei der zeitgeistgeölten Schlüpfrigkeit zu bleiben, die sich im Grunde schon seit der Aufklärung immer wieder neue Offenbarungsquellen sucht, und gegen die es in der Barmer Theologischen Erklärung 1934 so treffend hieß: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Warum aber passen sich die Köpfe einer Institution einer völlig den Zielen ihrer Institution zuwiderlaufenden Strömung an, lassen sich mitreißen, treiben? Eine alte Redensart sagt: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Werden unsere Kirchenleitungen vom geistlichen Tod beherrscht? Wo sind die Widerstandskräfte des Kirchenvolkes geblieben? Sie wurden systematisch geschwächt und aberzogen.

Ein Beispiel aus Bayern. Dort trieb seit Ende der 60er Jahre der berühmt-berüchtigte Helmut Kentler sein „revolutionäres“ Unwesen. Dieser Sozialpädagogikprofessor war einer der Haupttrommler für den Wechsel von der bibelorientierten zur sogenannten emanzipatorischen Jugendarbeit. Er postulierte die frühe Selbständigkeit junger Menschen, ja er lehrte, die Kirche müsse diesen gesellschaftsverändernden neuen Menschentypus mitschaffen. Ebenso „klärte er auf“, dass der junge Mensch angeblich eher selbständig würde, wenn er möglichst früh seine Sexualität entdecke. Je mehr die Jugendlichen aber in den Gottesdienst gingen, desto weniger revolutionäres Potenzial würden sie bilden, „warnte“ Kentler. Je kirchenkritischer und revolutionärer, desto besser, schien das neue, verhüllte Erziehungsziel zu sein. Zahlreiche haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter gingen im Laufe der Jahre durch Kentlers Fortbildungen und wurden dort weggelockt von den Maßstäben der Bibel, hin zu anderen Ufern.

Das Ufer war ganz anders und der Fall war tief. Der bekennende Homosexuelle Kentler brüstete sich damit, wie er erziehungsauffällige Jugendliche in Berlin mit behördlicher Zustimmung bei „Pflegevätern“ unterbrachte – bei vorbestraften Päderasten. Er gab offen zu, dass er wusste, dass diese Kriminellen mit den Jugendlichen sexuellen Verkehr hatten, sah dies aber positiv.

Diesem 2008 verstorbenen Vater der neuen Evangelischen Jugendarbeit widmen verschiedene Werke in EKD und bayerischer Kirche noch immer einen ehrenden Nachruf auf ihren Internetseiten. Bei dieser Grundtönung der Jugendfunktionäre über Jahrzehnte hinweg darf sich niemand wundern, wenn im Erwachsenenalter herauskommt, was herausgekommen ist.

Müssen wir bereits um die Kirche trauern? Nein! Die Kirche Jesu Christi hat die Verheißung, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden. Aber man muss um all diejenigen trauern, denen eine weltangepasste Kirche den schuldigen Trost aus dem Evangelium vorenthält. Wir trauern um diejenigen, die wegen einer solchen Kirche keine Weisung mehr bekommen, was Recht ist vor Gott und was seinen Geschöpfen frommt. Wir trauern um die geistlichen Opfer des neuen Glaubens, der das klassische Christentum verlässt und damit in der Gefahr steht, auch Christus zu verlassen. Dass wahre und falsche Kirche ineinander verschlungen sind, war schon den Reformatoren klar. Schließlich lehrt selbst die Heilige Schrift, dass es Spaltungen geben muss, damit die Rechtschaffenen sichtbar werden und „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“.

Andreas Späth (* 1971) ist Religionslehrer, Vorsitzender der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern e.V. und Vizepräsident der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften.


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