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04.12.10 / Vielseitig und geschäftstüchtig / Die Welt des Lucas Cranach in einer großartigen Brüsseler Schau

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-10 vom 04. Dezember 2010

Vielseitig und geschäftstüchtig
Die Welt des Lucas Cranach in einer großartigen Brüsseler Schau

Kein Künstler der Renaissance nördlich der Alpen war so vielseitig und erfindungsreich wie Lucas Cranach der Ältere (1472–1553). Seine bedeutendsten Werke, aus ganz Europa entliehen, sind derzeit in Brüssel zu sehen.

Lucas Cranach bediente als Hofkünstler die Kurfürsten von Sachsen mit Herrscherbildnissen und anderen repräsentativen Werken, produzierte fromme Bilder für protestantische wie altkirchliche Auftraggeber, führte die „Weibermacht“ an tugendvollen wie lasterhaften Beispielen vor Augen und machte in Deutschland die Aktmalerei populär. Guido Messling erklärt: „Die Liste der Sujets, die er erstmals der Tafelmalerei erschloss, ist beeindruckend lang.“ Der in Berlin lebende Messling ist Kurator der großartigen Schau, die uns in Brüssels Palast der Schönen Künste den Facettenreichtum von Cranachs Schaffen vor Augen führt. Aus Sammlungen in ganz Europa sind rund 100 Gemälde und Grafiken Cranachs angereist. Zu ihnen gesellen sich etwa 50 Werke von Albrecht Dürer, Israhel van Meckenem, Francesco Francia und weiteren deutschen, niederländischen und italienischen Zeitgenossen, die Cranach künstlerische Anregungen vermittelt haben oder sich von ihm inspirieren ließen.

Die Ausstellung bietet berühmte Hauptwerke auf. Etwa das erste uns bekannte Gemälde Cranachs überhaupt: den aus Wien entliehenen „Kalvarienberg“ (um 1500), wegen seines Herkunftsorts, dem Schottenstift, auch „Schottenkreuzigung“ genannt. Das Bild zeichnet sich durch eine noch den heutigen Betrachter erschreckende Drastik aus. Christus krümmt sich geschunden und blutüberströmt am Kreuz, während sich im Vordergrund ein Hund an menschlichen Überresten zu schaffen macht.

Einige Jahre später hatte Cranach diesen von Messling „ungeschliffen expressiv“ bezeichneten Stil hinter sich gelassen und zu seiner kultivierten Malweise gefunden, die selbst schockierenden Motiven eine gewisse Eleganz verleiht. Das veranschaulicht das „Martyrium der heiligen Katharina“ (um 1508/09), ein aus Budapest angeliefertes frühes Hauptwerk, das durch die feinmalerisch detailreiche Ausführung in juwelenhaft leuchtenden Farben besticht. Vom Himmel setzt es ob der bevorstehenden Enthauptung der Märtyrerin ein heftiges Donnerwetter, Pferde und Soldaten mit entsetzten Gesichtern purzeln durcheinander. Doch voller Seelenruhe erwartet die kniende Katharina mit gottergeben gefalteten Händen und himmelwärts gerichtetem Blick ihr Ende.

Dass Cranach für beide Konfessionen gearbeitet hat, veranschaulichen uns pointiert zwei Kupferstiche. Der eine zeigt das „Profilbildnis Martin Luthers mit Doktorhut“ (1521), das andere einen von dessen ärgsten altkirchlichen Widersachern: „Kardinal Albrecht von Brandenburg“ (1520). Letzterem verdankte Cranach den mit Hilfe seiner gut besetzten Werkstatt ausgeführten Großauftrag von 142 Gemälden (1519–1525) mit konventionellen christlichen Motiven zur Ausstattung der Stiftskirche von Halle. Für die Lutheraner hingegen entwickelte er neue fromme Bildtypen. Das veranschaulichen die Gemälde „Christus und die Ehebrecherin“ (um 1520), aus Cranachs Heimatstadt Kronach angereist, und „Gesetz und Gnade“ (1529), aus Prag entliehen.

Einen herausragenden Rang in Cranachs vielseitiger Bildproduktion nehmen die abwechslungsreichen Darstellungen der „Weibermacht“ ein. Deren christliches Urmotiv ist der Sündenfall. Das früheste ausgestellte Beispiel ist das aus Warschau eingeflogene Gemälde „Adam und Eva“ (um 1510). Man hat den Eindruck, Eva würde den Betrachtern des Bildes mit verführerischem Blick den Apfel offerieren.

Auch auf vielen anderen Gemälden dienen weibliche Reize als Blickfang. Unter einem Apfelbaum sitzt die aus Antwerpen entliehene „Caritas“ (um 1540): Die Nächstenliebe zeigt sich als niedliche Nackte. Die nach der Vergewaltigung zum Selbstmord bereite „Lukretia“ (Privatsammlung, um 1510–1513) präsentiert sich mit entblößtem Oberkörper. In blickdicht eleganter höfischer Kleidung hält uns hingegen „Salome“ (Budapest, um 1526–1530) den Lohn für ihren frivolen Schleiertanz unter die Nase: das abgeschlagene Haupt von Johannes dem Täufer.

Stets jedoch legitimierte Cranach seine moralisch problematischen Bildmotive durch mahnende Botschaften. Zum Beispiel wendet sich das in Brüssel beheimatete Gemälde (1531) der le-bensgroßen, unter ihrem transparenten Schleier splitternackten Venus, die auf den Honigdieb Amor zeigt, mit seiner lateinischen Inschrift an uns: „Während sich der Knabe Cupido aus einer Höhlung Honig stielt, stach die Biene den Dieb mit dem Stachel in den Finger. So schadet auch uns die kurze und vergängliche Wollust, die wir begehren: Mit Schmerz ist sie vermischt.“ Veit-Mario Thiede

Die Ausstellung im Palast der Schönen Künste, Rue Ravensteinstraat 23, Brüssel, ist bis zum Januar 2011 dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr zu sehen.


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