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04.12.10 / »Kritzeleien« in Schweinfurt / Ausstellung mit Arbeiten von Heinrich Zille zeigt, dass es mehr als einen Zille gab

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-10 vom 04. Dezember 2010

»Kritzeleien« in Schweinfurt
Ausstellung mit Arbeiten von Heinrich Zille zeigt, dass es mehr als einen Zille gab

Der Maler Max Liebermann, der als erster die künstlerische Originalität Heinrich Zilles (1858–1929) erkannte, fragte diesen einmal: „Verkaufen Sie? Sie müssen doch mächtig Geld machen!“ – „Nicht wie Sie bei den Reichen“, antwortete Zille. „Ich verkaufe bloß an kleine Leute. Die können nicht Tausende zahlen.“ Liebermann: „Zille, det is schön von Ihnen!“

Zille schwieg darauf eine Weile und sagte dann: „Ach, Herr Professor, die Leinwand und die Ölfarbe achte ich viel zu hoch. Es malen schon zu viele Leute in Öl. Ich kritzele lieber auf Papier.“ Liebermann: „Na, denn kleben Sie doch Ihre Zeichnungen auf Pappe und schmieren Lack darüber. Dann kriegen Sie mehr Geld dafür.“ – „Ich bleib aber lieber bei meinem Kritzeln“, schloss Zille das Gespräch.

Eine Anekdote, die viel offenbart vom Wesen des Mannes, dessen Name so eng mit Berlin verbunden ist, dass man sich die typische „Berliner Göre“ nur noch so vorstellen kann, wie er sie auf Papier gekritzelt hat. Heinrich Zille stand auf der Seite der „kleinen Leute“, kannte das „Milljöh“ von Kindheit an. Und auch wenn aus dem „Milljöh“ längst das Milieu geworden ist, wenn die Berliner Gören nicht immer nur noch blauäugig und blond sind, so sind vor dem Hintergrund der brennenden sozialen Fragen der Gegenwart seine Arbeiten durchaus noch – oder wieder – aktuell.

Die Königsbergerin Käthe Kollwitz erkannte, dass es weitaus mehr als „Kritzeleien auf Papier“ waren, die Heinrich Zille zustande brachte. Auf der Feier zu seinem 70. Geburtstag äußerte sie in einem Gespräch, es gebe „mehr als einen Zille“. Einmal den typischen Witzblattzeichner, zum anderen den Tendenzzeichner. „Dann gibt es aber noch den dritten Zille. Und dieser ist mir der liebste: Der ist weder Humorist für Witzblätter noch Satiriker. Er ist restlos Künstler. Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter – es sind Meisterwerke.“

Schon früh regte sich Zilles Drang zu zeichnen. Neben der Schule nahm er Privatunterricht bei dem Zeichenlehrer Spanner, und neben der Ausbildung als Lithograph, die er gegen den Willen seiner Eltern aufgenommen hatte, ließ er sich als Abendschüler an der Königlichen Kunstschule von Theodor Hosemann unterweisen. Hosemann, der Meister Altberliner Malerei, war es auch, der Zille „auf die richtige Schiene schob“. Er gab seinem Schüler den Rat: „Gehen Sie lieber auf die Straße hinaus, ins Freie, beobachten Sie selber, das ist besser als nachmachen.“ Und Zille ging ...

Für den Lebensunterhalt arbeitete Zille schließlich bei der Photographischen Gesellschaft und war bald firm in allen grafischen Techniken. Als er 1907 nach 30 Jahren entlassen wurde, ließ er sich als freischaffender Künstler nieder. Seine Zeichnungen wurden im „Simplicissimus“, in der Zeitschrift „Jugend“ und in den „Lustigen Blättern“ veröffentlicht, auch erschienen Bücher mit Zilles „Kritzeleien“. Zille wurde populär.

Jetzt sind seine „Kritzeleien“ im Schweinfurter Museum Georg Schäfer zu sehen. Die Ausstellung zeigt einen Überblick über Zilles Schaffen zwischen 1873 und 1927: frühe Zeichenversuche, Szenen aus dem düsteren Berlin, die für die Ausstellungen der Berliner Secession entstanden, Bilder aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, Unterhaltsames für Zeitschriften und Bücher, Berührendes und Humorvolles. Zu sehen sind etwa 120 Exponate, zum Großteil Zeichnungen, daneben Fotografien und Dokumente von Heinrich Zille sowie Werke seiner Lehrer, Vorbilder, Kollegen und Freunde. Die Gegenüberstellung erlaubt spannungsvolle Vergleiche und platziert Zille und sein Werk an die ihm gebührende Stelle in der Kunstgeschichte. Silke Osman

Die Ausstellung im Museum Georg Schäfer, Brückenstraße 20, Schweinfurt am Main, ist bis zum 6. Februar 2011 dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr zu sehen, Eintritt 7 / 6 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (128 Seiten, 118 Abbildungen, davon 92 farbig, 15 Euro).


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