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04.12.10 / Keimzelle des Osmanischen Reiches / Raubüberfälle schufen die Grundlage der Großmacht – PAZ-Serie über die Geschichte der Türken (Teil 6)

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-10 vom 04. Dezember 2010

Keimzelle des Osmanischen Reiches
Raubüberfälle schufen die Grundlage der Großmacht – PAZ-Serie über die Geschichte der Türken (Teil 6)

Beim Tode seines Vaters übernahm Osman I. einen Stamm mit etwa 1500 Quadratkilometer Weidegrund um Sögüt. Mit Hilfe „heiliger“ Kriege wurden daraus bis zum Tode des Emirs 18000 Quadratkilometer.

Das Sultanat der Rumseldschuken hatte in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts während der Regierungszeit der Brüder Kai Kaus I. und Kai Kobad I. seinen Höhepunkt erreicht. Kai Kobad I., der von 1220 bis 1237 regierte, siedelte den Clan der Kayi vom Stamm der Bozok im Grenzgebiet zum nordwestanatolischen Kaiserreich Nizäa an. Zur Belohnung für seine Gefolgschaftstreue erhielt der damalige Stammeshäuptling der Kayi, Ertugrul, vom Sultan die Stadt Eskisehir, so die Überlieferung. Ertugrul wird als ein friedliebender Stammeshäuptling geschildert, dem jeglicher religiöser Fanatismus abging.

Von einem ganz anderen Schlage war sein Sohn Osman I., der nach Ertugruls Tod in den 80er Jahren des 13. Jahrhunderts die Führung des Hirtenstammes übernahm. Sein Beiname sagt alles: Gazi. Das heißt so viel wie Führer des Heiligen Krieges (Gaza). Der Schwiegersohn des Vorstehers einer Derwischgemeinschaft überzog seine Nachbarn mit Raubzügen. Entsprechend seiner Selbstdarstellung als heiliger Krieger überfiel er vor allem seine christlichen Nachbarn. Allerdings verschonte er auch seine muslimischen Nachbarn nicht, was für eine gewisse Inkonsequenz, um nicht zu sagen: Verlogenheit Osmans spricht. Mit diesen Raubüberfällen schuf Osman die Grundlagen des nach ihm benannten Osmanischen Reiches.

Unter Osmans Führung wurde aus dem vom Vater übernommenen Hirtenstamm ein Stamm von Berufskriegern. Statt von eigener Arbeit lebten Osmans Männer zunehmend von Kriegsbeute. Zur Eroberung der Städte wurde die Taktik der verbrannten Erde angewandt. Durch Brandlegung wurde dem Gegner die Lebensgrundlagen entzogen und er so zur Aufgabe gezwungen.

Von Raubzügen ging Osman dazu über, Territorien zu erobern, um sie anschließend militärisch zu sichern und zu verteidigen. Diese Expansion machte die Aufstellung eines stehenden Heeres notwendig. Um es versorgen zu können, ließen es die Osmanen zu, dass die autochthone Bevölkerung in den eroberten Gebieten ihre Arbeit auf den Feldern fortsetzte, um selber von den Früchten ihrer Arbeit leben zu können.

Aus dem Fundus der eroberten Ländereien schuf Osman große Domänen, die er als Lehen an Verwandte, Freunde sowie verdiente Militärführer und Krieger vergab. Dabei begründete Osman das für die Landverteilung im Osmanischen Reich so typische Timar-System. Ein Timar war ein Gut, das höheren Staatsbediensteten im militärischen, später auch im zivilen Dienst statt eines Gehalts zugewiesen wurde. Dieses Gut war kein vererbbarer Besitz. Vielmehr erhielt der Staatsbedienstete nur das Nutzungsrecht auf Lebzeiten. Nach seinem Tode fiel das Gut an den Staat zurück, der es nun einem neuen Staatsbediensteten zuweisen konnte. Angesichts des geringen Stellenwertes der Landwirtschaft in der Tradition und Geschichte der Osmanen verwundert es nicht, dass – anders als etwa in Preußen – nur in Ausnahmefällen der Begünstigte, der sogenannte Timariot, das ihm zur Verfügung gestellte Land selber bewirtschaftete. Im Regelfall war es so, dass er das Land an Bauern verpachtete und von den Abgaben lebte. So entstand allmählich eine ortsgebundene feudale Mittelschicht – und aus einem (halb)no­ma­di­schen Hirtenstamm ein Staat.

Wenn sich auch zu Osmans Lebzeiten noch keine fest institutionalisierte Verwaltung herausbildete, so vergab der Stammeshäuptling, der sich nun Emir nannte, doch das eine oder andere Staatsamt. An die Spitze des stehenden Berufsheeres stellte er als Oberkommandierenden den Beglerbeg. Zu dessen Seite wurde als weiterer Militärführer der Subasi berufen, der in Friedenszeiten neben militärischen Aufgaben polizeiliche Funktionen wahrnahm. Und für die Rechtssprechung bestimmte Osman einen Kadi.

Das beim Tode Ertugruls mit 1500 Quadratkilometer etwa die Größe des Bodensees umfassende Herrschaftsgebiet weitete Osman nach und nach um das Elffache auf 18000 Quadratkilometer aus. Doch war diese Keimzelle des späteren Osmanischen Reiches damit immer noch sehr klein, etwa so groß wie das heutige Rheinland-Pfalz. Bei seinem Tode war die Landschaft Bithynien mit Ausnahme einiger Festungen in der Hand der Osmanen.

Die ersten wichtigen Eroberungen Osmans fanden wohl in den Jahren ab 1298 statt, als er eine Reihe byzantinischer Festungen im Nordwesten Kleinasiens besetzte. Melangeia und Karacahisar wurden ebenso erobert wie Inegöl, Bilecik und Yenisehir. Dabei gewann der anfängliche Vasall des rumseldschukischen Sultans zusehends an Selbstbewusstsein. Nach der Eroberung von Karacahisar wurde Osman vom seldschukischen Sultan zum Fürsten ernannt, womit das Fürstentum Osman gegründet war. Das genügte Osman jedoch nicht. Ab 1299 ließ er sich im freitäglichen Kanzelgebet, der Chutba, namentlich erwähnen. Das stand nach islamischer Rechtsauffassung nur unabhängigen Herrschern zu. Deshalb gilt dieses Jahr auch als Gründungsjahr des Osmanischen Reiches. Als Tag der Dynastiegründung wird der 27. Juli 1302 angesehen. An jenem Tag führten die Osmanen ihre erste Schlacht gegen eine byzantinische Einheit. Laut dem byzantinischen Gelehrten Georgios Pachymeres war es der Sieg in dieser Schlacht bei Baphe­us/Koy­un­hi­sar über eine 2000-Mann-Truppe der Byzantiner, der Osmans Ruhm in weiten Teilen Anatoliens begründete.

Zum Ende seines Lebens hielt Osman die beiden größten byzantinischen Städte in Anatolien belagert: Nizaea (Iznik), das 1331 erobert wurde, und Bursa, das 1326 fiel. Ob es Osman noch vergönnt war zu erleben, dass die spätere erste Residenzstadt der Osmanen durch Aushungern der byzantinischen Festungsbesatzung in osmanische Hände fiel, darüber gehen die Quellen auseinander. Als Todesjahr des Gründers und Namensgebers des Osmanischen Reiches werden 1324 und 1326 genannt. Wenn sein Todesdatum auch umstritten ist, so ist doch seine letzte Ruhestätte bekannt. Sein Grabmal gehört wie das seines Sohnes und Nachfolgers, Orhan I., noch heute zu den Sehenswürdigkeiten Bursas, dieser heute viertgrößten Stadt der Türkei 90 Kilometer südlich von Istanbul (Konstantinopel). Manuel Ruoff


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