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04.12.10 / Die DDR als Experiment / Historikertagung in Berlin – Kommunikation der Generationen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-10 vom 04. Dezember 2010

Die DDR als Experiment
Historikertagung in Berlin – Kommunikation der Generationen

Das Auswärtige Amt hat Ende November anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls in Berlin eine hochkarätig besetzte, internationale His­torikertagung durchgeführt. Themen waren der Mauerfall, das Ende der DDR und die deutsche Einheit mit ihren Folgen bis heute.

Halb verwundert, halb amüsiert wurde bilanziert, dass es noch nie so viele Darstellungen zur DDR-Geschichte in allen nur denkbaren Verästelungen gegeben habe, wie nun, wo es sie nicht mehr gibt. Dagegen bemängelten mehrere Redner, dass es noch immer keine integrierte Darstellung der Geschichte des ganzen Deutschlands seit 1989 gebe. Meist dominiere der westliche Teil, auch der Blickwinkel sei zu einseitig aus westlicher Perspektive.

Mehrere Gäste aus Frankreich und den USA monierten, dass in der deutschen Forschung allzu oft eine große Emotionalität und Voreingenommenheit gegenüber der DDR zu spüren sei; in Frankreich und Amerika werde die DDR viel gelassener in erster Linie als ein Gesellschaftsexperiment beurteilt, das eben gescheitert sei.

Kritisiert wurde, in welchem Maße noch immer die NS-Zeit die zeitgeschichtliche Forschung dominiere. In Deutschland liege das Schwergewicht auf der NS-Diktatur und den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, in den angelsächsischen Ländern auf der Judenvernichtung. Die Hälfte der deutschen Doktoranden wählt nach den Worten des Münchner Historikers Horst Möller ein NS-Thema; Möller, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, das seine Schwerpunkte längst um Forschungen zur deutschen Nachkriegszeit erweitert hat, plädierte denn auch dafür, sich endlich stärker anderen drängenden Problemen zuzuwenden. Er wurde dabei besonders von ausländischen Gästen lebhaft unterstützt.

Die französische Historikerin Hélène Miard-Delacroix beispielsweise verwies auf die dominierende Rolle neuer Technologien und Medien, die heute weltweit fast alle Gesellschaften prägten. Allein politische Ereignisse zu berücksichtigen sei zu einfach, zu einseitig und willkürlich. Zeitgeschichte könne heute letztlich nur noch im gesamteuropäischen, ja im globalen Kontext geschrieben werden, was stärker als bislang eine internationale Zusammenarbeit verlange.

Zur Zeitgeschichte gehören auch die Mentalitäts- und Erinnerungsgeschichte. Was unter Diktaturen erlebt, was bei Luftangriffen oder Flucht und Vertreibung erlitten wurde, das ist nicht nur vielfach erforscht, sondern auch in zahllosen mündlichen Überlieferungen (Neudeutsch sagt man: „oral history“) festgehalten. Historiker haben hier ein merkwürdiges Nebeneinander der Generationen festgestellt. Die Leiterin der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Dorothee Wierling, brachte es auf den Punkt: „Während die Älteren über ihre Schuld schwiegen, wollten die Jüngeren nichts von deren Leid hören.“ Nicht zuletzt hier wurde deutlich, dass Zeitgeschichte auch zum Verstehen der Menschen untereinander beitragen kann – und muss. Dirk Klose


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