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04.12.10 / Immobilienstreit ums Rossgärter Tor / Gouverneur Boos stimmte dem Verkauf zu – Nachfolger Zukanow: Ein Fall für die Staatsanwaltschaft

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-10 vom 04. Dezember 2010

Immobilienstreit ums Rossgärter Tor
Gouverneur Boos stimmte dem Verkauf zu – Nachfolger Zukanow: Ein Fall für die Staatsanwaltschaft

Vor kurzem hat die Regierung des Königsberger Gebiets das Rossgärter Tor an einen privaten Investor verkauft. Weil der Preis verdächtig niedrig war, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft.

Seit langem wird ein Großteil des Rossgärter Tors vom Restaurant „Sonnenstein“ genutzt. Kürzlich wurde bekannt, dass das 315 Quadratmeter große Gebäude, in dem sich das Restaurant „Sonnenstein“ befindet, für 32000 Rubel (777 Euro) pro Quadratmeter verkauft wurde, das heißt für 10,3 Millionen Rubel (250000 Euro), zahlbar innerhalb drei Jahren. Den Verkaufsbeschluss hat Ex-Gouverneur Georgij Boos unterzeichnet. Dieser Verkauf hat den Protest von Historikern und Denkmalschützern auf den Plan gerufen. Sie sind der Meinung, dass ein Denkmal zwar durchaus einen privaten Eigentümer haben kann, wenn dieser einen besseren Erhalt des Gebäudes garantieren kann als der Staat. Dass die staatlichen Organe dazu oft nicht in der Lage seien, zeige das Beispiel Schloss Brandenburg. Allerdings müssten für den privaten Eigentümer klare Rechte und Pflichten festgelegt werden, damit das Denkmal sein ursprüngliches Aussehen nicht verliert und für die nachfolgenden Generationen erhalten bleibt.

Im konkreten Fall gehe es um den Erhalt der architektonischen Tordetails sowie die Fenstervertiefungen, Gewölbe und Gesimse, welche die stilistische Besonderheit des Gebäudes ausmachen. Zum anderen erstaunt der niedrige Verkaufspreis für dieses Architektur-Denkmal von nur umgerechnet 777 Euro für einen Quadratmeter. Zum Vergleich: Ein normales Mehrfamilienhaus in diesem Stadtteil kostet im Durchschnitt 760 Euro pro Quadratmeter.

Die bisherige Leiterin der staatlichen Immobilienagentur des Gebiets, Anna Bograd, begründet den niedrigen Preis mit der Schätzung eines unabhängigen Gutachters. Außerdem befände sich das Tor nicht in der Innenstadt. Dies mutet indes merkwürdig an, weil sich der Bau an der Wrangelstraße (heute gegenüber dem Wassilijplatz) am Oberteich befindet, also in unmittelbarer Nähe der Innenstadt. Inzwischen ließ Gouverneur Nikolaj Zukanow Bograd vom Dienst suspendieren. Die Agentur für Vermögensfragen des Königsberger Gebiets gab bekannt, dass sie im Moment keine weiteren Verkäufe ähnlicher Architekturdenkmäler plant. Das Rossgärter Tor wurde in den Jahren 1852 bis 1855 erbaut und bildet zusammen mit dem Dohna-Turm einen Architekturkomplex, in dem sich das berühmte Bernsteinmuseum befindet. Das Tor wurde nach Plänen der Ingenieure Irflügelbrecht und von Hayl erbaut. Die Fassade des Tores hat Baurat August Stüler entworfen, Bildhauer der Statuen war Wilhelm Ludwig Stürmer. Das Rossgärter Tor schmücken Medaillonporträts der preußischen Generale Gerhard von Scharnhorst und August von Gneisenau. Während die Stadtaußenseite eine Schutzfunktion und keinen dekorativen Schmuck hatte, weist die Innenseite eine dekorative, gotisch beeinflusste Formgebung auf. Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte das Tor zur Wallbefestigung Königsbergs und löste das gleichnamige Tor, das zur ersten Wallbefestigung Anfang des 17. Jahrhunderts gehörte, ab. Heute hat der Bau den Status eines Architekturdenkmals mit föderativer Bedeutung.

Zur Zeit überprüft die regionale Staatsanwaltschaft, ob der Verkauf des Rossgärter Tors in Privatbesitz überhaupt legal war und ist. Dazu überprüft sie den Übergabebeschluss der Gebietsregierung. Der neue Gouverneur Nikolaj Zukanow hatte die Staatsanwaltschaft mit der Überprüfung des Verkaufs beauftragt. Jurij Tschernyschew


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