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04.12.10 / Kugelfisch und Reiskonfekt / Kurzgeschichten aus Japan

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-10 vom 04. Dezember 2010

Kugelfisch und Reiskonfekt
Kurzgeschichten aus Japan

In „Der Verfall der Lüge“ schreibt Oscar Wilde: „In Wahrheit ist Japan nur eine Erfindung. Ein solches Land und ein solches Volk gibt es nicht.“ Franka Potente versucht, in ihrem Romandebüt „Zehn“ das Gegenteil zu beweisen, und bettet ihre fiktiven Erzählungen in den realen Alltag Tokios ein. Die 36-jährige Schauspielerin drehte einen Dokumentarfilm in Tokio und ist seitdem oft in das fernöstliche Land gereist.

Die zehn Porträts aus der Metropole des Inselreichs handeln von schicksalhaften Lebenssituationen der älteren und der jüngeren Generation, andere von Begegnungen mit fremden Kulturen. Da ist etwa die Geschichte über den Witwer Herrn Masamori, der kaum noch Kontakt zu seiner Familie hat. Nur ein alter Freund und der Samurai Andre aus dem Fernsehen geben dem Rentner und ehemaligen Schuhladenbesitzer Halt. Als die Ärzte bei Herrn Masamori Lymphdrüsenkrebs feststellen, beschließt er, sein Leiden mittels Kugelfischgift zu verkürzen. Nach einer letzten Mahlzeit, Eierstich (tamago), begibt er sich in seiner Phantasie mit Andre auf die Reise ins Jenseits. Die Episode erweist sich erschreckend aktuell angesichts des in Japan verbreiteten Phänomens des einsamen Alterstodes (kodoku-shi).

Einsam ist auch Frau Michi, deren Eltern gestorben sind und die nie geheiratet hat. Die 40-jährige Fächerhändlerin verbindet mit vielen ihrer Fächer Erinnerungen an ihre Mutter und ihren Vater. Ein Ladengespräch mit einem Kunden aus Deutschland weckt nostalgische Gefühle und tröstet sie in ihrer Isolation. Der Mann kauft zwei teure Fächer und sichert damit das Auskommen der Verkäuferin bis zum Ende des Monats. Die Frau ist überrascht, als der Fremde ihr einen Fächer, an dem sie besonders hing, zurückschickt und sie in seine Heimat einlädt.

Die schwangere Mariko erfüllt geduldig die Erwartungen ihres Mannes und ihrer Schwiegereltern. Sie beschallt den Fötus mit Brahms und Joan Baez, mit Haikus und mit Englisch. Ruhig hört sie sich die Gespräche der Familie an, die bereits den Kindergarten und die Schule für das Kind aussucht. Die Episode veranschaulicht die Praxis der pränatalen Intelligenzförderung in der japanischen Leistungsgesellschaft.

Unter Druck geraten auch Tadaski und Haruka, ein junges Ehepaar, die zu einem Abendessen bei Tadaskis Chef eingeladen sind. In dem überreichten Gastgeschenk steckt nämlich statt des auserlesenen Reiskonfekts ein erotisches Spielzeug. Letzteres war eigentlich für Harukas Schwester Miyu gedacht, die in einem Nachtclub tanzt.

Einen Blick über den nationalen Tellerrand hinaus werfen die Kurzgeschichten über die ungleiche Beziehung zwischen einem jungen Japaner und einer temperamentvollen Schwedin sowie über die Austauschschülerin

Naski. Sie schnuppert in Los Angeles die große Freiheit und vergisst schnell „die tägliche Stille beim Essen, Tempelbesuche, die strengen Blicke des Vaters, das Gefühl, jeden Tag die Beste sein zu müssen“. Doch der Tod ihres Großvaters zwingt Naski für die Zeit der Trauerpflicht (kitamakura), in ihre Heimat zurückzukehren.

Potentes Prosastücke schlagen mal melancholische, mal heitere Töne an, verbinden Tradition und Moderne. Leider schmälern die ständigen Belehrungen über japanische Küche, Sitten und Gebräuche das Lesevergnügen, zumal einige Namen und Kulturpraktiken falsch wiedergegeben werden. Ein Japaner würde beispielsweise nie Kloschlappen in einen Reisekoffer packen. Ärgerlich ist die häufig arrogante westliche Perspektive der Autorin auf die vermeintlich verschlossene, unfreie japanische Gesellschaft. Sophia E. Gerber

Franka Potente: „Zehn Stories“, Piper Verlag, München 2010, gebunden, 176 Seiten, 16,95 Euro


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