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12.03.11 / Wenn die Mixer schnurren ... / ... und die Ventilatoren summen – Ein Orchester aus Haushaltsgeräten produziert rhythmische Musik

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-11 vom 12. März 2011

Wenn die Mixer schnurren ...
... und die Ventilatoren summen – Ein Orchester aus Haushaltsgeräten produziert rhythmische Musik

„Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden“, reimte Wilhelm Busch 1874 in seinem Gedicht „Der Maulwurf“ und bezog sich auf eine vorbeiziehende Bettelmusikantenkapelle. Dass Musik nicht unbedingt aus wohlklingenden Instrumenten kommen muss, zeigt eine Ausstellung in Hamburg.

Es war still im Museum an diesem grauen Wintertag. Nur von fern drang der Straßenlärm durch die stattlichen Fenster. Die Melodie der Großstadt. Keine Schulklassen, die durch die Räume geführt wurden, keine Kinder, die respektlos Lärm machten, keine Studenten, die vor dem einen oder anderen Exponat stehenblieben und lebhaft diskutierten. Eine Atmosphäre, die den Museumsbesuch zu einem Genuss machte. Mittlerweile war die Kunstfreundin in einem Raum angelangt, in dem blitzblanke Haushaltsgeräte präsentiert wurden. Blitzblank mussten sie sein, denn schließlich befand man sich in einem Museum, das sich auf Kunstgewerbe und Design spezialisiert hat. Plötzlich: Ringringring. Das Klingeln eines Telefons drang durch diese göttliche Stille. Da hatte doch jemand vergessen, sein Handy auszuschalten. Allerdings war weit und breit kein Mensch zu sehen. Man wandte sich wieder den Schaukästen und Wandbeschriftungen zu. Ringring. Das Telefon wollte keine Ruhe geben. Und noch einmal, geradezu energisch: Ring.

Die Kunstfreundin drehte sich nahezu erbost um und betrachtete die ausgestellten Haushaltsgeräte genauer. Sie standen im Halbkreis aufgereiht, einige auf erhöhten Sockeln, alle sortiert nach Verwendungszweck. Da präsentierten sie sich nun, die Ventilatoren, Heizlüfter, Mixer, Küchenmaschinen, Haarföhne, Trockenhauben, Nähmaschinen, Schneidemesser, Rasierapparate, Waschmaschinen und Schleudern. Und mitten unter ihnen – ein weißes Telefon. Der „Übeltäter“ drehte dem Publikum seine Rückseite zu. Fast wie ein Dirigent. Überhaupt sah die Installation aus wie ein Orchester.

Doch halt: Es war ein Orchester. Noch einmal ein Ringring vom Telefon, dann legten sie los. Die Ventilatoren begannen zu surren, die Mixer zu schnurren. Zwischendurch brummte ein Heizlüfter. Es steigerte sich zu einem Crescendo. Es dröhnte und pfiff, als ob ein Orkan über die Zuhörer hinweg tobte. Etwas trommelte rhythmisch in einem geradezu irren Takt. Manches hörte sich nicht „gesund“ an, jede Hausfrau würde sofort einen Techniker rufen. Inzwischen hatten sich mehrere Museumsbesucher eingefunden, um dieses „blöde Orchester“ zu bestaunen. Und nicht nur ganz junge Zuhörer machten große Augen. Zum Schluss des Konzerts gab es kein Verneigen der Künstler, keinen Applaus, aber doch ein leises Schmunzeln bei so manchem Zuhörer.

Der despektierliche Name „Blödes Orchester“ stammt von seinem Schöpfer, dem Cembalisten und Komponisten Michael Petermann. Acht Jahre brauchte er, um seinen Klangkörper zusammenzustellen und rund 150 historische Haushaltsgeräte in Musikinstrumente zu verwandeln. Etwa 35 Minuten zeigen die funktionalen Geräte, was noch in ihnen steckt. Manches Mal fühlt man sich an den Staubsauger des Nachbarn erinnert. Dieses Monstrum hätte noch gefehlt, um den Kollegen die Flötentöne beizubringen, gab der doch gern das „hohe C“.

Petermanns Orchester ist besetzt wie ein richtiges Sinfonieorchester, nur dass die Streicher Elektromesser sind, die Bratschen Nähmaschinen und die Celli ein Haufen Mixer. Die Haartrockner agieren als Föhnorgel. Petermanns „Blödes Orchester“ ist ganz nebenbei auch eine Hommage an das Industriedesign. Da bestaunt man die Küchenmaschine „KM 32“ von Braun oder die Trommelwaschmaschine von Miele mit Kohleofen aus dem Jahr 1955. Alles formschön und stilbildend.

So ganz neu ist die Idee nicht, mit Geräten Geräusche zu erzeugen. Luigi Russolo (1885–1947), ein italienischer futuristischer Maler und Komponist, veröffentlichte 1913 sein musikalisches Manifest „Die Kunst der Geräusche“. Der Geräuschpegel moderner Großstädte und Maschinen beeinflusste und inspirierte ihn, sich mit dem Geräusch in der Musik auseinanderzusetzen. Er entwickelte besondere Geräte und erzeugte damit Musik. Die Uraufführung endete mit Tumulten und Schlägereien. Komponisten des 20. Jahrhunderts wie John Cage und Mauricio Kagel befassten sich ebenfalls mit dieser Thematik. Silke Osman

Das „Blöde Orchester“ im Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Hamburg, ist bis zum 30. April Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Donnerstag von 11 bis 21 Uhr zu hören, Spielbeginn immer 15 Minuten nach der vollen Stunde, Eintritt 8 / 5 Euro, Donnerstag ab 17 Uhr immer 5 Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre frei.


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