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12.03.11 / Benedikt XVI. und seine Nähe zu Gott / Lektüre des Interview-Buches mit dem Papst auch über die gemachten Schlagzeilen hinaus lesenswert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-11 vom 12. März 2011

Benedikt XVI. und seine Nähe zu Gott
Lektüre des Interview-Buches mit dem Papst auch über die gemachten Schlagzeilen hinaus lesenswert

Schlagzeilen machte das Buch „Licht der Welt“ schon lange bevor es erschien. Es ist das erste Interview-Buch eines Papstes überhaupt. Zudem sorgten ganze 14 Zeilen über den Gebrauch von Kondomen für weltweite Schlagzeilen. Das Buch ist bereits in viele Sprachen übersetzt und wurde über eine Million Mal verkauft.

Der deutsche Journalist Peter Seewald hatte die Ehre, Papst Benedikt zu interviewen. Schon in den 90er Jahren durfte er den damaligen Kardinal Ratzinger und Präfekten der Glaubenskongregation zwei Mal ausführlich befragen. Daraus entstanden zwei Weltbestseller. In der Sommerresidenz des Papstes in San Gandolfo traf nun Seewald vor gut einem halben Jahr auf Benedikt XVI. Weder die Fragen noch die Antworten wurden in irgendeiner Art zensiert, wie Seewald im Vorwort betont.

Hier liegt also ein authentisches Stimmungsbild, wenn auch keine lehramtliche Aussage, vor. Diese Erkenntnis scheint die Medienwelt nur schwer zu verstehen, die eine Meinungsäußerung des Papstes nicht von seinen lehramtlichen Aussagen zu unterscheiden vermag. An einem Meinungsbildungsprozess in wichtigen dogmatischen Fragen sind in der katholischen Kirche in der Regel Tausende von Bischöfen und Theologen beteiligt und nicht nur der Papst allein. So sind die 14 Zeilen über eine vermeintliche Lockerung in der Frage der Verwendung von Präservativen nichts als ein Gedankenanstoß.

Die Antworten Benedikts zu den unterschiedlichsten Problemfeldern im gesellschaftlichen, politischen oder kirchlichen Bereich sind fast immer von zweierlei getragen. Einerseits versucht der Papst die Grundlagen der biblischen Lehre zu erklären und sie andererseits auf die Situation der Menschheit von heute anzuwenden. Anders als gewisse Vertreter der evangelischen Christenheit, die sich in letzter Zeit oftmals leichtfertig von bestimmten Grundsätzen der christlichen Lehre trennten, sucht Benedikt immer das „Maß der Mitte“ zu bewahren. So rückt er von der ursprünglichen Intention der Enzyklika „Humanae Vitae“ seines Vorvorgängers („Pillen-Enzyklika“, 1968) keinen Deut ab. Er betont, wie wichtig eine verantwortungsvolle Sexualität im Rahmen der Ehe ist, die nach biblischem Verständnis nicht von dem Ziel der Zeugung und Erziehung von Kindern abgekoppelt sein kann. Zu lesen ist auch, was neu für manche der Kritiker sein dürfte, dass es für Katholiken durchaus eine erlaubte „natürliche Empfängnisregelung“ gibt.

Die verschiedenen Teile des Buches sind übersichtlich nach Sachthemen geordnet. So findet sich der Leser schnell zurecht. Peter Seewald gibt dem Papst keineswegs nur einige Stichworte, damit dieser seine Meinung kundtun kann, wie einige Rezensenten behauptet haben. Er zeigt sich bei seinen Fragen sehr gut informiert und gibt Benedikt durchaus einige „Nüsse“ zu knacken. In seinen Antworten bleibt der Papst elementar und verständlich. Fanatismus ist ihm offenkundig fremd, manche selbstkritische, ja demütige Äußerungen sind zu lesen. Wer einmal die Innenwelt des geheimnisumwitterten Vatikan näher kennenlernen will, findet hier einiges, was die Neugier befriedigt.

Für die zahlreichen evangelischen Leser dieses Buches wird wahrscheinlich das ökumenische Kapitel am spannendsten sein. Benedikt weicht hier nicht der im Dokument „Dominus Jesus“ (2000) angestoßenen Frage aus, was eigentlich im biblischen und dogmatischen Sinn eine „Kirche“ ist. Den Begriff der „kirchlichen Gemeinschaft“, den Protestanten oftmals als Herabsetzung empfunden haben, erklärt er als eine Wortschöpfung, die den Intentionen der urlutherischen Kirchendefinition des Augsburger Bekenntnisses (1530) versuchte gerecht zu werden. Dass ausgerechnet Lutheraner sich damit nicht anfreunden können, gehört vielleicht zu den rätselhaften Erscheinungen unserer Zeit.

Peter Seewald wurde bei der Vorstellung des Buches in Rom gefragt, was ihn am meisten während des insgesamt sechsstündigen Interviews beeindruckt habe. Sinngemäß antwortete er: Die unglaubliche Nähe, die Benedikt zum lebendigen Gott lebe und ausstrahle – „Licht der Welt“ eben, wie Benedikt eigenhändig auf den Buchtitel schrieb. Hinrich E. Bues

Benedikt XVI.: „Licht der Welt: Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit – Ein Gespräch mit Peter Seewald“, Herder Verlag, Freiburg 2010, geb., 256 Seiten, 19,95 Euro


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