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26.03.11 / Auf der Jagd nach Eigenkapital / Rettet »Basel III« vor der nächsten Krise? – »Schattenbanken« bleiben das größte Risiko

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12-11 vom 26. März 2011

Auf der Jagd nach Eigenkapital
Rettet »Basel III« vor der nächsten Krise? – »Schattenbanken« bleiben das größte Risiko

„Basel III“ schreibt den Banken höhere und qualitativ höherwertige Eigenkapitalquoten vor, um künftigen Krisen besser begegnen zu können. Doch derzeit wissen die noch immer von der Bankenkrise geschwächten Kreditinstitute größtenteils nicht, wie sie sich das Eigenkapital beschaffen sollen, so sie denn ihre Geschäfte nicht einschränken wollen. Hierbei droht die Kreativiät der Banker wieder neue Blüten zu schlagen.

Die Finanzkrise 2008 hat bisher zu rund 200 nationalen und übernationalen „Rettungspaketen“ geführt – deren Sinnhaftigkeit umstritten ist. Denn Fachkreise sind sich nicht einmal einig, ob man es 2008 mit einer „Systemkrise“ oder „nur“ mit dem Fehlverhalten von Marktteilnehmern zu tun hatte.

Einig ist man sich aber, dass zu niedrige Eigenkapitalquoten der Banken Grundvoraussetzung waren und sind. Doch wusste man das nicht schon lange? Bereits 1974, nach der durch Fehlspekulationen verursachten Pleite der Kölner Herstatt-Bank, wurde am Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel ein Ausschuss eingerichtet, in dem die (damals) wichtigsten zehn Industrienationen Richtlinien ausarbeiten sollten. Diese mündeten 1988, als die Eigenkapitalquoten selbst der wichtigsten Banken bereits auf kritisches Niveau gesunken waren, in ein Abkommen.

Die Eigenkapitalquote, das Verhältnis des Eigenkapitals einer Bank zu den Forderungen an ihre Schuldner, zeigt an, wie sehr das Institut durch allfällige Zahlungsunfähigkeit von Schuldnern gefährdet ist. Um Bankzusammenbrüchen vorzubeugen, sah daher „Basel I“, das internationaler Standard wurde, neben einer strengeren Ban-

kenaufsicht vor, dass den nach Risikostufen gewichteten Bankforderungen Mindestquoten an Eigenkapital und längerfristigem Fremdkapital entsprechen sollten. Verschlechtern kann sich somit die Kapitalquote entweder durch eigene Verluste oder – was in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich der Fall war – durch Ausweitung des Geschäftsvolumens.

Anfang 2007 wurde als „Basel II“ ein noch komplexeres Paket für die Banken in der EU verbindlich. Doch just die USA, die auf Basel II gedrängt hatten, wollten erst 2008 beginnen – und dann warf die Krise alles über den Haufen. Etliche Institute waren plötzlich zu „systemrelevant“, um sie einfach in Konkurs gehen zu lassen, und das Schlagwort „too big to fail“ macht seither die Runde, um weitere Staatshilfen vor den Steuerzahlern zu „rechtfertigen“.

Für „Basel III“, das Ende 2010 in vorläufiger Fassung präsentiert wurde und ab 2013 wirksam werden soll, will die EU bis zum Sommer die Details ausarbeiten. Es geht erneut um Erhöhung der Mindestkapitalquoten und Verschärfung der Aufsicht.

„Hybridkapital“, das unter Basel II bis zu 15 Prozent des Kernkapitals ausmachen durfte, soll nicht mehr zum Kernkapital zählen. Hybridkapital, auch „Coco-Bonds“ („convertible bonds“), sind Wandelanleihen, die bei Unterschreiten der Kapitalquoten automatisch zu Bankaktien werden und so die Kapitalquote verschönern. Wie umstritten „Coco-Bonds“ sind, zeigt die aktuelle Diskussion in der Schweiz – wo aber ohnehin Eigenkapitalquoten weit über denen von Basel-III Vorschrift sind.

Doch wie kann man die Kapitalquoten verbessern? Durch neues Kapital oder durch Reduzierung des Kreditvolumens. Basel III geht primär von Kapitalerhöhungen durch Einbehaltung von Erträgen aus. Doch eher wird man neue Aktionäre brauchen. Diverse internationale Fonds, darunter „Staatsfonds“ fragwürdiger Machthaber, lauern schon. Und private Kleinanleger, die volkswirtschaftlich wünschenswerter wären, neigen in Krisenzeiten ohnehin zu konventionelleren Sparformen. Eine Einschränkung der Kreditvergabe wiederum bremst das Wirtschaftswachstum – und trifft primär Klein- und Mittelbetriebe (KMU), die im Durchschnitt mehr Kreditbedarf haben als Großbetriebe und höhere Zinsen zahlen müssen.

Die größten Risiken der „globalisierten Welt“ stecken aber im „grauen Kapitalmarkt“: Die „Schattenbanken“, das sind „Investment-Häuser“, „Hedgefonds“ und Stiftungen, unterstehen nämlich keiner Bankenaufsicht, sind äußerst flexibel und verwalten riesige Summen – allein in den USA mit 16 Billionen Dollar mehr als der gesamte Banksektor mit 13 Billionen. Berlin und Paris wollen die Fonds zwar kontrollieren, aber London und Washington – genauer gesagt: New York und Chicago – legen sich quer. Und einseitige Kontrollen bringen gar nichts, denn Fonds haben nur sehr wenige Mitarbeiter und können jederzeit in „Oasen“ ausweichen.

Doch just die Vorschriften für reguläre Banken bringen ihnen zusätzliches Geschäft: Denn zur Erfüllung der Kapitalquote wählen Banken auch einen dritten Weg: Sie verkaufen riskante Forderungen gebündelt an den grauen Kapitalmarkt, der sie – wie vor der amerikanischen Hypothekenkrise – in Anteile verbrieft und weiterverkauft.

Wohin die Risiken wandern, bleibt im Dunkeln. Sicher ist nur wie eh und je: Den Letzten beißen die Hunde.  R. G. Kerschhofer


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