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26.03.11 / Napoleons tragischer Sohn / Der französische Kronprinz war nacheinander König von Rom, Prinz von Parma und Herzog von Reichstadt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12-11 vom 26. März 2011

Napoleons tragischer Sohn
Der französische Kronprinz war nacheinander König von Rom, Prinz von Parma und Herzog von Reichstadt

Napoleon I. hat tatsächlich geherrscht, als Kaiser der Franzosen einige Jahre lang über den größeren Teil Europas. Sein Neffe, Napoleon III., besetzte für 18 Jahre (1852–1870) den Kaiserthron Frankreichs. Napoleon II. jedoch hat niemals regiert und verdankt seine Zählnummer nur dem Eifer der Bonapartisten, die nach dem Sturz des ersten Napoleon die Fahne Bonapartes weiter hoch hielten.

Napoleon Francois Joseph Charles Bonaparte wurde als Sohn Napoleons I. und der Erzherzogin Marie Luise, der Tochter des Kaisers Franz I. von Österreich, am 20. März 1811 im Tuilerien-Palast in Paris geboren. Napoleon I. brauchte einen Thronfolger, wobei ihm, nach der Scheidung von seiner ersten Gemahlin Joséephine, die Einheirat in das altehrwürdige Haus Habsburg als eine gute Legitimierung seiner „Säbelherrschaft“ erschien.

Zwei Tage nach der Geburt des heiß ersehnten Sohnes schrieb er an Josephine: „Mein Sohn ist dick und befindet sich wohl. Ich hoffe, dass etwas Rechtes aus ihm werde. Er hat meine Lunge, meinen Mund und meine Augen.“ Dem Kleinen gegenüber war der sonst so herrische Vater von liebevoller Nachgiebigkeit, schnitt ihm Grimassen und ließ sich bereitwillig bei der Arbeit stören.

Er verlieh ihm 1811 den Titel „König von Rom“. Ein entsprechendes Königreich gab es damals gar nicht, denn die Ewige Stadt war 1809, nach der Deportation des Papstes, zur Hauptstadt eines der vielen Departements des französischen Kaiserreiches herabgesunken. „König der Römer“ war im Heiligen Römischen Reich des Mittelalters der Titel des deutschen Königs gewesen, solange dieser noch nicht vom Papst die Kaiserkrone empfangen hatte. In der Neuzeit hieß so der designierte Nachfolger des Kaisers, sobald er gewählt und noch zu Lebzeiten des Kaisers zum König gekrönt worden war. Also ein Kronprinzen-Titel für den zukünftigen Herren der ganzen Christenheit – in der Idee.

Napoleon I. sah sein Söhnchen zum letzten Mal im Januar 1814, als er zum Feldzug gegen die Verbündeten aufbrach, die ihn im Vorjahr aus Deutschland vertrieben und gerade den Rhein überschritten hatten. Ende März standen sie in Paris und zwangen ihn zur Abdankung. Am 4. April unterschieb er folgende Erklärung: „Da die verbündeten Mächte proklamiert haben, der Kaiser Napoleon sei das einzige Hindernis zur Wiederherstellung des Friedens in Europa, erklärt der Kaiser Napoleon, seinem Eid getreu, dass er bereit ist, zum Wohle des Vaterlandes, das von den Rechten seines Sohnes und der Kaiserin-Regentin sowie von dem Fortbestehen der Staatsgesetze unzertrennlich ist, auf den Thron zu verzichten …“

Das war keine klare Erbeinsetzung für Napoleon II., und die österreichische Kaiserfamilie nahm Marie Luise und ihren Kleinen sofort in ihre Obhut. Napoleon I. kehrte 1815 zurück, wurde bei Belle-Alliance endgültig geschlagen und dankte am 22. Juni erneut ab, nun aber ausdrücklich zugunsten seines Sohnes, den er nicht mehr „König von Rom“ nannte, sondern „kaiserlichen Prinzen“. Das kümmerte die Sieger nicht, wohl aber die Bonapartisten: Als Napoleon I. im Jahre 1821 auf seiner Verbannungsinsel St.Helena gestorben war, rückte dessen Sohn als Napoleon II. für sie zum rechtmäßigen Herrscher Frankreichs auf. Doch das war nur die Auffassung einer ganz kleinen Minderheit, bis der Neffe des Korsen, Louis Napoleon, ihr mit seiner Kaiserkrönung als Napoleon III. am 2. Dezember 1852 eine Rechtfertigung gab. Da lebte dessen Cousin schon nicht mehr.

Der Sohn des Korsen hatte 1817 die Berechtigung erhalten, als „Prinz von Parma“ Thronfolger in diesem oberitalienischen Herzogtum zu sein, während seine Mutter als dessen Herzogin fungierte. Das war Kaiser Franz der standesgemäßen Versorgung seiner Tochter schuldig gewesen. Aber die Briten und der Zar fanden es unerträglich, dass ein Bonaparte noch Herrschaftsanrechte hatte, weshalb 1817 der Titel „Prinz von Parma“ kassiert wurde. Dafür bekam der Kleine das für ihn extra geschaffene „Herzogtum Reichstadt“ (Zakupy) im nordböhmischen Sudetenland.

Er lebte aber in Wien, verschlang Bücher über die Heldentaten seines Vaters, was ihn frustrieren musste, denn die österreichische Polizei ließ ihn unter Beobachtung, und eine Flucht nach Frankreich wäre damals politisch sinnlos gewesen. Seine Mutter begann er zu verachten, denn die hatte dem Grafen Neipperg, einem schneidigen Offizier, der ihr nicht ohne Hintergedanken beigegeben worden war, zwei Kinder geboren, noch bevor sie ihn – in „Mesalliance“ – geheiratet hatte. Der Herzog von Reichstadt, der nur noch „Franz“ genannt wurde, kommentierte dies: „Wenn Joséphine meine Mutter gewesen wäre, dann wäre mein Vater niemals in St. Helena begraben worden, und ich müsste nicht in Wien leben. Meine Mutter ist freundlich, aber schwach, sie war nicht die Ehefrau, die mein Vater verdiente.“

Auf Bällen und Empfängen war er ein gern gesehener Gast. Häufig zeigte er sich mit der Prinzessin Sophie von Bayern, weshalb der Hofklatsch erfand, er sei der uneheliche Vater von deren Sohn Maximilian, der später als Kaiser von Mexiko ebendort erschossen wurde. Er kam romantischem Zeitgeschmack entgegen, denn er sah gut aus, hatte einen Vater, der leicht zu dämonisieren war, und war vom Schicksal verflucht, seine Tage irgendwann tatenlos beschließen zu müssen.

Schon seit frühen Jahren litt er an Schwindsucht. Am 22. Juli 1832 starb er in Schönbrunn. Beigesetzt wurde er in der Kapuzinergruft. Im Dezember 1940 beschloss Adolf Hitler, die besiegten Franzosen mit einer Geste zu umwerben. Er ließ den Leichnam des Herzogs in das besetzte Paris in den Invalidendom überführen, wo seit genau 100 Jahren die Gebeine des bedeutenden Vaters ruhten. Bernd Rill


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