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26.03.11 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12-11 vom 26. März 2011

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

sicherlich haben sich aufmerksame Leserinnen und Leser gewundert, dass in der letzten Folge unserer Ostpreußischen Familie ein Bild zu sehen war, das keinen Bezug zu den veröffentlichen Themen zu haben schien – hatte es auch nicht. Das Foto vom „Deutschen Tag in Bischofsburg 1920“ hatte zwar seinen Platz in Folge 11 gefunden, der dazu gehörende Text leider nicht. Und der dürfte vor allem für ermländische Leser interessant sein, denn er enthält ein Angebot, das Seltenheitswert hat. Es handelt sich um 14 Originalaufnahmen vom Deutschen Tag am 10. Juli 1920 in Bischofsburg. Ich hüte dieses Mäppchen schon lange in meiner „Schatztruhe“, habe es einmal von einer Leserin bekommen, die meinte, dass wir damit sicherlich die Bischofsburger erfreuen würden. So bot ich es auch an, aber niemand schien sich für die Aufnahmen zu interessieren. Vielleicht wurde unsere – damals noch schmalbrüstige – Spalte nicht sorgfältig genug gelesen, so behielt ich es zurück. Nun sind inzwischen einige Jahre vergangen und der dokumentarische Wert ist gestiegen. Es sind Privataufnahmen, die das mit Girlanden und Fahnen geschmückte Bischofsburg am „Deutschen Tag“ zeigen. Der ganze Ort ist auf den Beinen, auch das Land ist mit festlich gestalteten Wagen in die Stadt gekommen, die zum Teil recht originell gestaltet sind, wie ein von Ochsen gezogenes Gefährt beweist, das wohl einen Siedlerkarren symbolisieren soll. Kapellen spielen, Chöre singen, es muss eine unbeschreibliche Stimmung geherrscht haben. Trotz des Braunstiches sind Straßen, Plätze und Kirchen gut zu erkennen, alte Bischofsburger dürften so manches Vertraute entdecken. Also, wer diese 14 Aufnahmen haben möchte, bitte eine kurze Mitteilung an die Redaktion.

In unserer an romantischen Liebesgeschichten nicht gerade reich bestückten ostpreußischen Geschichte nimmt die der Amalie von Massenbach und des Leutnants Carl von Fabeck einen Logenplatz ein. Auch in unserer Ostpreußischen Familie, denn sie lässt sich nicht nur hübsch erzählen, sondern hellt auch unsere zumeist mit schicksalsschweren Fragen belastete Kolumne etwas auf. Deshalb hatte ich im November (Folge 45) nur zu gerne die Frage von Herrn Jürgen Asschenfeldt nach dem „Brautraub“ gebracht, denn er wusste nicht, wo in Ostpreußen dieser erfolgte, vermutete in Eichmedien. Und so war es auch. Weil Herr Asschenfeldt nun die wahre Geschichte kennt, sie sozusagen aus erster Hand bekam, sandte er sie mir zu mit einem netten Begleitschrieben, in dem er sich bedankt, dass wir seine Frage „so lieb formuliert der Ostpreußischen Familie nahe brachten“. Am 24 Januar 2011 antwortete ihm Dr. Hans von Fabeck aus Bielefeld mit entsprechenden Unterlagen aus der Fabeck’schen Familienchronik, mit denen Herr Asschenfeldt nun diese romantische Geschichte komplettiert:

„Carl von Fabeck, *Jablonken 1788, †Potsdam 1870, begann seine Ehe im Jahr 1810 mit der ,vermeintlichen‘ Entführung seiner Auserwählten, Amalie verw. v. Knobloch, geb. Freiin v. Massenbach. Das Ereignis fand am 9. März 1810 in Eichmedien, Kreis Sensburg, Ostpreußen statt. Im Schloss gab Friederike von Redecker ihrer Schwester Amalie ein Fest zur bevorstehenden Hochzeit mit dem Landrat in Rastenburg, Friedrich Leopold von Stechow. In der Fabeck’schen Familiengeschichte ist zu lesen:

Carl von Fabeck hatte die junge, schöne Amalie, damals verwitwete v. Knobloch, kennen und lieben gelernt. Sie lebte bei ihrem Vater, und dieser wollte sie zwingen, einen alten Herrn v. Stechow zu heiraten. Sie liebte aber den jungen Leutnant von Fabeck vom 1. Garde-Regiment, das damals in Königsberg stand. Da keine Bitten beim Vater halfen, entschloss sich Carl, sie zu entführen. Mit Hilfe ihrer Schwester Friederike gelang es Amalie, als Fähnrich verkleidet aus einem Fenster zu springen und durch den tief verschneiten Garten zu Carl zu kommen. Das Fenster ist zugemauert worden. Sie fuhren nach Königsberg zu einem befreundeten Pfarrer, der die beiden am 11. März 1810 traute.“

Soweit die Chronik. Diese Begebenheit, damals als Skandal angesehen, verbreitete sich in Ostpreußen in Windeseile.

Obwohl Amelies Vater, der General von Massenbach, keinerlei Zuschuss gewährte – Amalies „Mitgift“ soll nur aus einem silbernen Löffel bestanden haben! – verlief die Ehe glücklich, das Paar bekam acht Kinder! Sehr edel dagegen der düpierte Bräutigam: Von dem Landrat von Stechow wird berichtet, dass er das Paar unterstützt habe! Übrigens wurde diese Liebesgeschichte doch schon literarisch behandelt. Sie hatte die Dichterin Erminia v. Olfers-Batocki zu einer Ballade angeregt, die diese in ihr Erstlingswerk „Tropfen am Meer“ noch unter dem Pseudonym E. v. Natangen einbrachte. Der letzte der 16 Vierzeiler lautet: „Die Spur deines Schlittens der Sturm umtobt, Geliebter, wer ahnt, wo wir blieben? Den einen gefreit, dem anderen verlobt, den dritten will ewig ich lieben!“ Also wenn das keine romantische Geschichte ist …

Man erzählte sich aber auch noch andere Geschichten in unserem weiten Land mit seinen stillen Dörfern und einsamen Höfen. Sie wurden von Generation zu Generation weiter gegeben, wurden zur Familiensaga, immer neu, immer anders erzählt – was war Mär, was Wirklichkeit? Und manche haben sich bis in unsere Zeit gerettet und beschäftigen die Nachfahren und auch uns, weil die Betreffenden mit dem Überlieferten Schwierigkeiten haben, da sie viele Gegebenheiten nicht mehr kennen oder nicht einzuordnen vermögen.

Und selbst, wenn Aufzeichnungen vorhanden sind, möchten sie das Geschehen transparenter machen – so jedenfalls in den Fall, den uns Herr Günter Lange aus Wandlitz vorträgt. Und es ist schon eine eigenartige Geschichte, die da an uns herangetragen wird, und, da sie erst Anfang des vergangenen Jahrhunderts geschah, noch gut nachvollziehbar, zumal schriftliche Aufzeichnungen vorliegen. Der ehemalige Lehrer im Hochschulamt fand sie im Nachlass seines Vaters Gustav Lange, der das Schicksal seines Großvaters schildert, das ihn schon als Kind in Königsberg beeindruckt hat. Aus seinen Ausführungen entnehmen wir, dass die Familie Lange im Haus Roonstraße 18 wohnte und dass Gustav oft am Sonntag mit Eltern und Bruder vom Haberberg zum Viehmarkt ging, wo die Großeltern wohnten. Eher hausten, denn Gustav Lange notierte Folgendes:

„Eine richtige Wohnung war es nicht, nur ein einziger Raum in den Maßen fünf mal fünf Meter. Darin lebten sechs Kinder und zwei Erwachsene illegal. Warum? Mein Großvater war ein sogenannter herrschaftlicher Kutscher auf einem Gut im Kreis Wehlau. Sommers wie winters betreute er sechs Pferde. Häufig fuhr er mit dem Schlitten sonnabends/sonntags meist vier Gutsbesitzer zu verschiedenen Rittergütern der Umgebung zu Vergnügungen, die oft eine ganze Nacht dauerten. Als die Herrschaften wieder einmal nachts bei eisiger Kälte die Rückfahrt antraten, zogen die Pferdchen die Herren zu ihren Heimatorten. Leider war die letzte Person bei der Ankunft nicht mehr im Schlitten. Es wurde zurückgefahren und der Verlorene gesucht, er war aber nicht zu finden. Am anderen Morgen fand man ihn dann tot im Graben liegen, er war erfroren. Was tat mein Opa? In der nächsten eiskalten Nacht flüchteten die acht Personen in Richtig Königsberg. Das wurde ihnen vom Gutsinspektor dringend angeraten. In der Kellerwohnung am Viehmarkt lebten meine Angehörigen aus Angst von 1905 bis 1913. Der Großvater wurde steckbrieflich gesucht. Obwohl er jahrelang seine Arbeit gut getan hatte, hätte er wohl niemals Recht bekommen.“

Soweit also die Aufzeichnungen von Gustav Lange – wann sie gemacht wurden, ist leider nicht verzeichnet. Auch nicht, wie das weitere Schicksal des Kutschers verlief. Sein Urenkel möchte aber nun wissen, ob sich noch jemand von unseren älteren Lesern an dieses Unglück erinnert oder von ihm gehört hat und über den Vorfall etwas sagen kann. Durch zwei Weltkriege und die Flucht dürfte er in Vergessenheit geraten sein, aber es ist schon möglich, dass sich vor allem Landsleute aus dem Kreis Wehlau doch noch erinnern, wenn sie diese Aufzeichnungen lesen, die ich wörtlich und ohne Kommentar dem Schreiben von Herrn Günter Lange entnommen habe. Der 1927 in Königsberg Geborene ist übrigens erst seit Januar Leser unserer Zeitung und findet besonders unsere Ostpreußische Familie interessant, deshalb hat er sich vertrauensvoll an uns gewandt. Herr Lange wird auch zum Ostpreußentreffen nach Erfurt kommen und will dort den Wehlauer Stand aufsuchen. Bis dahin hofft er, schon mit einigen Landsleuten Kontakt bekommen zu haben. (Günter Lange, Karl-Marx-Platz 20 in 16348 Wandlitz, Telefon 033397/274573.)

„Achtung Erfolgsmeldung!“ Wenn ein Brief kommt, aus dem einem beim Öffnen sofort diese Zeile entgegen springt, ist man überrascht und erfreut. Und das war erst recht der Schreiber, unser Landsmann Knut Walter Perkuhn aus Wriedel, denn nach vielen vergeblichen Forschungsversuchen nach Angehörigen der altpreußischen Sippe Perkuhn konnte er nun beachtliche Erfolge verzeichnen. Was damit zu erklären ist, dass es sich bei seinem letzten Suchwunsch in Folge 7 weniger um eine einzelne Person oder Familie handelt, sondern um einen Ort – Drutischken –, der in seinen Unterlagen nicht verzeichnet war. Aber in meinen Registern. Und so konnte ich ihm erklären, dass es sich um „Pfälzerort“ handelte, ein kleines Bauerndorf, das 1938 so unbenannt wurde. Eigentlich wäre damit die Sache erledigt gewesen, aber Herr Perkuhn wollte auch die Namen der Bewohner dieses aus mehreren Gehöften bestehenden Ortes an der Rominte wissen, doch da musste ich passen und die Frage an die Ostpreußische Familie weitergeben. Mit etwas Skepsis, denn Pfälzerort verzeichnete vor der Vertreibung nur 70 Einwohner. Wie man sich irren kann! Herr Perkuhn erhielt mehrere Anrufe und zwei Schreiben, von denen eines neun Seiten Informationsmaterial über Pfälzerort beinhaltete. Neun Seiten über eine alte Siedlung, die gerade mal aus elf Höfen bestand? Es stimmt, denn auch ich erhielt von Herrn Erich Kibat diese Auszüge aus der Chronik „Bezirk Großwaltersdorf“ von Erich Hennemann. In ihr sind sogar alle landwirtschaftlichen Betriebe von Pfälzerort, das zum Kirchspiel Großwaltersdorf gehörte, mit den Namen ihrer Besitzer aufgeführt, sie zeigt aber auch die Ausblutung dieses kleinen Ortes durch die Kriegsopfer. Allein elf Wehrmachtsangehörige sind gefallen oder blieben vermisst, sieben Frauen und Männer wurden beim Russeneinfall getötet oder verschleppt, weitere sechs verstarben auf oder nach der Flucht. Da grenzt es schon an ein Wunder, dass Herr Perkuhn solch präzise Informationen erhielt, und er dankt allen Beteiligten – ich auch und da vor allem unsern eifrigen Helfern Erich Kibat und Georg Baltrusch. Und man kann Knut Walter Perkuhn nur beipflichten, wenn er schreibt: „Ich freue mich, wieder Mosaiksteinchen zu Steinchen fügen zu können, die langsam ein informatives Bild ergeben. Ahnenforschung ist wie ein Krimi!“ Und immer für Überraschungen gut.

Eure Ruth Geede


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