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02.04.11 / Die unbekannte Seite des Künstlers / Barlach und die Frauen – Zwei Ausstellungen in Lübeck zeigen Bilder einer problematischen Beziehung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-11 vom 02. April 2011

Die unbekannte Seite des Künstlers
Barlach und die Frauen – Zwei Ausstellungen in Lübeck zeigen Bilder einer problematischen Beziehung

Religiosität und menschliches Leid stehen im Mittelpunkt des Werks von Ernst Barlach. Zwei Ausstellungen in Lübeck zeigen jetzt, wie sich das Frauenbild des Bildhauers und Grafikers im Laufe von nahezu drei Jahrzehnten gewandelt hat.

Vielleicht lag es daran, dass Ernst Barlach fünf Großmütter hatte, wie er in seiner Autobiografie schrieb. Die Weiblichkeit hat ihn sein Leben lang fasziniert, erregt und überfordert. Sein problematisches Verhältnis zu Frauen spiegelt sich in seinem Schaffen wider. Die bislang umfassendste Barlach-Schau zeigt jetzt in Lübeck den bedeutenden Expressionisten von einer unbekannten Seite. Das Museum Behnhaus Drägerhaus präsentiert seine Frauengestalten in überraschenden Facetten, das Günter Grass-Haus sein literarisches Schaffen mit lange verschollen geglaubten Manuskripten.

Seine Bilder der Frau sind geprägt von ambivalenten Gefühlen, von Lust, Ängsten und von Ehrfurcht vor der Mutter des Lebens. Er zeichnet Heilige, Hexen, Femmes fatales, Furien, erotische Venus-Gestalten und verbrauchte Leiber. Schon zu Beginn seines Studiums der Bildhauerei befasste Barlach sich wie gebannt mit den weiblichen Formen und ihrer künstlerischen Formung, obwohl er das Aktzeichnen als Zumutung empfand. Sein Kampf gegen seine Mutter – sie wollte den Sohn, der sich zu Hohem berufen fühlte, aus der „Enge ihrer Küche“ nicht entlassen – prägte wohl seine gestörte Beziehung zum weiblichen Element. Auf seinem Bild „Die Siegerin“ sitzt ein Mann vernichtet in einer Ecke, eine Frau wendet ihm ihre pralle Kehrseite zu. Die sündigen Kellnerinnen im Pariser Etablissement „Caveau de Innocentes“ („Keller der Unschuldigen“) tragen auf der Zeichnung „Ballpause“ Engelsflügel.

Barlachs Weg führte steil nach oben. Der 1890 in Wedel (Holstein) als Sohn eines Arztes geborene Künstler wurde mit 18 Jahren Meisterschüler der Kunstakademien in Hamburg und Dresden. Nach Abschluss seiner Ausbildung verbrachte er Studienjahre in Paris, wo er sich von Auguste Rodin und Edgar Degas inspirieren ließ. Zurück in Deutschland erhielt er Aufträge für Plastiken, Ehrenmale und Lithografien. Der Kontakt zum Künstlerkreis Berliner Secession und zu Paul Cassirer, dem mächtigen Verleger und Galeristen, beflügelte seine Karriere. 1919 wurde er Mitglied der Preußischen Akademie der Künste.

Seine Beziehungen zu Frauen verliefen weniger glücklich. Der Akt „Sitzende Frau von vorn“ hat eine für Barlachs Werk ungewöhnlich erotische Ausstrahlung. Modell stand ihm die Näherin Rosa Limana Schwab. Sie wurde Mutter seines Sohnes Nikolaus. Die Liaison hielt nicht lange.

Nach der Trennung von Rosa Schwab erfocht Barlach in einem Aufsehen erregenden Prozess das alleinige Sorgerecht für seinen zu diesem Zeitpunkt vierjährigen Sohn. Das schlechte Gewissen darüber, dass er der Mutter ihr Kind nahm, aber auch seine Rechtfertigung, verarbeitete er in seinem Drama vom „Toten Tag“. Darin heißt es:

„Göttersöhne sind keine Muttersöhne.“

Im späteren Lebensalter wandelte sich Barlach zum mitfühlenden Betrachter geplagter, benachteiligter Frauen. Er zeichnete schwer arbeitende Bäuerinnen, Bettlerinnen, Trauernde und verhärmte Alte. Die weibliche Anatomie verschwindet vollständig unter Stoffhüllen, ist blockhaft verfremdet. Er skizziert auch Verlorene und Verfemte, Alkoholikerinnen und Engelmacherinnen mit einer Schar ungeborener Kinder. Leidende Frauen werden zum Symbol für das Leid der Welt. Sein Sinn fürs Pragmatische hindert ihn aber nicht daran, das Motiv einer Bettlerin in einem Werbeplakat für eine Thermoskanne aufzunehmen.

In seinen bekanntesten Auftragswerken, „Der Schwebende“ für den Güstrower Dom, eine Bronzeplastik, welche die androgynen Gesichtszüge von Käthe Kollwitz trägt – wenn auch nur zufällig, wie Barlach betonte: „Rein zufällig, nicht beabsichtigt. Übrigens, ganz nebenbei, ist die Kollwitz ja wohl eine Ehrung wert" –, und der „Frau im Wind“ aus dem Relief für die Lübecker Katharinenkirche schuf Barlach einen vergeistigten, überirdischen Frauentyp.

Den Figurenzyklus konnte er nicht vollenden. Die Nationalsozialisten diffamierten Barlachs Werk als „entartete Kunst“. Der „Geistkämpfer“ vor der Kieler Nikolaikirche und der „Schwebende“ wurden abmontiert.

Als Barlach im Oktober 1938 in einem Rostocker Krankenhaus starb, fuhr Käthe Kollwitz zur Trauerfeier nach Güstrow. Eindrucksvoll ist ihre Schilderung der Begegnung mit dem toten Kollegen, von dem sie eine Kohlezeichnung auf dem Totenbett fertigte: „Der Sarg steht in der Mitte des Raumes. Er ist feierlich und kostbar aufgebaut. Ein schwarzer Teppich und weiße Atlasdecken. Barlach ist ganz klein. Er liegt mit ganz zur Seite gesenktem Kopf – als ob er sich verbergen wolle. Die weg-

gestreckten und nebeneinander gelegten Hände ganz klein und ganz mager. Ringsherum an den Wänden seine schweigenden Gestalten. Hinter dem Sarge Tannen aufgebaut. Über dem Sarge die Maske des Güstrower Dom-Engels. Um den Sarg herum läuft sein kleiner Hund und schnuppert zu ihm auf ..." Seinen Frieden mit der Weiblichkeit hat Ernst Barlach zuletzt gemacht. Bis zu seinem Tod lebte er zwölf Jahre mit der Bildhauerin Marga Böhmer in einer harmonischen Beziehung in Güstrow. 2010 wurde Ernst Barlach posthum zum Ehrenbürger der mecklenburgischen Stadt ernannt.

Klaus J. Groth/os

Die Lübecker Doppelausstellung ist bis zum 29. Mai zu sehen: „... das Kunstwerk dieser Erde. Barlachs Frauenbilder“, Museum Behnhaus Drägerhaus, Königstraße 9–11; „Ernst Barlach – Mythos und Zukunftstraum“, Günter Grass-Haus, Glockengießerstraße 21, geöffnet bis 31. März, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, ab 1. April von 10 bis 17 Uhr, Eintritt 8/4 Euro.  


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