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23.04.11 / Ermordet oder vertrieben / Nicht nur die Armenier, auch die Aramäer erlitten Genozid

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16-11 vom 23. April 2011

Ermordet oder vertrieben
Nicht nur die Armenier, auch die Aramäer erlitten Genozid

Nur wenigen Westeuropäern ist bewusst, dass die heutige Türkei und auch Syrien ein christliches Stammland sind. Der Apostel Paulus und seine Schüler begannen vom südostanatolischen Antiochia aus mit der christlichen Mission. Ab dem 4. Jahrhundert führten die römischen Kaiser in diesen Ländern den christlichen Glauben als Staatsreligion ein. Auch nach den islamisch-arabischen Eroberungszügen seit dem 7. Jahrhundert überlebten die Christen in diesem Gebiet zumindest als geduldete Minderheit und Bürger zweiter Klasse.

Erst seit dem 20. Jahrhundert und dem Aufkommen der jungtürkischen Bewegung erlitten die armenischen und aramäischen Christen schlimmste Verfolgungen, Vertreibungen und Genozide. Während des Ersten Weltkrieges fielen nicht nur bis zu 1,5 Millionen Armenier der religiös-ethnischen Säuberung durch die Jungtürken zum Opfer, sondern auch bis zu 500000 Aramäer beziehungsweise „Assyrer“. Im südostanatolischen Tur Abdin kamen etwa 90000 syrisch-orthodoxe Christen um. In einem der ältesten Klöster der Welt, dem seit 397 n. Chr. bewohnten Kloster Mor (St.) Gabriel, wurden 1915 alle Mönche ermordet. Wer diesen Genozid heute öffentlich in der Türkei erwähnt, kann mit hohen Haftstrafen rechnen.

Tur Abdin, auf Deutsch „Berg der Knechte Gottes“, nennen die aramäisch-syrischen Christen den Landstrich am Oberlauf des Tigris, der etwa die Größe des Saarlandes hat. Noch heute ist diese hügelige Landschaft mit hunderten von Klöstern und Kirchen überzogen. Viele der Gebäude stehen heute wegen der systematischen Vertreibung der Christen leer.

Noch 1927 bewohnten syrisch-orthodoxe Christen in dieser Gegend mehrere Städte und rund 300 Dörfer. Die Zahl der Christen ging bis Anfang der 1970er Jahre auf zirka 35000 zurück. Anhaltende Diskriminierungen und handfeste Verfolgungen haben die Zahl der syrisch-orthodoxen Christen seitdem weiter vermindert. Heute leben weniger als 3000 Menschen christlichen Glaubens im Tur Abdin. Sie können nur existieren, weil sie von ihren geflohenen Landsleuten in Europa und den USA unterstützt werden. 1980 schlossen die türkischen Behörden auch das Priesterseminar des Klosters und untersagten den Unterricht in der aramäischen Sprache.

Das Kloster Mor Gabriel fungiert dennoch bis heute als religiöses Zentrum des Tur Abdin mit dem Sitz eines syrisch-orthodoxen Erzbischofs. Jedes Jahr besuchen 150000 bis 200000 Touristen das berühmte Kloster. Im Frühjahr 2009 machte sich auch eine Delegation der Bundestagsfraktion von CDU/CSU auf den Weg, um sich vor Ort über den Überlebenskampf des Klosters zu informieren. Seit die türkischen Behörden in insgesamt vier Verfahren die Enteignung des Kloster-Grundbesitzes verfügten, ist die Lebensgrundlage der Mönche akut gefährdet. Im Februar dieses Jahres entschied das Oberste Gericht in Ankara im sogenannten „Waldverfahren“, allen internationalen Protesten zum Trotz, dass weitere 27,6 Hektar dem staatlichen Forstamt zugesprochen werden.            HEB


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