30.07.2021

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30.04.11 / Jahn fordert zentralen Gedenkort / Birthler-Nachfolger will eine stärkere Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur provozieren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-11 vom 30. April 2011

Jahn fordert zentralen Gedenkort
Birthler-Nachfolger will eine stärkere Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur provozieren

Roland Jahn, der neue Bundesbeauftragte für die Stasi Unterlagen, bringt frische Ideen in sein Amt. Offenbar will er sich nicht länger nur auf das Auswerten der Archive beschränken. Jahn fordert die Errichtung eines zentralen Denkmals für die politisch Verfolgten in der DDR.

„Wir brauchen einen zentralen Ort, der uns zur Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur provoziert“, so Jahn. Zentraler Ort? Das bedeutet Berlin. Tatsächlich ist die Stadt mittlerweile vollgestopft mit Gedenkstätten und Denkmälern, die sich mit den zwölf Jahren der NS-Gewaltherrschaft beschäftigten. Den Verbrechen des SED-Regimes wird hingegen nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Gewiss es gibt die Gedenkstätte Hohenschönhausen mit dem Stasi-Knast, die Stasi-Zentrale in Lichtenberg oder das privat geführte Mauermuseum am ehemaligen „Checkpoint Charlie“. Zwischen den Stadthälften zeigen eingelassene Pflastersteine an, wo früher die Mauer verlief. Die populäre „East Side Gallery“, die einen kleinen Rest Mauer künstlerisch inszenieren soll, hat mit den Opfern des SED-Staats eher nichts zu tun.

Eine zentrale Gedenkstätte fehlt in der Hauptstadt. Jahn konkretisiert sein Ansinnen. Das Denkmal solle für diejenigen erbaut werden, „die im Knast landeten, aber auch für die, die im Alltag wegen ihrer politischen Überzeugung schikaniert wurden“. Aber Jahn denkt noch weiter. Er bringt auch einen materiellen Ausgleich für die damals Diskriminierten, ihre mageren Entschädigungen und kümmerlichen Opferrenten in die Diskussion. „Die jetzigen Regelungen sind beschämend“, so Jahn. Um hier mehr Sensibilität zu erzeugen, sei es notwendig, den DDR-Unrechtsstaat sichtbar zu machen, möglichst dort, wo die Abgeordneten vorbei kommen, wo die Entscheidungen fallen, also im Regierungsviertel.

Im Westteil Deutschlands ist das Bedürfnis, sich mit der DDR und dem Terror gegen die Landsleute in der roten Diktatur zu befassen, nicht sehr ausgeprägt. Nur dort, wo früher der Eiserne Vorhang verlief, gibt es hier und dort Museen. Am früheren Grenzübergang Marienborn oder in dem ehemals geteilten Dorf Mödlareuth liegen die bekanntesten Orte der Erinnerung. Aber selbst in der früheren DDR ist die Gedenkkultur nicht besonders hoch entwickelt. Am ehesten gibt es so etwas noch in Sachsen: Das Archiv der Bürgerbewegung Leipzig, das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig, die Gedenkstätte der Bautzener Haftanstalten, die Gedenkstätte des geschlossenen Jugendhofs Torgau oder die Gedenkstätte Torgau. Aber selbst im Freistaat fehlt ein zentrales Monument.

Im vergangenen Jahr ist jedoch schon etwas Bewegung in die Gedenkstättenkultur gekommen. Im April 2010 hat der Deutsche Bauernbund in dem brandenburgischen Städtchen Kyritz bei Ruppin ein Denkmal für die Opfer von Bodenreform und Zwangskollektivierung eingeweiht. In Kyritz hatte der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck am 2. September 1945 die Bodenreform verkündet. 15500 Landeigentümer flüchteten in den Westen, rund 200 von ihnen nahmen sich das Leben. Später verloren Zigtausende Bauern ihre Selbstständigkeit in der Kollektivierung.

Die Veranstaltung konnte nicht ungestört stattfinden. Die „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ gab ein Zeugnis linker Unbelehrbarkeit ab und führte trotzig eine Gegenveranstaltung durch. Bundestagsabgeordnete Kirsten Tack-mann (Linke) warf dem Bauernbund Polemik vor. Dieser wolle nur Streit unter den Bauern säen.

Im Juni 2010 trauten sich die Genossen von der Partei „Die Linke“ zu keiner Gegenveranstaltung, als in Jena ein „Denkmal für politisch Verfolgte in der DDR“ eingeweiht wurde. Die Stadt Jena investierte für das Gesamtvorhaben einen Betrag von 150000 Euro. Es steht in der Nähe der ehemaligen Stasi-Zentrale der Universitätsstadt. Das Mahnmal besteht aus aufgestapelten Kisten, die symbolisch Menschenschicksale verkörpern sollen. Auf den Kisten sind einige Namen prominenter Widerständler zu lesen: Der ausgebürgerte Jenaer Roland Jahn, Pfarrer Oskar Brüsewitz oder Robert Havemann. Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) sowie der Historiker und Juryvorsitzene Prof. Volk­hard Knigge hielten die Ansprachen. Zehn Jahre hatte es gedauert, nachdem Karl-Heinz Johannsmeier – ein in die USA emigrierter Jenaer – im Jahre 2000 erste Gedanken zur Errichtung eines Denkmals einbrachte und eine politische und künstlerische Debatte in der Saalestadt auslöste.

So erfreulich die neuen Monumente in Jena und Kyritz auch sein mögen, gerade sie machen deutlich, wie sehr eine zentrale Gedenkstätte in Berlin fehlt. Die Debatte darum hat erst begonnen. Wie beim Streit um die Gedenkstätte Torgau werden die Ewiggestrigen, die noch heute in der DDR das „bessere Deutschland“ sehen wollen, keinen Fußbreit Gedenkkultur freigeben wollen. Diejenigen, die damals für ihre Überzeugungen büßen mussten, müssen sich heute erneut gesellschaftlich behaupten.

In der „Ostseezeitung“ (Rostock) war am 18. April der Leserbrief von Hardy Schweistries aus Groß Krankow zu lesen: „Denkmal? Hat Jahn nichts zu tun? Noch ein Denkmal? Das nimmt ja langsam Formen wie in der, ach so bösen, DDR an. Ein Denkmal regt selten zum denken an ... Wie wäre es mit mehr Ehrlichkeit? Einige ,Verfolgte‘ hätten heute die gleichen Probleme. Die Auswirkungen sind anders, aber auch in diesem Staat kommen nur angepasste Menschen weiter!“ Der Ton wird schärfer und der Widerstand heftiger werden.    Hans Lody


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