30.07.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
30.04.11 / »Wir sehnen uns maßlos nach Deep« / Eine Ausstellung zeigt maritime Werke, die Lyonel Feininger an der pommerschen Ostseeküste schuf

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-11 vom 30. April 2011

»Wir sehnen uns maßlos nach Deep«
Eine Ausstellung zeigt maritime Werke, die Lyonel Feininger an der pommerschen Ostseeküste schuf

Die alte Dame gerät fast aus dem Häuschen. Sie macht eine heftige Handbewegung und stößt ihrer Nachbarin versehentlich in die Seite. Nach einer verlegen gemurmelten Entschuldigung erklärt sie: „Das haben wir als Kinder auch immer gemacht“ und deutet auf das Bild an der Wand. Dort ist ein Junge zu sehen, der mit einem großen Reifen am Strand spielte. Im Vordergrund kann man vornehm gekleidete Erwachsene entdecken. Ein Mann betrachtet mit einem Fernglas ein Schiff, das am Horizont aufgetaucht ist, alles mit leichter Hand fein skizziert von Lyonel Feininger.

Das Altonaer Museum in Hamburg zeigt derzeit rund 60 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Holzschnitte Feiningers aus den Jahren 1910 bis 1955. Die Werke stammen überwiegend aus Privatsammlungen und waren oft seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich zu sehen. Der Kurator der Ausstellung, Ulrich Luckhardt, gilt als einer der besten Kenner des Werkes von Lyonel Feininger. Das Altonaer Museum ist die zweite Station der Ausstellung, die ursprünglich in den Räumen der Stiftung Kestner Pro Arte / Ahlers Pro Arte in Hannover zu sehen war.

Geboren am 17. Juli 1871 in New York als Nachfahre deutscher, aus dem Badischen stammender Einwanderer, war Feininger fasziniert von der Landschaft des Nordens und den meteorologischen Phänomenen an der Küste, den Schiffen und dem Strandleben. Ein halbes Jahrhundert verbrachte er in Deutschland. Ursprünglich war er 1887 nach Hamburg gekommen, um Musik zu studieren, entschloss sich dann aber schnell für ein Kunststudium, das er an der Allgemeinen Gewerbeschule aufnahm. 1888 zog er nach Berlin und besuchte dort die königliche Akademie.

Es war im Jahr 1891, als Feininger erstmals an der Ostsee ihn faszinierende Motive und Anregungen fand. Von Rügen zog er nach Usedom, wo er 1908 das älteste und vornehmste Seebad auf der Insel, Heringsdorf für seine Sommeraufenthalte wählte. Dort skizzierte er Figuren am Strand, die er später zu ganzen Szenen komponierte. Mit ihren langen Röcken und hohen Zylindern muten sie in der Strandatmosphäre heute seltsam an. 1911 hat Feininger dann erstmals hinter den Figuren im Bildmittelpunkt ein Schiff gesetzt. Das Aquarell trägt den eigenartigen Titel: „On the Shore of our Sea, Julia Dear“ (An der Küste unserer See, liebe Julia). Auf späteren Bildern sind schließlich keine Menschen mehr zu sehen. Der Künstler konzentrierte sich vollends auf Schiffe und Meer.

Das kleine Dorf Deep an der pommerschen Ostseeküste wurde ab Sommer 1924 sein Malerparadies. Zunächst war er allerdings enttäuscht von dem etwa 20 Kilometer westlich von Kolberg gelegenen Dorf an der Regamündung. Im Vergleich zu Heringsdorf war es dort sehr ruhig. Doch bald begann er die Ruhe zu schätzen und die wilde Natur zu lieben. Bis 1934 reiste er jeden Sommer an die pommersche Ostseeküste, um dort zu malen. Bei Wind und Wetter sah man ihn mit seinem Skizzenblock am Strand. Hunderte seiner Natur-Notizen entstanden; sie sollten den Grundstock bilden für die später zu schaffenden Ölbilder. Schiffe, Wolkenbilder und Strandansichten hatten es ihm angetan, vor allem aber die spektakulären Wolkenbildungen und das unvergleichliche Licht über der See begeisterte ihn.

Im Sommer 1937 zog Feininger mit seiner Familie wieder nach New York. Die politische Lage und die Entwicklung in Deutschland waren der Grund für seine Übersiedlung – wenig später fanden sich seine Bilder auch in der Ausstellung „Entartete Kunst“. Seine geliebten Motive von der Ostseeküste, aber auch von den thüringischen Städten und Dörfern musste er in Deutschland zurücklassen. In einem Brief aus New York schrieb Feininger an seinen Maler-Freund Georg Muche: „…doch ist für uns hierzulande nirgends eine ,Ostsee‘ zum Sommeraufenthalt beschieden. Wir sehnen uns oft maßlos nach unseren alten, monatelang ausgedehnten Erholungsreisen in Deep.“ Aus der Erinnerung heraus schuf Feininger später Bilder, die ihren Ursprung am Strand von Deep haben.   os

Die Ausstellung „Lyonel Feininger – Schiffe und Meer“ ist bis zum 22. Mai im Altonaer Museum Hamburg dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr zu sehen, Eintritt 6 / 3 Euro.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabobestellen Registrieren