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30.04.11 / Geld regierte schon immer die Welt / Wie die Bankhäuser von einer Familienangelegenheit zu jedermanns Sache wurden

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-11 vom 30. April 2011

Geld regierte schon immer die Welt
Wie die Bankhäuser von einer Familienangelegenheit zu jedermanns Sache wurden

Das Girokonto ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Seine Wurzeln gehen bis ins 12. Jahrhundert zurück, als italienische Kaufleute ihren Kunden erstmals eine kontenmäßige Verrechnung anboten. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich daraus ein wirtschaftlich und gesellschaftlich machtvolles Bankensystem entwickelt.

Wer kennt sie nicht, die witzigen Werbespots eines der bekanntesten Kreditinstitute in Deutschland. Da beraten Mitarbeiter einer 08/15-Bank in Zeiten der Finanzkrise über Strategien der Kunden­akquise. Eine Kollegin schlägt vor, es ebenso wie die Sparkassen zu machen und den Leuten „persönliche Beratung“, „quasi überall kostenfreie Geldautomaten“, „immer eine Filiale in der Nähe“ und „das alles in einem Konto“ zu bieten. Dass dafür Personal und Strukturen notwendig sind, weiß der Zuschauer. Der Chef hingegen verwirft die Idee beim Gedanken an die zusätzlichen Kosten und entscheidet sich für eine Kampagne mit bunten Fähnchen.

Heute stellen jedoch immer mehr deutsche Bankhäuser ihren Privatkunden ein kostenloses Girokonto zur Verfügung. Dieses dient dem bargeldlosen Zahlungsverkehr im Alltag, zum Beispiel der Auszahlung von Lohn und Gehalt, der Abbuchung von Miete, Stromrechnungen und Versicherungsbeiträgen oder der Shoppingtour mit EC-Karte. Das Girokonto ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Doch wo liegen seine Wurzeln?

Schon im 12. Jahrhundert boten italienische Kaufleute ihren Kunden die kontenmäßige Verrechnung in Form von Gut- und Lastschriften an. In den Metropolen Genua, Mailand und Venedig tauschten Geldwechsler (ital. banchieri) nicht nur Münzen um, sondern verwahrten auch Geldeinlagen und vergaben Kredite gegen Zertifikate. Gut sichtbar für ausländische Händler und Reisende, bauten sie ihre Wechseltische (ital. banco) in der Nähe der Stadttore, Marktplätze und Rat­häuser auf und nahmen ebenso wie die heutigen Banken Provisionen für ihre Geschäfte. Wer sich verkalkuliert hatte und zahlungsunfähig war, durfte seinen Beruf nicht länger ausüben. Sein Tisch wurde zerschlagen (ital. banca rotta), woher sich das deutsche Wort „Bankrott“ ableitet.

Mit dem Aufstieg zur Handelsmacht bildeten sich in Florenz Anfang des 14. Jahrhunderts die ersten europaweit tätigen Banken. Die bedeutendsten Bankiersfamilien Bardi, Peruzzi und Acciaiuoli unterhielten Niederlassungen in Avignon, Brügge, London und Pisa und hatten das Monopol des päpstlichen Vermögens inne. Sie finanzierten die aufwendige Hofhaltung der europäischen Herrscher und kassierten als Gegenleistung Steuern und Zölle. Als sich der englische König Eduard III. im Jahre 1345 allerdings weigerte, seine während des Hundertjährigen Krieges angehäuften Schulden zu begleichen, gingen diese Gläubiger bankrott und verloren ihren Einfluss. An ihre Stelle trat Vieri di Cambio de’ Medici, der zwischen 1348 und 1392 ein weit verzweigtes Bankennetz in ganz Europa aufbaute. Doch erst sein Neffe Giovanni di Bicci de’ Medici legte 1397 mit der Gründung der „Banco Medici“ den Grundstein für die spätere Machtposition der Familiendynastie.

Ihr Vermögen häuften die Medici als Finanziers des Papstes an – und das, obwohl die katholische Kirche das Zinswesen offiziell ablehnte. Doch bei den weltlichen Geschäften mit den Medici drück-te der Vatikan ein Auge zu. Schließlich brauchte er deren Filialnetz, um die Abgaben seiner Gläubigen, zum Beispiel aus dem Ablasshandel, einzutreiben. Dafür erhielt die Familie Provisionen sowie Entscheidungsgewalt bei der Posten- und Ämtervergabe. Zudem waren die Medici im Kreditgeschäft tätig, dessen Gewinne sie vor allem in Grundbesitz investierten. Ab 1429 übernahm Giovannis Sohn Cosimo die Geschäfte und baute den Einfluss der Familie weiter aus. Mit Lorenzo dem Prächtigen setzte 1469 der Niedergang der Finanzdynastie ein. Grund dafür waren nicht nur dessen mangelnde Wirtschaftskenntnisse, sondern auch ungünstige Entwicklungen im Umfeld. Nur zwei Jahre nach Lorenzos Tod musste die Medici-Bank 1494 schließen.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein sollten die Banken in den Händen reicher Handelsfamilien wie der Medici, Fugger, Rothschilds & Co. liegen und mit dem Machtstreben von Regierungen und Herrschern verbunden sein. Erst nach und nach entstanden öffentlich-rechtliche Sparkassen, bei denen sich Handwerker, Dienstboten und andere Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen ein bescheidenes finanzielles Polster schaffen konnten. Die erste Sparkasse wurde 1778 in Hamburg gegründet. Der Mittelstand aus Gewerbe und Landwirtschaft bevorzugte indes Genossenschaftsbanken. Obwohl der Giroverkehr (von ital. giro oder girare, zu dt. „Kreislauf“ oder „kreisen lassen“) mit der Gründung der Deutschen Reichsbank 1876 reichsweit ausgedehnt worden war, blieben Konten für die Zahlung per Scheck oder Überweisung weiterhin Firmen und wohlhabenden Bürgern vorbehalten, da das Mindestguthaben stolze 1000 D-Mark betrug. Erst 1909 richtete die Deutsche Reichspost als „Bank für alle“ flächendeckend Postscheckämter ein, die einen bargeldlosen Transfer ohne Mindestguthaben ermöglichten. Noch in den 1950er Jahren gingen viele Arbeiter mit der Lohntüte nach Hause. Auf Drängen der Unternehmen intensivierten die Großbanken 1960 in das Privatkundengeschäft und eröffneten Lohn- und Gehaltskonten im großen Stil. Das Postscheckamt Hamburg nutzte 1961 erstmals einen EDV-gestützten Dauerauftragsdienst. Seitdem ist die Bedeutung von Girokonten enorm gewachsen. Der Zentrale Kreditausschuss forderte daher 1995 die Kreditinstitute auf, auch verschuldeten und insolventen Personen ein Girokonto auf Guthabenbasis („Jedermann-Konto“) zur Verfügung zu stellen.        Sophia E. Gerber


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