30.07.2021

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30.04.11 / Predigertalent der Barockzeit / Ulrich Megerle alias Abraham a Sancta Clara stieg aus der Leibeigenschaft zum Priester und Schriftsteller auf

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-11 vom 30. April 2011

Predigertalent der Barockzeit
Ulrich Megerle alias Abraham a Sancta Clara stieg aus der Leibeigenschaft zum Priester und Schriftsteller auf

Wenn Ulrich Megerle (1644 -1709) auf den Marktplätzen seiner Heimatstadt Wien predigte, sammelten sich dort Tausende. Der katholische Priester und Ordensmann, der sich Abraham a Sancta Clara nannte, war in der Barockzeit ein berühmter Mann. Mit über 600 Schriften galt er als einer der bekanntesten Schriftsteller seiner Zeit, wiewohl er heute weithin in Vergessenheit geraten ist. Einzig seine lebenspraktischen und witzigen, heutzutage nicht ganz korrekten Aphorismen finden vielfach geneigte Leser.

Ulrich Megerle kam als achtes von zehn Kindern eines Gastwirts auf die Welt. Sein Vater, obwohl Leibeigener des Fürsten von Fürstenberg, galt mit seinem Gasthof „Zur Traube“ als einer der reichsten Männer des Dorfes. Dem Dorfpfarrer fiel schließlich die Intelligenz des jungen Ulrich auf. Daher durfte er mit Zustimmung der fürstlichen Herrschaft die Schlossschule in Meßkirch besuchen. Nach dem Tod des Vaters ermöglichte ihm sein Onkel und Vormund Abraham Megerle den Besuch des Gymnasiums der Jesuiten in Ingolstadt und später das der Benediktiner in Salzburg. Dort wirkte sein Onkel als Komponist und Domkapellmeister und war wenige Jahre zuvor von Kaiser Ferdinand III. in den Adelsstand erhoben worden. Im Alter von 18 Jahren trat Ulrich Megerle in den Orden der Augustiner-Barfüßer im Kloster Maria Brunn bei Wien ein. Dafür musste ihn sein Onkel Abraham mit dem beträchtlichen Betrag von 12 Gulden aus der Leibeigenschaft freikaufen. Aus Dankbarkeit gegenüber seinem Onkel nahm er deswegen den Ordensnamen Abraham a Sancta Clara an. Nach philosophischen und theologischen Studien an den Universitäten in Wien, Prag und Ferrara wurde der Student 1666 in Wien zum Priester geweiht.

Zuerst wirkte er im Wallfahrtsort Maria Stern zu Taxa in Odelzhausen (bei Augsburg) als Feiertagsprediger. Dort entdeckten die Menschen seine besonderen Talente als Prediger. Wenn er sprach, strömten die Menschen zusammen. Seine Ansprachen waren leicht zu verstehen, witzig durch ihre Reime und lebenspraktisch. Wegen seiner „Vortrefflichkeit“ wurde der Prediger schon 1669 wieder nach Wien zurück gerufen, wo er bis 1672 in fast allen Kirchen und Klöstern zum Predigen gerufen wurde. Dabei prangerte er die Laster der Zeit an, wie Völlerei, Trunksucht und Habgier. Er mahnte die Zuhörer, das eigene Handeln an christlichen Grundsätzen zu orientieren. Seine unterhaltsamen, deftigen und teils satirischen Wortspiele kamen gut an.

Lebenspraktisch und einfach zu merken ist beispielsweise sein Hinweis zum Hausbau: „Beim Bauen muss man schauen, um sich nicht zu verhauen, sonst kommt man in des Elends Klauen.“ Faulheit war ihm ein Grauen, daher öfter seine Mahnung zum Fleiß: „Auf Angst und Schweiß folgt Ruh und Preis“. Oder: „Der Fleiß verjagt, was Faule plagt.“ Noch einfacher: „Arbeiten bringt Brot, Faulenzen bringt Not.“ Das Volk verstand diese Sentenzen. Seine Aufforderung zur Bildung hat bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren: „Das Wort Esel, wann es zurückgelesen wird, so heißt es: Lese! Wahr ist es, wann jemand kein unverständiger Esel bleiben will, so muss er die Bücher lesen!“ Den christlichen Glauben brachte er auf die Formel: „Die Pforte im Himmel ist klein, es kann kein Prahlhans hinein.“

Mit 29 Jahren darf Abraham 1673 zum ersten Mal vor dem kaiserlichen Hofstaat zu Ehren des Landespatrons Leopold predigen. Kaiser Leopold I. ernennt ihn 1677 zum Subprior und Hofprediger. So verkehrt der Mönch nun in den vornehmsten Kreisen. Seine guten Beziehungen nutzte er für soziale Werke. Seine „Leopoldspredigt“ wird gedruckt; von da an gilt er als Stimme der Kaiserstadt und als Sprecher von ganz Österreich. Als die Türken 1683 zum zweiten Mal (nach 1529) Wien belagern, muntert Abraham die verängstigte Bevölkerung durch karitative Einsätze und seine Predigten auf. Massen strömen auf den Plätzen zusammen, wenn er erscheint. Er organisiert Bittprozessionen und vierzigstündige Gebete in den Kirchen. So stärkt er den Durchhaltewillen der Bevölkerung, bis schließlich die vereinigten Streitkräfte unter Führung des polnischen Königs Johann III. in der Schlacht am Kahlenberg die Stadt befreien können.

Während der Türkenbelagerung Wiens schreibt er seine bekannte Kampfschrift: „Auf, auf, ihr Christen! Das ist: eine bewegliche Anfrischung der christlichen Waffen wider den türkischen Blutegel.“ Diese Darstellung der türkischen Geschichte und Kultur, versehen mit der Aufforderung zum Kampf, zur Einigkeit und zur Buße, dient später Friedrich Schiller als Vorbild für die Kapuzinerpredigt in „Wallensteins Lager“.

In seinen letzten Lebensjahrzehnten wirkt Abraham als Schriftsteller und veröffentlicht neben Predigtsammlungen und Beiträgen zur Narrenliteratur sein vierteiliges Hauptwerk „Judas, der Erz-Schelm“. Ab 1690 leitet er die deutsch-böhmische Ordensprovinz der Augustiner-Barfüßer und kehrte 1695 nach Wien zurück.

Als Priester verfolgt er mit seinem Werk hauptsächlich seelsorgerische Absichten. Sein in den Titeln und Vorreden der Werke häufig angegebenes Ziel ist es, die Menschen ihrem Seelenheil zuzuführen. Da er heilsgeschichtlich denkt, ordnet er alles menschliche Handeln den Gegensatzbegriffen Heil oder Sünde zu. Seine sittliche Lehre fällt entweder positiv aus (Lob der christlichen Tugenden, verkörpert in den Heiligen) oder negativ (Anprangerung der Laster). Dem Geist der Zeit entsprechend, predigt Abraham auch gegen das Judentum. Dabei geht es ihm weniger um Antisemitismus, sondern eher um die „Teufelsmacht des Geldes“. Münzengeklimper gilt ihm als das hässlichste Geräusch auf Erden – neben dem von keifenden Frauenzimmern. Das „Weib“ sieht Abraham als ständige Bedrohung für den Mann: „Wieviel Unheil haben doch die Weiber in die Welt gebracht! Der Adam hat ein Weib gehabt – es hat ihn und uns alle ins Elend gestürzt.“

Der Erfolg seiner Werke und seiner Predigten beruhte darauf, dass er versuchte, „dem Volke aufs Maul zu schauen“ und einfache Tugenden wie Fleiß und Ordnung, Glaube und Hoffnung vermittelte. Im Alter von 65 Jahren starb Abrahm in seinem Wiener Heimatkloster in der Hoffnung, dass es „keine andere Brücke in den Himmel als das Kreuz“ gibt.            Hinrich E. Bues


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