30.07.2021

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30.04.11 / Gegensätze ziehen sich an / Entgegen aller Erwartungen fühlte sich die elegante Städterin auf dem Lande wohl

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-11 vom 30. April 2011

Gegensätze ziehen sich an
Entgegen aller Erwartungen fühlte sich die elegante Städterin auf dem Lande wohl

Leise vor sich hin pfeifend, richtete Matthias seinen Marktstand ein. Wie an jedem Sonnabend, wenn er seine hofeigenen Produkte auf dem Wochenmarkt der nahen Kreisstadt feilbot, fühlte er freudigen Aufruhr im Herzen. Noch war es zu früh. Aber so gegen zehn, halb elf würde sie kommen; würde ihren kritischen Blick in seine Obst-und Gemüsekisten versenken, nachdenklich die hübsche Stirn runzeln, um dann auf ein bestimmtes Schälchen Erdbeeren oder ein besonders üppig gebundenes Sträußchen frischer Petersilie zu weisen.

Und er – er würde ihr das Gewünschte wohl mit aller Liebe und Sorgfalt einpacken und überreichen, aber all das, was ihm auf der Zunge lag, wieder einmal nicht über die Lippen bringen! Es war wirklich zum Verzweifeln. So sehr Matthias ihn auch zu verdrängen suchte: der Gedanke, dass eine anspruchsvolle Städterin sich doch unmöglich in einen Landwirt verlieben könne, saß wie ein lähmender Stachel in seinem Hirn. Dabei schien er ihr durchaus sympathisch zu sein.

Jedenfalls wurde sein Lächeln stets erwidert und wenn es die Zeit schon mal erlaubte und Matthias ein wenig von seiner Arbeit auf dem Hof erzählte, lag nie Ungeduld und Desinteresse in ihrem Blick, sondern warme Anteilnahme. Trotzdem wurde er von Zweifeln geplagt. Vielleicht brachte sie ja jedem Menschen diese besondere Aufmerksamkeit entgegen? Egal, ob der Betreffende Kind, Greis oder ein verliebter Enddreißiger war?

Sehnsüchtig schaute er über die bunten Markisen der Marktstände hinweg in jene Richtung, aus der sie immer kam. Seidig-warmer Wind strich über sein Gesicht. Es war ein zärtlicher Hauch, der unbestimmte Wünsche und Erwartungen in ihm weckte. Ein herrliches Sommerwochenende stand bevor und der Gedanke, es allein verleben zu müssen, wurde plötzlich unerträglich.

„Junger Mann, der Radi, was soll der denn kosten?“

Die gebieterische Stimme seines ersten Kunden holte Matthias in die Wirklichkeit zurück. Fast widerwillig wandte er sich der Kiste mit Rettichen zu – und erkannte zu seiner Beschämung, dass er vergessen hatte, die Preisauszeichnung vorzunehmen. Immer mehr Menschen strömten nun auf den Markt. Es ging laut und lebhaft und manchmal dermaßen hektisch zu, dass Matthias schon die Heimfahrt herbeisehnte, die friedliche Stille, die ihn bei seinem Gang über die Felder begleiten würde.

Und dann sah er sie kommen. Rank und schlank, das glatte, dunkle Haar hinters Ohr zurück-gestrichen, bewegte sie sich zielbewusst auf seinen Stand zu. Nie erschien sie in Begleitung. Dies und die Tatsache, dass sie stets nur geringe Mengen an Obst und Gemüse kaufte, schien Matthias ein sicherer Beweis dafür, dass sie allein lebte.

Klopfenden Herzens begrüßte er sie. Diesmal musste es klappen. Er musste die richtigen Worte finden. Worte, von denen sie sich nicht bedrängt fühlte, die ihr aber den Ernst seiner Absichten verrieten. Schließlich ging es hier nicht um bloßes Anbandeln, sondern um sein Lebensglück. Beherrscht von diesem Gedanken, fragte er jetzt nach ihren Wünschen. „Erdbeeren hätt’ ich gern – zwei Pfund.“ Zwei Pfund? Ihm wurde ganz seltsam zumute. Erwartete sie etwa Besuch? Männlichen Besuch? Verwirrt wog er die für sie ungewöhnliche Menge ab, überreichte ihr die pralle Tüte, und als sich dabei ihre Hände berührten, war er so gelähmt, dass er die seine nicht sofort zurückzog. Überrascht blickte sie auf. Was immer seine Augen ihr erzählten – es ließ sie jäh erröten.

Matthias fand sie reizender denn je. Aber er musste wissen, was es mit diesen zwei Pfund auf sich hatte!

„Wollen Sie Bowle daraus machen?“ „Aber nein!“ Sie schüttelte den Kopf. „Mein Bruder kommt morgen mit seiner Familie zu Besuch. Und Obstkuchen mit Schlagrahm mögen meine Nichten halt am allerliebsten!“

Matthias meinte, nie etwas Schöneres gehört zu haben. Es gefiel ihm, dass sie Familiensinn besaß, der sie selbst an einem heißen Sommertag wie diesem veranlasste, Kuchen zu backen. Und dass sie, die sonst so Verschwiegene, ihm das alles erzählt hatte, machte sein Glück komplett.

Noch waren sie allein. Doch früher oder später würden andere Kunden seine Aufmerksamkeit beanspruchen. Die Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, mussten endlich ausgesprochen werden. Aber war es wirklich von so immenser Wichtigkeit, dass er ein komfortables Heim und einen so und soviel Hektar großen, schuldenfreien Hof sein eigen nannte? „Grauslich, dieser Lärm“, hörte er sich stattdessen sagen, als just in diesem Moment ein paar Stände weiter ein Händler mit seiner Kundschaft lautstark aneinandergeriet. Er schaute sie lächelnd an. „Bei mir daheim geht’s halt ganz anders zu. Es ist so schön da heraußen – ich kann mir nicht vorstellen, jemals fortzugehen.“

„Das versteh ich sehr gut“, erwiderte sie ruhig. „Meine Großeltern waren Bauern. Als Kind war ich bei Ferienende gar nicht vom Hof wegzubekommen, so gut hat es mir dort gefallen.“ „Und jetzt?“ Seine Stimme wurde plötzlich rau. „Würden Sie es noch mögen, auf dem Lande zu leben. Nicht nur für ein paar Wochen, sondern für immer?“ Sein Herz machte einen gewaltigen Sprung, als er ihr schlichtes, leises „Ja“ vernahm. Ein Ja, von dem er zu wissen glaubte, dass es einem Versprechen gleichkam.        Renate Dopatka


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