30.07.2021

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30.04.11 / Von Spätfolgen belastet / Traumatisierte Vertriebene auch von Kirchen weitgehend vergessen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-11 vom 30. April 2011

Von Spätfolgen belastet
Traumatisierte Vertriebene auch von Kirchen weitgehend vergessen

Etwa jeder Zehnte der älteren und alten Menschen in Deutschland ist durch Flucht, Vertreibung, Bombenangriffe sowie andere Kriegs- und Nachkriegserlebnisse traumatisiert. In der Schweiz, einem Land ohne Krieg und Vertreibungsgeschehen, sind es in den entsprechenden Jahrgängen nur knapp ein Prozent. Darüber hinaus erlebt sich ein Viertel der zwischen 1933 und 1945 in unserem Land Geborenen – wie der Münchner Traumaforscher Michael Ermann es ausdrückt – „in seinem psychosozialen Lebensgefühl eingeschränkt“. Man kann also sagen, dass etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland, die ihre Kindheit oder Jugend im Krieg verbringen mussten und Flucht wie Vertreibung in der Nachkriegszeit zu durchleiden hatten, noch heute von den Spätfolgen belastet ist. Beim Eintritt in den Ruhestand, bei Krankheit oder beim Verlust von engen Angehörigen, bricht diese durch das Berufsleben in Schach gehaltene seelische Problematik häufig mit aller Schärfe hervor. Finden diese Menschen bei ihren Nöten in den kirchlichen Einrichtungen ausreichend Hilfe und Verständnis?

Wie die sich seit Jahren intensiv mit der Thematik auseinandersetzende Publizistin Sabine Bode dazu feststellt, ist der Diskurs über eine angemessene Gedenkkultur, der diese Menschen bei ihrer Trauerarbeit unterstützt, von den Kirchen bisher im allgemeinen nicht angestoßen worden (siehe dazu: „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ von Sabine Bode, München 2005). Angebote für Kriegskinder sind vielmehr den Initiativen Einzelner überlassen, wie etwa dem engagierten Pfarrer Frank Weber aus Mettmann. Amtsträger wie er erfahren in ihren Bemühungen aus der Kirchenleitung freilich keine nennenswerte Rück-enstärkung. In der Ausbildung der Pfarrer ist das Thema „Seelsorge für Kriegskinder und Kriegserwachsene“ ebenfalls kein festgeschriebener Bestandteil. Auch für die Kirchen scheint damit zuzutreffen, was der Schriftsteller Günter Grass für unsere Gesellschaft insgesamt konstatiert: “Merkwürdig und beunruhigend mutet an, wie spät und immer noch zögerlich an die Leiden erinnert wird, die während des Krieges den Deutschen zugefügt wurden... So wird denn vieles, selbst wenn es als qualvolle Erinnerung wiederholt ins Bewusstsein drängt, ungesagt bleiben. Das Schweigen der Opfer ist dennoch unüberhörbar.“

Woher kommt die Zurückhaltung der Kirchen, wenn es um deutsche Kriegs- und Vertreibungsopfer geht?

Frank Weber verweist in diesem Zusammenhang auf die besondere politische Sozialisation vor allem vieler protestantischer Pfarrerinnen und Pfarrer und sagt dazu: „Das erlebe ich auch als ein Erbe der 68er, die ja angetreten sind, mit dem großen Verdikt: Nie wieder! Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz!“ Aus dieser Betroffenheit heraus sei dann die Friedensbewegung, das Engagement für die Länder der Dritten Welt und dergleichen mehr entstanden. Alles seien wichtige Entwicklungen, aber es fehle eben dabei der Blick auf die Geschichte des eigenen Leides.

Ähnlich sieht es Arno Lohmann, der Leiter der evangelischen Stadtakademie in Bochum. „Die Kirche“, so Lohmann, „bekümmert sich interessanter Weise um Terrorfolgenopfer in Argentinien − was ja richtig ist – oder Traumatageschädigte in Bosnien, im Gazastreifen, aber in Deutschland selber, in unserer eigenen Geschichte ist das noch immer ein weißer Fleck. Also die Kultur des Verschweigens, die ist in der Kirche genauso groß wie im ganzen Land. Es gibt jedenfalls keine Rituale, keine Traumataaufarbeitung, keine Gottesdienste. Dafür gibt es keine Kultur, auch keine liturgische Kultur, für Verlusterfahrung, für Trauererfahrung, die fast alle entweder selber mitgemacht haben, oder Menschen benennen können aus ihrer engsten Umgebung, die diese Erfahrung gemacht haben.“

Es wäre wichtig, wenn Menschen wie Frank Weber und Arno Lohmann mit ihrem Eintreten für die nunmehr alt gewordenen deutschen Kriegs- und Nachkriegskinder keine Ausnahmen in den Kirchen blieben und in deren maßgeblichen Gremien nicht als Sonderlinge angesehen würden, die sich einem Randthema widmen. Denn sie sind Menschen mit besonderen Fähigkeiten, die dringend gebraucht werden. Zumal es sich bei der betroffenen Generation um einen Großteil der treuesten Gottesdienstbesucher unserer Tage handelt. Deren seelische Leiden ernst zu nehmen, sollte nicht nur Pflicht, sondern mit eine der vornehmsten Aufgaben von Pfarrerinnen und Pfarrern sein.

Schließlich gilt: Wer nicht fähig oder willens ist, für das eigene Volk und seine Mitmenschen Trauer und Empathie aufzubringen, der kann nicht ehrlich am Leid der Bewohner entfernter Länder teilnehmen.Walter Kreul


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