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30.04.11 / Freizeitspaß im Internet / Viele Jugendliche nutzen das Netz, aber es interessiert sie nicht – Freunde und Sport sind wichtiger

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-11 vom 30. April 2011

Freizeitspaß im Internet
Viele Jugendliche nutzen das Netz, aber es interessiert sie nicht – Freunde und Sport sind wichtiger

Das Kommunikationsverhalten junger Menschen verändert sich rasant. Mehr als 80 Prozent der 14- bis 17-Jährigen tauschen sich täglich online im Web 2.0 aus, etwa die Hälfte der Unter-25-Jährigen nutzt soziale Netzwerke wie Facebook oder studiVZ. In den Medien werden sie deshalb „Cyberkids“, „Generation @“ oder schlicht die „Netzgeneration“ genannt.

Der Begriff „Web 2.0“ hat sich eingebürgert, um diejenigen Entwicklungen im Internet zu beschreiben, die dem einzelnen Nutzer gestiegene Möglichkeiten eines onlinegestützten Beziehungs-, Identitäts- und Informationsmanagements bieten. Jugendliche und junge Erwachsene gehören zu ihren stärksten Nutzern.

Tag für Tag ist Jannik online, oft viele Stunden bis spät in die Nacht. Fast immer ist auf dem Bildschirm das Fenster seines Chat-Programms geöffnet. Freunde und Bekannte schreiben da gleichzeitig durcheinander. Ab und zu tippt Jannik einen Halbsatz in den ruckelnden Strom der Dialogzeilen, ein „Hallo“ oder irgendwas Witziges, während er sich nebenher durch die Sportvideos bei YouTube klickt.

Jannik ist 17, geht in die 10. Klasse einer Realschule in Berlin und könnte gut in einer der üblichen Geschichten über die „Netzgeneration“ auftreten, die sich angeblich im Virtuellen zu verlieren droht. Der Junge ist aufgewachsen mit dem Internet; seit er denken kann, ist es da. Seine halbe Freizeit spielt sich ab zwischen dem Chat, Facebook und YouTube. Wirklich wichtig aber sind ihm andere Dinge, wie er sagt, allen voran der Fußball: „Der Verein geht vor, auf gar keinen Fall würde ich ein Training auslassen.“ Auch sonst hat das echte Leben Vorrechte: „Wenn sich jemand mit mir treffen will, mache ich sofort die Kiste aus.“

Was Jannik vom Internet erwartet, ist eher bescheiden. Die Älteren mögen es für ein revolutionäres Medium halten, von den Segnungen der Blogs schwärmen und bei Twitter um die Wette schreiben. Jannik ist zufrieden, wenn seine Freunde in Reichweite sind und bei YouTube die Videos nie ausgehen. Nie würde es ihm einfallen, selbst Blogs zu schreiben, und Twitter interessiert ihn ebenfalls nicht: „Wofür soll das gut sein?“, fragt er. In seinem Alltag spielt das Internet eine paradoxe Rolle: Er nutzt es ausgiebig – aber es interessiert ihn nicht. Es ist unverzichtbar, aber nur, wenn sonst nichts anliegt. „Eine Nebensache“, sagt er.

Die Abgeklärtheit von Jannik ist typisch für „die Jugend von heute“; das bestätigen mehrere aktuelle Studien. Ausgerechnet die erste Generation, die sich ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen kann, nimmt das Medium nicht übermäßig wichtig und verschmäht seine neuesten Errungenschaften: Ganze drei Prozent der jungen Leute schreiben selbst Blogs. Und nicht mehr als zwei Prozent beteiligen sich regelmäßig an der Wikipedia oder sonst einem vergleichbaren Freiwilligenprojekt.

Das Hans-Bredow-Institut hat in der Erhebung „Heranwachsen mit dem Social Web“ neben einer repräsentativen Umfrage 28 junge Leute in ausführlichen Einzelinterviews zu ihrem Online-Verhalten befragt. Wie sich auch hier wieder zeigte, dient das Internet vor allem der Freundschaftspflege. In den sozialen Netzwerken von Facebook bis schülerVZ wird getratscht, gewitzelt und posiert – ganz wie im echten Leben. Sehr selten ist dagegen der Typ Nutzer, der online mit Freunden aus Amsterdam und Barcelona Musikstücke „zusammenfrickelt“, über Twitter Spontan-Demos für billige Schülermonatskarten organisiert oder anderweitig einfallsreich Neuland erobert. Für die meisten Probanden ist das Internet keine neue Welt, sondern eine nützliche Erweiterung der alten.

Nach der jüngsten JIM-Studie (Jugend, Information und Multi-Media) vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest haben bereits 98 Prozent der 12- bis 19-Jährigen einen Zugang zum Internet und sie verbringen damit nach eigener Schätzung im Durchschnitt 134 Minuten am Tag – nur noch drei Minuten weniger als mit dem Fernsehen. Allerdings besagt die Dauer wenig. Die Frage ist, was die „Cyberkids“ tun, wenn sie online sind. Und darin unterscheiden sie sich wenig von früheren Jugendgenerationen: Es geht um den Austausch mit Ihresgleichen. Fast schon die Hälfte der Zeit verbringen sie damit. Chat, E-Mail und soziale Netzwerke machen zusammen den größten Einzelposten in der Nutzungsstatistik aus.

Tobias zum Beispiel steht fast rund um die Uhr mit 20 oder 30 Freunden in Verbindung. Die Kanäle wechseln je nach Gelegenheit: morgens ein Chat am PC, in der großen Pause ein paar SMS, nach der Schule die tägliche Facebook-Sitzung, ein paar Anrufe per Handy und abends noch ein, zwei Videotelefonate über den Internetdienst Skype.

Dennoch gibt es weiterhin ein Leben fern von Computern und Internet. Bei neun von zehn Teenagern steht laut JIM-Studie das Treffen mit Freunden ganz oben auf der Liste der Freizeitaktivitäten jenseits der Medien. Noch bemerkenswerter: 76 Prozent der Jungen treiben mehrmals pro Woche Sport; bei den Mädchen sind es immerhin 64 Prozent.

Für den Aufbau einer richtigen Freundschaft ist auch bei den Jugendlichen der reale Kontakt unerlässlich. Offenheit, Emotionalität und Tiefe sehen sie wie Ältere bei persönlichen Gesprächen. Und, wenig überraschend, man weiß, dass vieles, was im Chat so gesagt wird, nicht für die Ewigkeit taugt.           Corinna Weinert


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