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30.04.11 / »Mit Realitäten, nicht mit Fiktionen wirtschaften« / Erst durch Otto zu Größe gelangt – Familiensaga der Bismarcks über sieben Jahrhunderte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-11 vom 30. April 2011

»Mit Realitäten, nicht mit Fiktionen wirtschaften«
Erst durch Otto zu Größe gelangt – Familiensaga der Bismarcks über sieben Jahrhunderte

Der Historiker Ernst Engelberg ist im vergangenen Dezember im 102. Lebensjahr gestorben. Er galt als Doyen der Historiker in der DDR und dementsprechend als „marxistisch“. Gleichwohl erschien 1985 der erste Band seiner großen Bismarck-Biographie gleichermaßen in Ost und West, der zweite, ebenso gefeiert, 1990. Allgemein erregte es damals Erstaunen, dass ein sich dem Sozialismus verpflichtet fühlender Historiker derart mit Sympathie über den „eisernen Kanzler“ schreiben konnte. Das Thema hat ihn dann weiterbeschäftigt und, so sein Sohn Achim, wie aus „innerem Zwang“ zu einer Familiengeschichte der Bismarcks getrieben. Der Tod vereitelte die letzte Feinarbeit; die letzten Kapitel dieser „preußischen Familiensaga“ hat weitgehend der Sohn geschrieben.

„Die Bismarcks – Eine preußische Familiensaga vom Mittelalter bis heute“ ist ein Buch zur Geschichte der Bismarcks durch sieben Jahrhunderte, das noch einmal die große Kenntnis des Autors und zugleich seinen ebenso geistreichen wie eleganten Stil vor Augen führt. Es setzt ein bei den im Stendal des frühen 14. Jahrhunderts als Gewandschneider ansässigen Bismarcks, die in das Patriziat aufstiegen, später von den Bürgern vertrieben wurden und als Landadel zunächst im nahen Burgstall wohnten, von wo sie durch kurfürstliche Ränke 1562 vertrieben wurden. Der ihnen zugewiesene Besitz Schönhausen an der Elbe war bis 1945 im Besitz der Familie; hier wurde Otto von Bismarck am 1. April 1815 geboren.

Vor dem großen Kanzler waren die Bismarcks, so Engelberg, ein eher mittelmäßiges Geschlecht, das aus dem kurmärkischen Adel kaum herausragte. Engelberg erzählt ausführlich die Lebensläufe der wichtigsten Personen, aber natürlich gilt sein Hauptinteresse dann doch dem Kanzler und Reichsgründer: „Eine Geschichte der Bismarcks ohne ihn wäre so, als ob man Schillers ,Wallenstein‘ auf die Bühne bringen würde ohne die Zentralgestalt.“

Wer Engelbergs große Bismarck-Biographie kennt, wird hier in geraffter Form die dortigen Thesen finden: die These vom erzkonservativen, „stockpreußischen“ und doch so realpolitisch denkenden Politiker, der Deutschland zur Einigung führte, danach eine beispielhafte europäische Friedenspolitik betrieb („mit Realitäten wirtschaften und nicht mit Fiktionen – das wurde seine Devise“), im Innern aber fast ohne jedes Verständnis für die neuen sozialen Herausforderungen war. Und entsprechend harsch ist sein Urteil über Bismarcks Nachfolger und insbesondere über Wilhelm II., dessen Politik „schlechterdings parvenuehaft und abenteuerlich“ gewesen sei.

Sohn Achim, auch Historiker, hat die Geschichte der Familie bis in unsere Tage verfolgt. Er würdigt vor allem Klaus von Bismarck, den langjährigen WDR-Intendanten und Präsidenten des Goethe-Instituts,  als Versöhner gegenüber dem Osten. Er weist auch darauf hin, dass 34 Bismarcks aller Linien Mitglieder der NSDAP waren; und er berichtet von dem hohen Blutzoll, den die Bismarcks im Zweiten Weltkrieg entrichteten; die meisten der im Buch mit Bild genannten jungen Offiziere waren gerade einmal Anfang oder Mitte 20 – eine bedrückende Chronik.

Vielleicht, weil die Bismarcks über Jahrhunderte nicht allzu bedeutend waren, hat es den Verfasser gereizt, weit in die Geschichte Europas im 17. und 18. Jahrhundert auszugreifen. Ja, fast die Hälfte des Buches ist eine solche allgemeine Geschichte, was kein Nachteil, sondern höchst lesenswerter Gewinn ist. Die Passagen über Deutschland im Dreißigjährigen Krieg, über das Zeitalter der Aufklärung, über die preußischen Reformen nach 1806 sind ungemein anregende Kapitel, die durch eine mitunter drastische Wortwahl „gewürzt“ sind, – etwa das „Hofgeschmeiß“ in Berlin, das „salbadernde Erziehungsgefuchtel“ des Soldatenkönigs, die „Spitzbübeleien“ preußischer Werber um Rekruten, die „weiberlüsterne Liederlichkeit und frömmlerische Geisterseherei“ König Friedrich Wilhelms II. 

Allerdings wäre Engelberg kein „marxistischer“ Historiker, wenn er nicht beklemmend deutlich auf die elende Lage der untersten Bevölkerungsschichten hinwiese: auf die von Frondiensten und Abgaben belasteten Bauern und auf die von ödem Drill und Spießrutenlauf bedrohten gemeinen Soldaten, deren beider Situation sich erst nach den Reformen seit 1807 allmählich besserte. In summa also durchaus ein informatives Bismarckbuch, so man es denn mit dem nötigen Wissen über den ideologischen Hintergrund der Autoren liest.    Dirk Klose

Ernst und Achim Engelberg: „Die Bismarcks – Eine preußische Familiensaga vom Mittelalter bis heute“, Siedler Verlag, München 2010, gebunden, 384 Seiten, 22,95 Euro


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