30.07.2021

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30.04.11 / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-11 vom 30. April 2011

Der Wochenrückblick mit Hans Heckel
Rätselhafte Völker / Wieso Medienleute billige »News« lieben, warum von der Leyen böse ist, und wie     Deutschland schon wieder Vorbild wurde

Also gut, machen wir’s kurz: Kate und William haben diesen Freitag geheiratet. Punkt, aus. So, damit ist unserer Chronistenpflicht Genüge getan. Wer mehr über den Zirkus erfahren will, soll was anderes lesen.

Unglaublich: Die „Jahrhunderthochzeit“ hat kurzfristig selbst Fukushima von der Spitze der Lieblingsmeldungen in den deutschen Medien verdrängt. Die Kampagnen glichen sich in ihrer sagenhaften Penetranz: Es gab kein Entrinnen.

Das hat vor allem einen Grund: Die Geschichten und Bilder waren für die Medien billig zu haben. Ist doch viel günstiger, dieselbe Explosion Hunderte Male zu zeigen, als ständig neue, kostspielige Berichte aus allen Teilen der Welt produzieren zu müssen. Fast umsonst sind auch die bei Medienmachern so beliebten Straßenumfragen, bei denen wir von der 45-jährigen Verkäuferin erfahren, wie enttäuscht sie ist, dass William nun doch nicht sie erwählt hat, sondern „die andere“.

Weil’s nichts kostet, übernehmen deutsche „News“-Sendungen sogar amerikanische Lokalnachrichten wie den Brand von drei Häusern in Süd-Kalifornien, der uns hierzulande ebenso brennend interessiert wie die Frage, ob die Milch von Nachbar B. über die warmen Tage sauer geworden ist. Oder die Geburt von einem wahnsinnig niedlichen Tierchen im Zoo von ... (wo auch immer), das vor Ort als „Sensation“ gefeiert werde und sich (nachdem alle Schrottsendungen bis zum Erbrechen darüber gequasselt haben) zu einem „echten Highlight mit Event-Charakter“ entwickelt habe. Manchmal möchte man gewalttätig werden. Aber man trifft ja bloß den Fernseher, und den hat man selber bezahlt.

Wie das nur immer wieder klappt? Es hat den Eindruck, als ob Millionen Menschen nur darauf warten, irgendwo per Funk hingescheucht zu werden, um den Emotionen (die man ihnen vorher per Dauerfeuer ins Hirn gejagt  hat) freien Lauf zu lassen. Dieses Phänomen trägt wundersame Früchte: Dass in Hamburg auch mal zwei oder drei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig anlegen, ist eigentlich keine Seltenheit. Die Hanseaten nahmen lange kaum Notiz von den Anlandungen, es sei denn, es kam etwas wirklich Spektakuläres die Elbe hoch wie die gigantische „Queen Mary“ oder die elegante „Deutschland“. Sonst sehen sich die Pötte ja alle ziemlich ähnlich.

Dann aber kam jemand auf die Idee, solche Tage mit drei Schiffen gleichzeitig zum „Cruise Day“, mithin zu einem „Event“ zu erklären. Seither drängeln sich die Massen an den Piers und bestaunen kameraklickend, was ihnen eben noch völlig alltäglich erschien.

Wie leicht es doch ist, das Volk zu begeistern. Man muss nur wissen wie. Frau von der Leyen weiß es jedenfalls nicht. Die Resonanz auf ihr „Bildungspaket“ ist niederschmetternd. Nur zwei Prozent der Eltern in Hartz IV haben sich in die Antragsformulare gestürzt, um die staatlichen Zuschüsse für Musikunterricht, Sport oder Mittagessen für ihre Sprösslinge zu beantragen. Die Ministerin ist wirklich böse. Man hätte ihr doch sagen können, dass Kommunen, Vereine und Initiativen alles (und mehr) an Angeboten längst unbürokratisch zur Verfügung stellen, was nun ganz neu sein sollte. Da war es eben nicht sonderlich attraktiv, sich dasselbe noch einmal mühsam aus dem Rachen eines Papier speienden Bürokratiemonsters zu ziehen.

Arme Ministerin. Politiker sein war ja noch nie leicht. Doch im Moment scheint es sprunghaft schwieriger zu werden, und zwar in ganz Europa. In Finnland hat eine Anti-Euro-Partei fast 20 Prozent erreicht. Die Reaktionen aus Brüssel tragen Zeichen des Entsetzens: Aus dem sonst so mitteilungssüchtigen EU-Parlament drang nicht der Pieps einer Stellungnahme zum Hammerschlag von Helsinki.

Ratlosigkeit breitet sich aus in den Gipfeln der Eurokratie. Was haben wir falsch gemacht? Haben wir nicht alle erdenklichen PR-Gags angewendet, von den knalligen Partys zur Euro-Einführung, ausgerichtet von den profiliertesten „Event“-Agenturen bis zur Aufzucht eines besinnungslos Euro-freundlichen Stabes von Brüsseler Korrespondenten aller erdenklichen europäischen Medien? Haben wir nicht bei jeder Diskussionsveranstaltung zum Euro und zur EU sorgsam darauf geachtet, dass nur die richtigen Fragen durchkamen, damit „Populisten“ und „Panikmachern“ kein Podium geboten wird? Haben wir nicht Millionen und Abermillionen für Kommunikationskonzepte mit Seminaren,  Internet-Portalen, optimistischen Werbefilmchen, Plakaten, Anzeigen und Handreichungen für den Schulunterricht erstellen lassen, um auch den allerletzten Europäer auf Spur zu bürsten?

Trotzdem sprießen überall in der Euro-Zone „rechtspopulistische“ Parteien aus dem Boden. Finnland war nur der jüngste Schock. Auch in den anderen skandinavischen Ländern, in Frankreich und Italien, in Holland und Belgien,  Ungarn und der Slowakei, Lettland und Litauen, ja sogar in Bulgarien und Griechenland rotten sich die Euro-Kritiker massenhaft zusammen.

In Deutschland übrigens kaum. Das habe seinen Grund, erfuhren wir neulich von einem Wissenschaftler. Hierzulande seien die Medien einfach zu gut darin, „rechtspopulistische“ Abweichungen im Keim zu zertreten. Da hätten die keine Chance. Und „im Keim“ heißt wirklich ganz am Anfang: In der FDP hat sich um den Finanzexperten Frank Schäffler die Gruppe „Liberaler Aufbruch“ gebildet (PAZ berichtete), bislang elf Bundestagsabgeordnete, die querschießen wollen bei immer neuen „Rettungsmaßnahmen“. Ein Hamburger Nachrichtenmagazin stopfte Schäffler darauf diese Woche in die Phalanx der „Rechtspopulisten“ und stellte ihn neben die Chefin des französischen „Front National“, Marine Le Pen. Mit ihrer Politik trieben sie „Europa immer weiter auseinander“, dekretiert das einflussreiche Blatt und gibt Schäffler damit zum Abschuss frei. So, meine Freunde, halten wir Deutschland sauber.

Aber was nützt das, wenn am Ende die deutsche Politik von den Finnen daran gehindert wird, das Geld der Deutschen im Rettungsschirm zu verdampfen? Es wird Zeit, mit den Nordlichtern Tacheles zu reden: Wenn Ihr unsere Regierung (und die Opposition, in dieser Frage fest an Merkels Seite) dabei stört, das Geld ihrer Steuerzahler zu verbrennen, dann kann das sehr negative Folgen haben für das deutsch-finnische Verhältnis! Wir können auch anders!

Bloß wie? Wenn die Politik sich festwühlt und die Bürger nicht mehr wollen? Vielleicht sollte man nach Vorbild der deutschen Atomdebatte einen europäischen „Ethikrat zu Überwindung der Euro-Vertrauenskrise“ erschaffen!

In dem Gremium sollte, nach demokratischer EU- und Euro-Tradition, nicht nur eine Richtung vertreten sein. Der Pluralismus ist eines unserer höchsten europäischen Güter, für das wir in der ganzen Welt einstehen. Also müssen in dem Rat neben Euro-Freunden auch Anhänger des Euro und Verfechter der europäischen Einheitswährung Platz finden.

Der Kreis wird selbstverständlich ergebnisoffen arbeiten, wobei indes über das alternativlose Resultat kein Zweifel besteht: Das Euro-System muss, so wie es ist, um jeden Preis gerettet werden. Wenn es sich also herausstellen sollte, dass „Rechtspopulisten“ ihre demokratischen Rechte missbrauchen, um das Euro-Projekt zu gefährden, dann müsste man eben da mal ansetzen: Ist Demokratie nicht sowieso viel zu grob für die komplexen Probleme?

Klar ist sie das, und die deutsche Politik hat es, wie in der Atomfrage, mal wieder als erste erkannt: Seit der staatlichen Garantie all unserer Konten während der Krise 2008 darf der Bundestag nur noch gelegentlich über Geld entscheiden, vornehmlich über die kleineren Summen. Wenn Finnland Schule macht, sollte man dieses postdemokratische Prinzip auf die ganze EU übertragen, um Finnen, Falsch­wähler und alle anderen Populisten endgültig politisch unschädlich zu machen.


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