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14.05.11 / Widersprüchliche Signale an Christen / Erst Osterbotschaft der türkischen Regierung  − dann Abriss des Versöhnungsdenkmals

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-11 vom 14. Mai 2011

Widersprüchliche Signale an Christen
Erst Osterbotschaft der türkischen Regierung  − dann Abriss des Versöhnungsdenkmals

Als sich der türkische Staatspräsident Abdullah Gül in der Osternacht zum ersten Mal seit Beginn des Fernsehzeitalters mit einer Osterbotschaft an die Christen in der Türkei gewandt hatte, kam dies einer kleinen Sensation gleich. Gül hat die Christen als „untrennbaren Bestandteil“ des Landes bezeichnet und damit fast die gleiche Wortwahl gewählt wie Bundespräsident Wulff im letzten Jahr in Bezug auf die Muslime in Deutschland.  Auch in mehreren türkischen Provinzen, in denen noch Christen leben, erschienen die Gouverneure persönlich bei den Osterfeiern der christlichen Minderheiten. So besuchte der Gouverneur der Provinz  Hatay im Südosten die Osterfeierlichkeiten der orthodoxen Kirche in Antakya, dem biblischen Antiochia,  während der Gouverneur von Mardin dem Gottesdienst einer syrisch-orthodoxen Gemeinde beiwohnte. Während die Gottesdienstsprache der orthodoxen Kirche in Hatay das Arabische ist, feiern die syrisch  orthodoxen Christen ihre Gottesdienste in aramäischer Sprache. Beide Sprachen haben in der Türkei keinen offiziellen Status. Gerade der Besuch bei den Aramäern in der Provinz Mardin fand in den türkischen Medien besonderes Interesse, hatte doch  das oberste türkische Gericht in einem Rechtsstreit im Januar fast das gesamte Land des syrisch-orthodoxen Klosters Mor Gabriel und damit dessen Existenzgrundlage eingezogen. 

    Ein weiteres Zeichen in Richtung der christlichen Minderheit hat allerdings eher „kosmetischen“ Charakter: Der armenischstämmige Wirtschaftswissenschaftler Daron Acemoglu wurde zum türkischen Botschafter bei der OECD ernannt, ein nicht gerade herausragender diplomatischer Posten. Christen und Juden in der Türkei beklagen sich seit langem über  Benachteiligungen bei der Einstellungspraxis türkischer Behörden.    Für die Parlamentswahl am 12. Juni hatten sich auch eine Reihe christlicher Kandidaten beworben, ihre Hoffnungen auf erfolgversprechende Listenplätze scheiterten jedoch allesamt in letzter Minute durch eine Intervention der Parteivorsitzenden, darunter auch Tayyip Erdogan. Seit fast 50 Jahren gehört kein Christ mehr dem türkischen Parlament an.

Die Belange der Armenier in der Türkei werden in der nächsten Legislaturperiode im besonderen Fokus nicht nur in der Türkei, sondern auch der gesamten Weltöffentlichkeit stehen, fällt doch der 100. Jahrestag des Armeniermassakers im Jahre 2015 in die Amtszeit des nächsten türkischen Parlaments. Am 10. Oktober 2009 hatten die Türkei und die Republik Armenien zwei Protokolle zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen und Öffnung der Grenzen unterzeichnet. In diesen Protokollen wurden die Haltung der Türkei  zum Vorwurf des Völkermords an den Armeniern 1915  und die Berg-Karabach Frage ausgeklammert.  Deshalb entstanden bereits kurz nach der feierlichen Unterzeichnung der Protokolle  ernste Irritationen, die den Annäherungsprozess ins Stocken brachten. Mit der Suspendierung des Ratifizierungsprozesses im April 2010 durch den armenischen Präsidenten ist der politische Prozess in eine Sackgasse geraten. Regierungschef Erdogan drohte gar damit, 150000 illegal in der Türkei lebende Armenier des Landes zu verweisen.

   Viele Analysten sehen in der neuen Offenheit der Türkei gegenüber seiner christlichen Minderheit ein neues Zeichen vor allem an die Armenier, der größten Gruppe unter den nur noch 200000 legal in der Türkei lebenden Christen. Seit dem von Regierungschef Erdogan angeordneten Abriss des türkisch-armenischen Versöhnungsdenkmals im nordostanatolischen Kars hatten sich gerade in letzter Zeit die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarvölkern wieder verschlechtert.

Skeptiker vergleichen die jetzige Öffnung gegenüber den Christen mit derjenigen gegenüber den Kurden, die am Neujahrstag 2009 mit einer  Neujahrsansprache  des türkischen Staatschefs! Tayyip Erdogan in kurdischer Sprache begann. In der substantiellen Kurdenpolitik des Landes hat sich außer der Rhetorik seitdem kaum etwas geändert.       Bodo Bost


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