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14.05.11 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-11 vom 14. Mai 2011

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,           
liebe Familienfreunde,

was ist Raum, was ist Zeit? Diese Frage stelle ich mir immer wieder, wenn ich Anrufe oder Briefe erhalte, die weit in die Vergangenheit zurückführen und die dazu aus einem anderen Land kommen. Wie das Telefonat, das ich soeben führte. Es kam aus den Niederlanden, und ich kannte die Frau nicht, die da so unerwartet anrief. Und dann stellte sich heraus, dass wir in unseren Lebensläufen einige Schnittstellen hatten, die sogar tiefer waren, als zuerst vermutet. Sie: Königsbergerin wie ich, zwar erheblich jünger, aber mit wach gebliebenen Erinnerungen an jenen Dr. Hans Rosenstock, über den ich aufgrund einer Zuschrift von Herrn Gerhard Mannke, der unter den in Königsberg verbliebenen Ärzten auch diesen Hausarzt seines Großvaters nannte, geschrieben hatte. Den in Folge 42/2010 erschienenen Bericht hatte sie im Internet gefunden, und er hatte sie sehr berührt, denn der erwähnte Arzt war ihr Großvater gewesen. Und nun begannen die gemeinsamen Erinnerungen, denn Dr. Rosenstock, ein Hausarzt von altem Schrot und Korn, hatte unsere Familie jahrzehntelang betreut. Als meine Mutter 1920 an Wanderrose erkrankte und wochenlang im Fieberwahn lag, sah er fast täglich nach ihr und als sie – fast ein medizinisches Wunder – wieder genas, nahm er sie oft mit in seiner Miet-Droschke, mit der er zu seinen Patienten in den östlichen Vororten, nach Kalthof, Devau, Liep und Lauth fuhr. Und ich vierjähriges Marjellchen durfte mit! Unvergessen blieben für das Stadtkind diese Fahrten, die für meine Mutter eine Art „Reha“ waren, von keiner Krankenkasse verschrieben. Von diesen von mir geschilderten Kutschfahrten hatte auch ihre Großmutter immer gesprochen, so erinnerte sich die Anruferin, denn Dr. Rosenstock wurde oft von seiner Frau begleitet.

Ja, für seine Enkeltochter war es natürlich ein Erlebnis, über ihren geliebten Großvater sprechen zu können, und es war eine gewisse Dankbarkeit zu spüren, dass sich noch ehemalige Patienten auf so eindrucksvolle Weise an ihn erinnerten. Dazu gehörte auch Herr Mannke aus Elmshorn, und mit ihm möchte sie auch in Verbindung treten. Zwar hat sie als Kind Königsberg früh verlassen, weil ihre Familie nach Holland ging, aber sie konnte noch über die letzten Tage des alten Arztes berichten, der – nachdem seine Frau in russischer Gefangenschaft in Lochstädt verstorben war – auf einem weiteren Transport seinem Leben selber ein Ende setzte. Ihr Mann stammt aus einer alten Königsberger Familie, die wegen der damaligen politischen Umstände bereits 1933 nach Holland emigrierte. Es gibt noch viel zu erzählen, und so werden wir auch weiterhin in Verbindung bleiben.

Ja, was ist Raum, was ist Zeit? Das gilt auch für die nächste Zuschrift, die aus Belgien kommt, und sie bezieht sich auf die in Folge 12 in unserer Kolumne erwähnte „Chronik von Großwaltersdorf“ von Erich Henneman. Wieder mal ein Beispiel, welche weiten Kreise eine kleine Anfrage ziehen kann. Es ging um das kleine Dorf Pfälzerort/Drutischken, das zum Kirchspiel Großwaltersdorf gehörte. Diese Chronik veranlasst nun Frau Martha Thierfeldt-Peeters aus Wilrijk, nach der Herkunft ihres Mannes zu suchen, der aus Ostpreußen stammt. G. K. Thierfeldt wurde 1930 in Gumbinnen geboren. Das Ehepaar ist nach der sogenannten Wende schon viermal in Ostpreußen gewesen, und die Belgierin hat das Land nun recht lieb gewonnen, wie sie schreibt, so dass sie für ihren Mann nach dessen Wurzeln sucht. Sein Großvater, der in Gumbinnen eine Tischlerei hatte, wurde 1848 in Walterkehmen geboren, das 1938 in Großwaltersdorf umbenannt wurde. Die Schwester von Herrn Thierfeldt besitzt einen Ortsplan, den nach Kriegsende die Tochter des letzten Bürger­meis­ters aufgestellt hat, so wie sie ihren Heimatort in Erinnerung hatte. Darin ist auch der Hof von Familie Thierfeldt verzeichnet. Die Belgierin bittet mich nun, nachzuforschen, ob die Hoflage stimme und wer zu der auf dem Hof ansässigen Familie Thierfeldt gehörte oder mit ihr verwandt war. Das kann ich natürlich nicht, weil ich nicht die Unterlagen besitze. So ist nun wieder unsere Familie gefragt, und ich bitte unsere Helfer, die sich mit der Chronik von Großwaltersdorf befassten und hierüber Auskunft geben könnten, sich an Frau Thierfeldt-Peeters zu wenden, falls sie in Bezug auf Hof und Familie Thierfeldt fündig werden. Das Ehepaar bezieht schon seit Jahren unsere Zeitung und liest besonders gerne unsere „Ostpreußische Familie“, auf die sie nun ihre Hoffnung setzt. (Martha Thierfeldt-Peeters, Varenlan 21 in 2610 Wilrijk, Belgien.)

Den Namen tragen wir nicht umsonst: Es dreht sich bei uns eben alles um die „Familie“, ob um die gesamte „Ostpreußische“ oder um die eigene Sippe. Und da macht unsere Leserin Anna Maria Priebe (Nachnahme ist der Redaktion bekannt) keine Ausnahme. Sie schreibt: „Ich bin auf der Suche nach meinem Großonkel und hoffe, dass ein Beitrag in der Ostpreußischen Familie Hinweise bringen kann.“ Die eigene kann sie nicht mehr befragen. Das letzte Familienmitglied, das ihr hätte Auskunft geben können, war eine Schwester ihres Großvaters. Bis zu deren Tod vor drei Jahren stand Frau Priebe noch mit ihr in Verbindung. Ihr Tod war auch der Auslöser für ihre Suche nach ihrem Großonkel, dem bis heute vermissten Bruder Heinz der Verstorbenen. Frau Priebe schreibt:

„Heinz war der jüngere Bruder meines Opas Artur. Die Familie Priebe kam nach dem Ersten Weltkrieg aus der Provinz Posen zuerst nach Milken, Kreis Lötzen, und dann 1927 nach Modgarben, Kreis Rastenburg. Das Ehepaar Fried­rich und Berta Priebe hatte sechs Kinder: Willy, *8. Februar 1920, Artur, *20. Dezember 1920 – mein Großvater –, Else, *22. August 1922, Friedel, *6. Februar 1925, Heinz, *4. Oktober 1926, und Gertrud, *10. Dezember 1931. Am 27. Januar 1945 mussten die Eltern mit dem auf dem Hof verbliebenen Kindern fliehen. Gemeinsam mit Martha, Lothar und Sabine Wegner verließen sie Modgarben und kamen über Umwege nach Schenefeld in Schleswig-Holstein. Heinz war zur Zeit der Flucht bereits verschollen. Er wurde nach Aussagen seiner älteren Schwester 1942 eingezogen und kehrte nicht mehr in das Dorf zurück. Die letzte Meldung stammt vom 27. Mai 1944, seitdem gilt er als vermisst bei Nowy Dwor. Er war SS-Panzergrenadier.“

Dass sich aus seiner Einheit jemand meldet und etwas über seinen Tod aussagen kann, glaubt Frau Priebe nicht, da ja anscheinend die Suche über die betreffenden Institutionen keinen Erfolg gebracht hat. Aber sie würde sich über jede Information über ihren Großonkel freuen, wie überhaupt über die gesamte Familie Priebe. Ob ehemalige Nachbarn aus Modgarben, Mitschüler der Kinder, Freunde der Familie: Vielleicht meldet sich jemand bei Anna Maria Priebe. Sehr freuen würde sie sich, wenn sich jemand aus unserm Leserkreis an ihre Großeltern erinnert, auch aus der Zeit nach der Flucht, als die Familie in Wilkenroth/Waldbröl lebte. Im Ostpreußenblatt, Folge 20/1979 wurde dem Paar zur Eisernen Hochzeit gratuliert. Erst aus der Anzeige erfuhr sie, dass der Urgroßvater Friedrich Priebe Generalkirchenrat von Dönhofstädt gewesen war. Über jede Auskunft über ihre Familie würde sich die Suchende sehr freuen. Sie bedauert, dass sie ihren Großvater nicht zu dessen Lebzeiten befragen konnte, sie war erst sieben Jahre alt, als er 1994 verstarb. Sie hat auch an seine Geschwister keine Erinnerungen bis auf jene Großtante Friedel, die letzte Überlebende der Priebes aus Modgarben. Umso intensiver bemüht sie sich jetzt um die Familiengeschichte, zu der unsere Leserinnen und Leser hoffentlich etwas beitragen können. (Kontakt über die Redaktion.)

Ja, hätten wir bloß früher fragen können! Das klingt immer wieder aus den Zuschriften jüngerer Suchender auf, die sich an uns wenden. Sie setzen auf Zeitzeugen, die authentische Auskunft geben können. Zu ihnen gehört die Schriftstellerin Elisabeth Krahn, die in Celle eine hervorragende Informationsarbeit an Schulen leistet, die auf ein solch großes Interesse bei ihren jungen Zuhörern stieß, dass diese nicht nur einen Dokumentarfilm, sondern auch ein Gedenkbuch erstellten. Ich bat Frau Krahn um einen Bericht für unsere Ostpreußische Familie. Hier ist er:

„Nachdem durch das niedersächsische Innenministerium die Schulen das Thema ,Flucht – Vertreibung‘ in den Geschichtsunterricht an den Gymnasien aufgenommen hatten, meldete ich mich als Zeitzeugin. Ergebnis: Nach einer ausführlichen Vorbesprechung – Inhalt, Aufbau und Durchführung – zeigten die Schülerinnen und Schüler ein unerwartet großes Interesse. Die Nachgespräche mit den Lehrkräften verliefen ohne Änderungsforderungen. Im Gegenteil: Der Vortrag wurde insgesamt als sehr positiv beurteilt. Daher macht es nachdenklich, dass ich in 2,5 Jahren nur in fünf Klassen war. Nach Auskunft des BdV ist das Interesse in jedem Bundesland verschieden. Vielleicht genügt auch die Handreichung des Innenministeriums. Allerdings nahm das Hölty-Gymnasium in Celle das Thema zum Anlass, eine Projektarbeit der Abi-Klasse in Form einer DVD durchzuführen. Die Jugendlichen interviewten vier Zeitzeugen in deren Wohnung. Anschließend wurden in der Schule Einzelbefragungen mit DVD-Filmen gemacht. Unter Leitung des Lehrers Herrn Mews stellten die Jugendlichen nicht nur die DVD her, sondern übernahmen auch den Kommentar und die gesamte Technik. Die öffentliche Premiere erfolgte am 25. Februar vergangenen Jahres. Ein großer Bericht in der Zeitung machte die Arbeit bekannt. Zum 50-jährigen Bestehen des Gymnasiums erschien dann im Herbst ein Gedenkbuch, in dem dieses Thema behandelt wurde, ein Zeichen, dass unser Schicksal ernst genommen wird. So geht ein besonderer Dank an das Hölty-Gymnasium.“

Soweit der Bericht von Frau Krahn. In der in ihm erwähnten Dokumentation wird der 45-Minuten-Film als sehenswert bezeichnet und der Empfehlung, die DVD auch anderen Schülergenerationen zugänglich zu machen, ist man nachgekommen. Besonders berührte die jungen Dokumentarfilmer, dass die vier Zeitzeugen bei Kriegsende in ihrem Alter oder noch jünger waren. Außer der aus dem Oberland stammenden Elisabeth Krahn berichten der Königsberger Roland Schluff, der bei der Flucht sieben Jahre alt war, der ebenfalls aus Ostpreußen stammende Manfred Kirinnis und der Schlesier Dieter Scholz über die Erlebnisse, die ihre Kindheit und Jugend so gravierend bestimmten. Für sie alle blieb die Heimat unvergessen und deshalb stellten sie sich gerne den Jugendlichen als Interviewpartner zur Verfügung. Wer sich für die DVD interessiert, kann sich über www.zack-die-buehne.de informieren.

Und zum Schluss noch ein kleiner Wunsch, der nach Königsberg führt. Da gab es einmal das Café Alt Wien in bes­ter Lage am Steindamm, dieser pulsierenden Hauptverkehrsader der ostpreußischen Metropole. Herr Frank Sedlmeier wollte mit einem Foto des Hauses Steindamm Nr. 158 seine Mutter zu ihrem Geburtstag überraschen, denn dort wurde sie geboren. Ihre Eltern Priebe Gotthelf und seine Frau Erna betrieben das Café, ob als Besitzer oder Pächter, ist nicht bekannt. Leider verzögerte sich die Suche, da die Anschrift von Herrn Sedlmeier fehlte, die aber für eine Umfrage benötigt wird. So gab es am Geburtstag im März nicht die gewünschte Überraschung. Trotzdem bleibt der Wunsch bestehen, ein Foto von „Alt Wien“ wäre für die Familiengeschichte wichtig. Vielleicht erinnern sich auch noch einige Königsberger an das damals sehr bekannte und beliebte Café und ihre Betreiber. Die Familie gelangte nach der Flucht aus Königsberg über Umwege nach Bad Wildbad, wo sie noch heute lebt. (Frank Sedlmeier, Alte Höfener Straße 4 in 75323 Bad Wildbad, Telefon 07081/956022.)

Eure Ruth Geede


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