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14.05.11 / Vergeblich spioniert / Buch entzaubert Mythen um echte Agenten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-11 vom 14. Mai 2011

Vergeblich spioniert
Buch entzaubert Mythen um echte Agenten

Bücher über Spionage sind eigentlich immer spannend, geht es doch um Intrigen und Verrat, um Liebe und Leidenschaft. Und dramatisch wird es, wenn nicht Phantasiegestalten wie James Bond auftreten, sondern Tatsachen berichtet werden, die unsere jüngste Vergangenheit berühren. So greift man erwartungsvoll zu dem neuen Buch des ehemaligen Verfassungsschutzchefs eines Bundeslandes, Helmut Roewer, der nicht nur einen Überblick über die Spionage zwischen Deutschland und der Sowjet-union im Zweiten Weltkrieg liefert, sondern auch manche Mythen, die darüber im Schwange sind, richtig stellen will. Da er in einem flotten, bisweilen flapsigen Stil schreibt, ist die Lektüre von „Die Rote Kapelle und andere Geheimdienstmythen“ auch noch kurzweilig.

Viel Neues entdeckt man allerdings nicht, gab es doch Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Flut von Darstellungen gerade der sowjetischen Spionage gegen Deutschland, darunter auch seriöse von Zeitzeugen überwiegend aus der deutschen Abwehr, in der DDR hingegen von ehemaligen roten Agenten, die überlebt hatten. Sicherlich wurden dabei auch Mythen gesponnen, die Roewer aufzuklären sich bemüht, doch sind es manchmal auch nur andere Schlussfolgerungen, die ebenso wahr oder unwahr sein können wie die Erzählungen seiner Vorgänger. Man erfährt, dass die deutsche Aufklärung gegen die Sowjetunion nicht sehr ergiebig war, da es überaus schwierig, wenn nicht unmöglich war, angesichts der totalen Abschottung des Sowjetstaates gegenüber dem Ausland Agenten in die UdSSR einzuschleusen. Der totale Polizeistaat tat ein Übriges. So war denn auch die wichtigste Art der Aufklärung die Luftüberwachung. Deutsche Flugzeuge konnten aus einer Höhe bis zu 13000 Metern bis etwa zur Linie Woronesch – Stalingrad mit Hilfe von Luftbildkameras das Gelände beobachten. So erfuhr die deutsche Führung, dass nach dem deutsch-polnischen Krieg ein gewaltiger Truppenaufmarsch der Sowjetunion in Gang war, ohne allerdings die Feingliederung der sowjetischen Einheiten wie die Bewaffnung aufklären zu können. Dadurch erklärt sich die Fehleinschätzung der sowjetischen Macht, zumal man nicht in der Lage war zu erkennen, dass hinter dem Ural riesige Rüstungswerke an der Arbeit waren.

Im Deutschen Reich waren zahlreiche Spionagegruppen für die Sowjets am Werk, die nicht koordiniert waren und so häufig einander widersprechende Meldungen nach Moskau funkten. Der Autor meint, dass sie dadurch nicht sehr wirkungsvoll gewesen seien. Ihre Angehörigen arbeiteten aus unterschiedlichs-ten Motiven für den Bolschewismus. Da war der Legationsrat aus dem Auswärtigen Amt, der sich schon 1937 dem sowjetischen Geheimdienst andiente, weil er durch seine Spielleidenschaft bis über die Ohren verschuldet war. Da gab es den jungen Luftwaffenoffizier, der, wie Roewer schreibt, als „verbummelter Student“ im Luftfahrtministerium gelandet war und dort an allerlei für die Sowjets nützliches Material gelangt war, das er an seinen sowjetischen Führungsoffizier weiterleitete. Aber es waren auch zahlreiche Intellektuelle unter den Sowjetagenten, die in der Zeit der Weimarer Republik in linksextreme Kreise geraten waren und nun für das „Vaterland aller Werktätigen“ spionierten. All diese Grüppchen fassten die deutschen Abwehrstellen unter dem griffigen Titel „Rote Kapelle“ zusammen. Heute werden sie in der Bundesrepublik als antifaschistische Widerstandskämpfer verehrt.

Roewer meint im Gegensatz zu zahlreichen vorangegangenen Autoren von Spionagebüchern, die „Rote Kapelle“ sei nicht sehr wirksam gewesen. Den immer wieder vermuteten großen Sowjetagenten im Führerhauptquartier oder im Oberkommando des Heeres habe es nie gegeben. Die deutsche Abwehr hat nahezu alle sowjetischen Spionagegruppen – häufig durch Funküberwachung – entdeckt. Die gefassten Agenten landeten meist in der Todeszelle. Das lesenswerte Buch bietet einen vorzüglichen Überblick über die Spionage zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg.     Hans-Joachim von Leesen

Helmut Roewer: „Die Rote Kapelle und andere Geheimdienstmythen“, Ares Verlag, Graz 2011, 472 Seiten, 24,90 Euro


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