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21.05.11 / »Bitte um eine kleine Spende« / Zwei Ausstellungen in Trier widmen sich der Armut und ihren Perspektiven in Kunst und Gesellschaft

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-11 vom 21. Mai 2011

»Bitte um eine kleine Spende«
Zwei Ausstellungen in Trier widmen sich der Armut und ihren Perspektiven in Kunst und Gesellschaft

Die Bronzestatuette (3. Jahrhundert v. Chr.) eines erbarmungswürdigen Bettlers, nackt und bucklig, empfängt den Besucher im Rheinischen Landesmuseum Trier. Die lebensgroße Plastik eines Obdachlosen aus dem Jahr 2008 entlässt ihn aus dem Stadtmuseum Simeonstift. Die beiden Museen haben sich eines bislang vernachlässigten Themas angenommen. Mit mehr als 250 Kunstwerken geben sie umfassend Auskunft über unterschiedliche Sichtweisen auf Armut und Arme in Europa von der Antike bis zur Gegenwart.

Aber wie wird „Armut“ überhaupt definiert? Absolute Armut bezeichnet ein Leben am Rande des Existenzminimums, einen Zustand größter Entbehrungen, der mit Verwahrlosung und Entwürdigung einhergeht. Relative Armut trifft auf diejenigen zu, deren Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens in dem Land beträgt, in dem sie leben. Nach Angabe der Deutschen Rentenversicherung lag das Jahresdurchschnittseinkommen 2009 in der Bundesrepublik bei 30879 Euro brutto.

Das Rheinische Landesmuseum zeigt Armutsdarstellungen der griechisch-römischen Antike. Den von ihr nicht Betroffenen galt Armut damals als urkomisch. Die in Originalen und Abgüssen aufgebotenen Statuetten und Plastiken stellen das versehrte Gegenteil zum heute geläufigen, wohlproportionierten Körperideal antiker Skulpturen dar. Wir bekommen „Dickbauchzwerge“ mit entblößtem Unterleib, Fratzen und die „Trunkene Alte“ zu sehen. Bettler und körperlich Versehrte traten auf Festen zur Belustigung des Publikums auf. Und so sind viele der ausgestellten Bettlergestalten als Tanzende oder Betrunkene dargestellt. Herbert Uerlings, Initiator der beiden Ausstellungen und Sprecher des von der Universität Trier eingerichteten Sonderforschungsbereichs „Fremdheit und Armut“, erklärt: „In der Antike war Armut grundsätzlich negativ besetzt und wurde den Armen selbst angelastet. Ein Armer galt nicht als hilfsbedürftig oder bemitleidenswert.“

Die Präsentation endet mit dem Abguss eines Sarkophags aus der Spätantike. Dessen Reliefs zeigen Jesus bei der Ausübung von guten Taten wie der Heilung des Lahmen. Der Sarkophag ist Hinweis darauf, dass erst der neue christliche Gedanke der Nächstenliebe den Umgang der Gesellschaft mit den Armen und Schwachen veränderte.

Die christliche Armenfürsorge ist eine der Perspektiven, die das Stadtmuseum Simeonstift zeigt. Almosengeben, Nächstenliebe und Barmherzigkeit waren im Mittelalter keineswegs eine selbstlose Angelegenheit. Die Wohlhabenden bedurften der Armen geradezu, um ihr Seelenheil zu retten. Herbert Uerlings berichtet: „So wie das Almosen dem Bettler hilft, kann der Gebende, der vom Empfänger als Gegenleistung ein Gebet erhoffen darf, auf Barmherzigkeit Gottes hoffen.“

Zur Personifikation freiwilliger Armut und Nächstenliebe ist die Heilige Elisabeth geworden. Eine Holzskulptur (Ende 15. Jahrhundert) aus dem Umkreis von Tilman Riemenschneider zeigt, wie sie einem zu ihren Füßen kauernden Bettler Spitzbrot und Flasche darreicht. Die von einem schwäbischen Meister gemalte Mantelteilung des heiligen Martin (um 1502) hingegen macht auf die Unterscheidung von der Unterstützung „würdiger“ und „unwürdiger“ Armer aufmerksam. Von links eilt ein trotz Krückstock behänder, offenbar mit vollem Beutel ausgestatteter Bettler herbei und stellt sich fordernd dem Reiter entgegen. Doch der Heilige wendet sich nach rechts dem körperlich versehrten, wahrhaft Bedürftigen zu.

Im Mittelalter galt die Armut gleichsam als Teil der von Gott gewollten Gesellschaftsordnung. In der Neuzeit aber setzte sich die Auffassung durch, dass sie ein durch Kommunen und Staat zu beseitigendes Übel sei. Nicht zuletzt an der mehr oder weniger guten Lösung dieser Aufgabe bemisst sich bis heute die Qualität der Regierungskunst. Entscheidendes Unterstützungskriterium ist dabei nach wie vor neben der Staatsangehörigkeit die Frage, ob der Bittsteller arbeitsfähig ist. Gern wird in diesem Zusammenhang Armut als selbstverschuldeter Zustand hingestellt.

Früher wollte man dem durch „fürsorgliche Zwangsmaßnahmen“ abhelfen. Das zeigt die von Reinier Vinkels geschaffene kolorierte Federzeichnung „Das Portal des Zucht- und Rasphauses“ (1767) von Amsterdam. Zwei Stadtpolizisten haben einen Faulenzer aufgegriffen und schaffen ihn in die geschlossene Anstalt, um ihn durch aufgezwungene Arbeit gesellschaftsfähig machen zu lassen.

Obwohl Sozialwissenschaftler die Behauptung, Armut sei reines Selbstverschulden, längst widerlegt und mangelhaften Arbeitslohn, konjunkturelle Schwankungen und Wirtschaftskrisen als zentrale Ursachen benannt haben, greift neuerdings wieder die Behauptung von der Selbstverschuldung um sich. Und mit ihr das Prinzip von Leistung und Gegenleistung, „eine Politik, die in Deutschland in der Formel vom ,Fördern und Fordern‘ ihren Ausdruck fand, welche die Debatten über die sogenannten Hartz-IV-Reformen geprägt hat“, wie Herbert Uerlings urteilt.

Und so sitzt da am Ende des Rundgangs ganz aktuell und zeitgemäß ein Obdachloser, als habe man ihn aus der Fußgängerzone ins Museum geholt. Er ist eine Plastik von Albrecht Wild und heißt harmlos „Sitzender“ (2008). Fast zynisch mutet die Hilfsmaßnahme an, die der Künstler dem Obdachlosen zu dessen „Professionalisierung“ im Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit angedeihen lässt. Wild hat auf der Straße Bettelschilder mit Aufschriften wie „Bitte um eine kleine Spende“ eingekauft. Deren Texte lässt er neben dem „Sitzenden“ wie Werbebotschaften als bunt leuchtende Laufschrift endlos abspulen.

            Veit-Mario Thiede

Die Ausstellungen sind im Rheinischen Landesmuseum, Weimarer Allee 1, Trier, und im Stadtmuseum Simeonstift, Simeonstraße 60, bis 31. Juli dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr zu sehen. Die Ausstellung läuft anschließend in verkleinerter Version vom 11. September bis 6. November im Museum der Brotkultur, Ulm.


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