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21.05.11 / Eine Frage der Ehre / »Rheinübung« kostete Empire und Reich ihre Flaggschiffe »Hood« und »Bismarck«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-11 vom 21. Mai 2011

Eine Frage der Ehre
»Rheinübung« kostete Empire und Reich ihre Flaggschiffe »Hood« und »Bismarck«

Das Unternehmen „Rheinübung“ vor 70 Jahren bedeutete für die Kriegsmarine eine Zäsur. Sie verlor mit der „Bismarck“ ihr Flaggschiff und wandte sich fortan vom Einsatz der Großkampfschiffe ab. Nicht nur die deutsche, auch die britische Marine musste erkennen, dass manches bewährte Seekriegsmittel nicht mehr zeitgemäß war.

Die „Bismarck“ war der Stolz der Kriegsmarine und das größte und kampfstärkste Schlachtschiff der Welt. Mit ihrem Fahrbereich von über 9000 Seemeilen, ihrer schweren Bewaffnung, der massiven Panzerung und der hohen Geschwindigkeit von 30 Knoten war sie für den Einsatz gegen gegnerische Nachschubrouten und Einheiten im Nordatlantik prädestiniert. Für Großadmiral Erich Raeder, den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, war der Name des Schiffes programmatisch, wollte er damit doch Deutschlands See- und Weltgeltungsanspruch gegenüber Großbritannien unterstreichen. Er betrachtete Schlachtschiffe als „absoluten Machtzuwachs“ eines Landes, durch den dieses erst in den Kreis der erstrangigen Seemächte eintrete. Allein die Existenz der „Bismarck“ und ihres Schwesterschiffes „Tirpitz“ würde die britische Marine in Angst und Schrecken versetzen und deren Kräfte binden.

Im Frühjahr 1941 entschied Raeder, die „Bismarck“, den Schweren Kreuzer „Prinz Eugen“, drei Zerstörer und einige Hilfsschiffe in den Atlantik zu entsenden, um durch Angriffe auf Geleitzüge Druck auf die feindlichen Nachschubrouten auszuüben. Adolf Hitler, der von der Operation ohnehin „keinen besonderen Erfolg“ erwartete, äußerte Bedenken und wollte diese Unternehmung lieber durch einen Großverband durchführen lassen. Da die dafür benötigten schweren Einheiten wegen Reparaturarbeiten aber auf absehbare Zeit nicht zur Verfügung standen, konnte sich Raeder durchsetzen. Der Operationsplan sah vor, dass die „Bismarck“ die gegnerischen Kriegsschiffe auf sich ziehen sollte, während „Prinz Eugen“ die Handelsschiffe in den Konvois angreifen sollte. Die risikoreichste Phase war dabei der Durchbruch durch die britische Blockade in den offenen Atlantik.

Am 18. Mai 1941 läuft der Kampfverband unter Führung des Flottenchefs, Admiral Günther Lütjens, aus Gotenhafen zum „Unternehmen „Rheinübung“ aus. Bereits am 23. Mai kommt es in der Dänemarkstraße zu einem ers­ten Zusammentreffen mit britischen Seestreitkräften. Die deutschen Schiffe nebeln sich ein und lösen sich vom Feind, um ihren eigentlichen Auftrag nicht zu gefährden. In den frühen Morgenstunden des 24. Mai kommt es erneut zum Gefecht. „Bismark“ und „Prinz Eugen“ konzentrieren ihr Feuer auf den britischen Schlachtkreuzer „Hood“, der in einer gewaltigen Explosion von der Wasseroberfläche verschwindet. Der Kommandant der „Bismarck“, Kapitän zur See Ernst Lindemann, notiert in sein Kriegstagebuch: „,Hood‘ 5 Minuten nach Gefechtsbeginn im Artilleriekampf vernichtet.“ Die Versenkung des britischen Flaggschiffes bedeutet für die Deutschen einen großen Erfolg. In London dagegen steht man unter Schock. Sollte es der „Bismarck“ gelingen, in den Atlantik durchzubrechen, würde allein ihr Auftreten auf den dortigen Schifffahrtswegen zu einer schweren Beeinträchtigung der britischen Seemachtstellung führen. Premierminister Winston Churchill selbst gibt den Befehl: „Versenkt die ‚Bismarck‘.“

Die britische Marine wirft alles in die Schlacht. Immer wieder wird die „Bismarck“ von Trägerflugzeugen angegriffen. Schließlich erzielt eine Maschine vom Flugzeugträger „Ark Royal“ einen folgenschweren Torpedotreffer in die Ruderanlage. Die „Bismarck“ geht zwar wieder auf Marschfahrt, kann aber kaum noch manövrieren. Der Gegner bleibt dran. Zwischen Lindemann und dem Flottenchef kommt es zu einer Kontroverse über das weitere Vorgehen. Der Kommandant will sein Schiff retten. Er schlägt vor, sich vom Gegner abzusetzen, um die Schäden mit Bordmitteln zu reparieren, oder Kurs auf die französische Küste zu nehmen, die man innerhalb von 15 Stunden erreichen könnte. Lütjens dagegen betrachtet die Lage aus der übergeordneten operativ-strategischen Sicht und will das Gefecht weiterführen. Die Möglichkeit, den Gegner um die Einstellung des Feuers zu bitten, um die Besatzung in Sicherheit zu bringen und das Schiff dann selbst zu versenken, kommt für beide nicht in Betracht. Unterdessen greifen die britischen Schiffe weiter an. Innerhalb von nur 90 Minuten feuern sie aus kürzester Entfernung 3000 Granaten auf die waidwunde „Bismarck“. Die Fortsetzung des Kampfes ist jetzt nur noch eine Frage der Ehre und Lütjens verkündet der Besatzung: „Wir schießen bis zur letzten Granate.“ Erst als alle Geschütze ausgefallen sind, gibt Lindemann mit Zustimmung des Flottenchefs den Befehl zum Verlassen und zur Selbstversenkung des Schiffes. Von 2220 Mann überleben nur 116.

Das Unternehmen „Rheinübung“ machte den prinzipiellen Wandel der Seestreitkräfte deutlich. Hatte die „Bismarck“ am 24. Mai mit der Versenkung der „Hood“ demonstriert, dass die Ära der schwach gepanzerten Schlachtkreuzer vorüber war, zeigte sich nur drei Tage später, dass der Flugzeugträger hinsichtlich der Reichweite und Zielgenauigkeit der Waffen wiederum dem Schlachtschiff überlegen war. Der Verlust der „Bismarck“ änderte das Verhältnis zwischen Raeder und Hitler grundlegend. Der Oberbefehlshaber der Marine hielt weiter an den Großkampfschiffen fest, doch Hitler, der sich in seiner Skepsis gegenüber dem Einsatz der „Bismarck“ leidvoll bestätigt sah, ließ ihn immer weniger eigenständig entscheiden. Schließlich untersagte er den Einsatz der großen Überwasserstreitkräfte im Atlantik. Die deutsche Hochseeflotte landete auf dem Abstellgleis.

Nach dem Krieg geriet Lütjens wegen seines Verhaltens in die Kritik und er wurde posthum mit dem Makel des „NS-Durchhalteadmirals“ belegt. Dabei hatte er nichts anderes getan, als ihm befohlen und für jeden Kommandanten selbstverständlich war: Ein zwar fast manövrierunfähiges, ansonsten aber weitgehend kampffähiges Schiff nicht auszuliefern. Ein anderes, zweckrationales Handeln hätte auch in krassem Gegensatz zur Tradition und dem Ehrbegriff der Marine gestanden. Lütjens war wie jeder Seeoffizier dazu erzogen worden, sich selbst in aussichtsloser Lage nicht zu ergeben, sondern ruhmvoll unterzugehen. Eine Kapitulation galt in allen Marinen als schmähliches Versagen und unehrenhaftes Verhalten. In einer Weisung vom September 1939 heißt es: „Das deutsche Kriegsschiff kämpft unter vollem Einsatz seiner Besatzung bis zur letzten Granate, bis es siegt oder mit wehender Fahne untergeht“ – eine Vorschrift, die in der knappen Formulierung „Streiche niemals die Flagge“ auch noch in der Bundesmarine bis 1969 Gültigkeit hatte.

Schon Schiller hat geschrieben: „Denn über das Leben geht noch die Ehre.“ Das sah auch der britische Admiral Tovey so, als er das heroische Aushalten der Besatzung der „Bismarck“ seinen Offizieren als Vorbild empfahl. Seinen Gefechtsbericht schloss er mit den Worten: „,Bismarck‘ hat gegen eine riesige Übermacht einen äußerst tapferen Kampf geführt, würdig der vergangenen Tage der Kaiserlichen Marine, und sie ist mit wehender Flagge untergegangen.“    

            Jan Heitmann


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