30.07.2021

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21.05.11 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-11 vom 21. Mai 2011

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,           
liebe Familienfreunde,

und wieder eine Mail aus dem Ausland, diesmal aus England. Geschrieben von dem Enkel eines Mannes, der als Kriegsgefangener nach Shropshire kam und dort verblieb. Bis heute. Nun ist er Großvater, und sein Enkel macht sich für ihn auf die Suche nach den Wurzeln der Familie, und die liegen in Ostpreußen. Im nördlichen Teil, im Kreis Tilsit-Ragnit, und dort in Schillen, früher Szillen. So schrieb sich der zwischen Tilsit und Insterburg gelegene Ort, als Bruno Smeilus dort am 21. November 1925 geboren wurde. Wie der Name schon besagt, müssen die Wurzeln sehr tief liegen, die Familie Smeilus dürfte in dieser Gegend seit Generationen ansässig sein. Bruno verbrachte seine Jugend in Grünheide mit Vater Otto, Stiefmutter Truda und Geschwistern. Anscheinend war die erste Frau von Otto Smeilus früh verstorben. Von dieser hatte er außer Bruno noch einen älteren Sohn Reinhold, der etwa 1921/22 geboren wurde. Die jüngeren Geschwister Erna, * 21. Mai 1934, Toni, * 4. Januar 1937, und Ursel, *28. Juni 1942, dürften von der zweiten Frau stammen. Vater Otto kämpfte im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront und fiel dort im Winter 1942/43. In Erinnerung hat Bruno Smeilus noch, dass es ein Ort mit „grad“ war, also Leningrad oder Stalingrad. Der Tod seines Vaters hätte „einen starken Einfluss auf die Entscheidung des 17-jährigen Sohnes gehabt, sich freiwillig zur Wehrmacht zu melden“ – so formuliert es der Enkel nach den Aussagen seines Großvaters. Er kam zur Luftwaffe und wurde 1944 in Holland von den Engländern gefangen genommen. Das Ende des Krieges erlebte er in England, wo er dann verblieb und eine Familie gründete.          

Aber er hat seine Herkunft nie vergessen, sein Enkel Richard Smeilus unterstützt den ostpreußischen Großvater in der Ahnenforschung und hat sich deshalb an uns gewandt. Es geht also in ers­ter Linie um die Familie Smeilus aus Schillen. Der Name der Mutter von Bruno Smeilus ist leider nicht bekannt, von der zweiten Frau des Vaters nur der Vorname, der wahrscheinlich „Gertrud“ lautet. Sie könnte aus Grünheide stammen, hat jedenfalls dort mit Mann und Kindern gelebt. Doch da beginnt die Schwierigkeit: Welches Grünheide ist gemeint? Es gab in Ostpreußen 13 Ortschaften mit diesem Namen, davon die meisten im nördlichen Teil. Es könnte das Dorf Grünheide sein, das heute russisch „Kaluzhskoje“ heißt. Nun ist also unsere Ostpreußische Familie gefragt. Wer kannte eine Familie Smeilus, ist vielleicht mit den Kindern zur Schule gegangen? Der älteste Sohn Reinhold, der ebenfalls bei der Luftwaffe war, soll bereits 1943 bei einem Luftkampf über England gefallen sein. Es könnten aber noch die drei Schwestern Erna, Toni und Ursel leben. Mit diesen könnte die Witwe (Gertrud) Smeilus auf die Flucht gegangen sein. Über jede Zuschrift, die seine Familiengeschichte klären könnte, wäre der heute 85-jährige Bruno Smeilus sehr froh, wie auch sein Enkel, der sich schon jetzt herzlich für unsere Bemühungen bedankt. (Mr. Richard Smeilus, 14 Priory Road, The Grove, Bridgnorth, Shropshire, England WV15 5EJ.)

Der Ortsname „Schillen” hat natürlich Erinnerungen geweckt, denn von dem Kirchdorf gibt es eine Legende, die in jedem ostpreußischen Lesebuch stand und die als Ballade „Der Wächter von Szillen“ in die ostdeutsche Literatur einging. Die Königsberger Schriftstellerin Charlotte Wüstendörfer hat sie verfasst, und sie ist vor allem deshalb noch immer bekannt, weil sie das Schicksal der Vertreibung als Vorahnung zum Thema hat. Die Sage spielt in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, und man glaubte, dass sie sich auf diesen bezog, denn damals musste ja auch die Grenzbevölkerung fliehen, konnte aber wieder zurück­kehren. Nach Ende des Ersten Weltkrieges und der endgültigen Vertreibung bekam die Legende eine neue Deutung, denn die drei Särge, die der Wächter von Schillen zur Mitternachtsstunde gesehen hatte, schienen all das Leid der Heimatlosen zu enthalten. Der erste Sarg war mit dem Blut der Gefallenen und Getöteten gefüllt, der zweite mit den Tränen der Vertriebenen, der dritte aber war ohne Inhalt. Diese Leere symbolisierte den Verlust des Wohlstandes des ganzen Landes, der vernichtet worden war und die Heimatlosen zwang, „im Westen betteln zu gehen“. Als Schulkind hatte ich diese Ballade gelernt, nicht ahnend, dass das auch einmal mein Schick­sal werden würde. Ich habe sie nach der Flucht gerne gesprochen im Gedenken an die mir vertraut gewesene Dichterin, die in den Wirren der Nachkriegszeit verstarb. „Der Wächter von Szillen“ ist eine wachgebliebene ostpreußische Legende.

Heimatliche Literatur ist in diesen Tagen dort zu hören, wo sie immer guten Nährboden fand: im Memelgebiet, denn dort stehen die „Deutschen Kulturtage 2011“ auf dem Programm. Ein Interpret wird sie mit besonderem Engagement vortragen: Herbert Tennigkeit. Schauspieler und uns Ostpreußen besonders durch seine Vorträge auf vielen Veranstaltungen – so auch in den Seminaren der Ostpreußischen Familie – vertraut, wird in seiner engsten Heimat lesen, denn er wurde im Memelland geboren. In Heydekrug wird Herbert Tennigkeit – anlässlich der Feierlichkeiten zum 500-jährigen Bestehen der Stadt – am 22. Mai im Vereinshaus der Deutschen im Bezirk Silute einen literarischen Nachmittag gestalten. Heydekrug ist ja der Geburtsort Hermann Sudermanns und auch die anderen beiden Orte, an denen der Schauspieler lesen wird, haben in der deutschen Literatur einen festen Platz. In Memel, wo Simon Dach geboren wurde, wird der Schauspieler in dem nach dem Dichter des „Anke van Tharaw“-Liedes benannten Haus am 20. Mai den literarischen Abend mit obligatorischen und heiteren Gedichten und Prosa gestalten. Für Herbert Tennigkeit selber geht dann einen Tag später auf der Kurischen Nehrung ein Traum in Erfüllung: Er wird im Thomas-Mann-Haus lesen, und ich darf mich auch freuen, denn er hat auch eine meiner Erzählungen ausgewählt. Meine guten Wünsche begleiten ihn auf dieser Vortragsreise in seine memelländische Heimat.

Nidden – da haben wir heute etwas Besonderes für unsere Leserinnen und Leser. Jedem wird schon beim Aufschlagen dieser Seite das Bild von Karl Schmidt-Rottluff ins Auge gefallen sein. Es ist sozusagen ein „Mörser“ an unsere Ostpreußische Familie, vermittelt von Herrn Gernulf Schalow aus Berlin. Und das kam so: In Folge 6 war ich auf sein Schreiben eingegangen, in dem er unterschwellig forderte, dass wir Ostpreußen mehr über das Schicksal unserer Landsleute nach Krieg und Flucht berichten sollten. Dass dies ja auch eine Aufgabe unserer Ostpreußischen Familie ist, konnte ich ihm unter Beweis stellen. Darüber und über einen Beitrag von Silke Osman über Ausstellungen mit Werken von Schmidt-Rottluff in Berlin und Hamburg war Herr Schalow sehr erfreut, so dass er uns als Dank die Ablichtung eines Bildes von Karl Schmidt-Rottluff, das zur Zeit im Brücke-Museum Berlin im Rahmen der Ausstellung „Karl Schmidt-Rottluff. Ostseebilder“ zu sehen ist, übersenden wollte. Von den in Berlin gezeigten Werken aus der Nehrungsperiode des Künstlers faszinierte Herrn Schalow besonders die „Nehrungslandschaft“, und er meinte, dass dieses Bild auch unsere Leserinnen und Leser, mit denen er sich durch die Ostpreußische Familie verbunden fühle, interessieren würde. Er wandte sich deshalb an das Wazipazi und bat dessen Leiterin, Frau Professor Möller, um die Erlaubnis für den Abdrucks in der PAZ/Das Ostpreußenblatt, wobei er ausführlich auf unsere Zeitung als „einziges Forum der Ostpreußen“ einging und besonders unsere Ostpreußische Familie als Bindeglied erwähnte. Frau Prof. Möller gab ihm in einem Antwortschreiben gerne das Plazet für die Veröffentlichung. Und hier ist sie nun und macht unsere Leserinnen und Leser mit diesem 1913 geschaffenen Werk des Künstlers bekannt, dessen Expressionismus auf der Nehrung eine einzigartige Konzentration und eine vorher nie gekannte Direktheit erreichte, wie der Katalog diese Schaffensperiode Schmidt-Rottluffs einordnet.

Für Gernulf Schalow liegt die Kraft, die von diesen farbenstarken Bildern ausgeht, in der ostpreußischen Landschaft mit ihrem unvergleichlichen Licht. Der Architekt erläutert diese Einwirkung so: „Die Lichteinstrahlung, die Luftverhältnisse und die Landschaftsformen passen dort ganz besonders gut zusammen. Die empfundene Reinheit, die Weite und die Ruhe gaben die Kunstmaler mit ihren Mitteln wieder. Es ist die sommerliche Hauptwindrichtung mit der Luft aus der Weite im Osten mit den Luftfeuchtigkeitsschichten über dem von der Sonne erwärmten Land. Die Ebene des Landes und die weite Sicht über die See werden als angenehm empfunden. Die Lichteinspiegelung lässt die Oberfläche des Wassers lebendig wirken. Die vom Dünensand gereinigte Atemluft zeige mit allen Empfindungen eine Ewigkeit – so soll der Künstler gesagt haben.“ Das sind einige Ausführungen des Architekten aus seinem Brief an uns, die wir, Kinder dieses weiten Landes, dankbar entgegen nehmen.

„Über weite Felder lichte Wunder gehen“, heißt es in unserm Ostpreußenlied, das auch mit dem Licht der Heimat endet: „Licht hat angefangen, steigt im Ost empor.“ Der Komponist dieses für uns schönsten aller Lieder hat auch hier im nördlichsten Teil seine Wurzeln. Die Familie Brust stammt aus dem Memelgebiet, aus dem altprussischen Schaulauen, und die Urgeschichte des Landes hat den in Königsberg geborenen Komponisten immer fasziniert. Nicht umsonst hieß sein Haus an der samländischen Steilküste „Romove“. Angehörige der Familie Brust lebten noch bis zur Vertreibung in Coadjuthen, sein dort geborener Neffe Alfred Brust hat seine Erinnerungen an den Onkel in einem soeben erschienenen Buch beigesteuert, das mich schon beim flüchtigen Durchblättern so fesselte, dass ich es gar nicht aus der Hand legen wollte. Aber es hat einen Umfang von über 500 Seiten und muss sorgfältig gelesen werden, denn es bietet eine Fülle von historischen wie aktuellen Informationen, die für unsere Familienarbeit wichtig sind. Ich habe die Entstehung dieses dokumentarischen Werkes miterlebt, denn sein Autor Günter Uschtrin war nicht nur lange Jahre mein Nachbar, wir arbeiteten auch immer wieder zusammen, trafen uns auf den Seminaren in Bad Pyrmont, und so erfuhr ich schon vor langer Zeit von seinen Plänen, eine Chronik über seinen Stammort Coadjuthen zu erstellen. Das ursprüngliche Konzept einer Dorfchronik erwies sich aber bald als zu eng gespannt, denn Günter Uschtrin stieß bei seiner gezielten Spurensuche in Archiven und Bibliotheken auf eine ungeahnte Fülle von Zeugnissen der wechselvollen Geschichte dieses Landes, von denen einige sich als wahre Zufallsfunde herausstellten und in der Öffentlichkeit unbekannt waren. Was jetzt nach sechs langen Jahren intensiver Arbeit vorliegt, trägt zwar mit dem Buchtitel „Wo liegt Coadjuthen?“ den Namen des Kirchspiels, baut dessen 500-jährige Chronik aber in den großen historischen Rahmen des Memelgebietes mit seiner wechselvollen Geschichte ein. Für unsere Arbeit dürfte es sich als Fundgrube erweisen, denn es enthält neben vielen Daten und Fakten auch Hinweise für eine erfolgreiche Orts- und Familienforschung am „Bespiel Coadjuthen“. Es mehren sich ja, wie aus unserer Kolumne ersichtlich, die Anfragen aus der nachfolgenden Generation nach der Herkunft ihrer Familien, nach dem wo und wie sie gelebt haben. Dieses nur als erster Hinweis auf das im Berliner Wissenschaftsverlag erschienene Buch „Wo liegt Coadjuthen?“, eine eingehende Besprechung wird auf der Buchseite der PAZ erfolgen.

Eure Ruth Geede


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