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28.05.11 / Die Wut der Ausweglosen / Spaniens Jugend protestiert gegen ihre katastrophale Lage: Die Fesseln des Euro ersticken das Land

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-11 vom 28. Mai 2011

Die Wut der Ausweglosen
Spaniens Jugend protestiert gegen ihre katastrophale Lage: Die Fesseln des Euro ersticken das Land

Von den unter 25-Jährigen Spaniern sind 45 Prozent ohne Arbeit. Ihre Aussichten sind so düster wie ihre Lage. Spanien bekommt die Folgen des Euro in niederschmetternder Härte zu spüren. Eine ganze Generation blickt in einen Abgrund von Hoffnungslosigkeit, nun verliert sie die Geduld.

Das war ein schwarzer Tag für Spaniens regierende Sozialisten. Selbst in ihren Hochburgen verlor die Partei von Ministerpräsident José Luis Rodgríguez Zapatero, PSOE, die Mehrheit an die oppositionellen Konservativen der Volkspartei PP. Bei aller Freude über ihren Sieg dürften die Konservativen aber ahnen, dass es ihnen ähnlich schlecht ergangen wäre, wenn sie als Regierungspartei die schmerzhaften Sparbeschlüsse und Schrecken erregenden Arbeitslosenzahlen zu verantworten hätten.

Die Bilder der meist jungen Protestierer auf dem Madrider Platz „Puerta del Sol“ gehen um die Welt. Der gewöhnlich einfach „Sol“ genannte Platz ist weder der größte noch der prächtigste der spanischen Metropole. Indes ist er ein symbolträchtiger Ort: Hier liegt, unscheinbar, der „Kilometerstein Null“, an dem alle Landstraßen, die sternförmig von der Hauptstadt ins Land streben, ihren Anfang nehmen. Hier also ist der definitive Mittelpunkt Spaniens, von dem aus Madrid in alle  Winkel des Königreichs strahlt, seit Jahrhunderten.

So hat sich auch die Botschaft der Demonstranten vom „Sol“ aus in Windeseile im ganzen Land verbreitet. Die „Bewegung des 15. Mai“, benannt nach dem Tag, an dem die Proteste begannnen, hat überall in Spanien Zigtausende Nachahmer gefunden. Ihre Forderungen spiegeln die Misere ihres 2008 jäh aus einem Dauerboom erwachten Landes wider. Aber auch das fatale Dilemma, in dem Spanien gefangen ist. Die Demonstranten fordern Arbeit, bezahlbare Wohnungen und Löhne, von denen man wenigstens das Existenzminimum bestreiten kann. Von den nur noch 55 Prozent unter 25-Jährigen, die sich glücklich schätzen,  eine Arbeit zu haben, verdingt sich nämlich ein beträchtlicher Teil zu Hungerlöhnen etwa im Tourismus oder der Gastronomie. Bei den wenig Älteren sieht es kaum besser aus, so dass viele Mitte 30-Jährige noch immer bei ihren Eltern leben müssen.

Denn bezahlbarer Wohnraum ist knapp, obwohl von den im Bauboom errichteten Unterkünften mehr als eine Million leerstehen. Kaum jemand kann sich die mehr oder weniger schmucken Neubauten noch leisten. Manch stolzer Hauskäufer findet sich heute in einer Geisterstadt wieder, weil außer seinem kaum ein weiteres Gebäude in dem Neubaugebiet verkauft werden konnte nach dem Platzen der Blase 2008. Bankkredite an Privatleute im Gesamtvolumen von 112 Milliarden Euro sind notleidend. Beim Anflug auf Madrid kann der Besucher zudem eigenartige Straßennetze mit Laternen, Gehwegen und Zebrastreifen, aber ohne Häuser, bestaunen – Bauprojekte, die über Nacht von der Krise erstickt wurden.

Höhere Löhne und mehr Arbeit könnten die Kaufkraft wiederbeleben. Doch schon jetzt produziert Spanien zu teuer, an Gehaltserhöhungen ist kaum zu denken. VW hat seiner spanischen Tochter Seat bis 2013 Zeit gegeben, aus den chronisch roten Zahlen zu kommen. Dann könnten dort die Lichter ausgehen. Ein Desaster für das ganze Land. Um mehr Arbeitsplätze zu schaffen, müssten die Gehälter also eher noch weiter gekürzt werden, doch da ist bei vielen kaum noch etwas zu machen. Andererseits leidet das Land unter einem geteilten Arbeitsmarkt. Millionen dürfen sich trotz der Krise über eine nahezu unkündbare Stelle freuen, vor allem viele Jüngere haben kaum eine Chance, jemals einen Posten zu ergattern.

Politiker und Experten rätseln über Auswege. In vergangenen Zeiten hätte Spanien längst seine Währung abgewertet. Doch Dank dem Euro ist dieser Ausweg, die eigene Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen, ohne die Löhne im Land drastisch senken zu müssen, verbaut.

Angela Merkels Auslassungen über Renteneintrittsalter und Urlaubsdauer wurden in Spanien als verletzend empfunden, zumal sie sachlich falsch waren. Viele Iberer wissen (wie aus Internet-Debatten hervorgeht) viel besser als Merkel über den eigentlichen Grund ihrer Wettbewerbsschwäche Bescheid: Nicht längere Arbeitszeit, sondern gute Organisation und Arbeitsethos sowie bessere Ausbildung machten die Deutschen so viel wettbewerbsfähiger als die Spanier, vermuten dort die allermeisten  Dis­kussionsteilnehmer. Die spanischen Netz-Debattierer geißeln die „Siesta“-Mentalität ihrer Landsleute aufs Härteste. Demnach sind es tief verwurzelte Unterschiede in der Mentalität, der Wirtschafts- und Arbeitskultur, die einen kaum durch „EU-Harmonisierung“ bei Urlaubstagen zu behebenden Unterschied ausmachen. Früher konnten die Währungsgrenzen solche Unterschiede abpuffern. Die aber hat man eingerissen, so dass Spanien nun nackt im Wind der internationalen Wettbewerber  steht.

Die Verzweiflung über die Folgen drückt sich – noch – friedlich, ja sogar humorvoll aus. Doch es mehren sich Zeichen für eine aggressivere Gangart. Am „Sol“ prangt zwischen etlichen Plakaten auch ein großes Porträt von Heinrich Himmler mit Euro-Symbol an der Uniformmütze, Unterschrift: „No nos representan“, frei übersetzt: Diese Leute sprechen nicht für uns. Scheint hier schon eine antieuropäische, ja antideutsche Wut über die „teutonische Knute“ hindurch? Im spanischen Internet kursieren bereits wüste Verschwörungstheorien, der Euro sei die Falle deutscher Welteroberer, welche auf diesem Weg die übrigen Länder Europas durch einen Scheinboom angelockt haben, um sie nun zu zerschmettern. Noch sind das vereinzelte Stimmen, die kaum Widerhall finden. Das könnte sich ändern. Davor fürchteten sich die deutschen Gegner der Gemeinschaftswährung von Anfang an am meisten: Dass der Euro die Europäer nicht näher zusammen bringt, sondern dass er die Völker im Hass auseinandersprengt.                 Hans Heckel  siehe Kommentar Seite 8)


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