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04.06.11 / Widersprüchliche Signale / Der deutschen Wirtschaft droht Wachstumsbremse − Zu langes Festhalten an überholter Politik

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-11 vom 04. Juni 2011

Widersprüchliche Signale
Der deutschen Wirtschaft droht Wachstumsbremse − Zu langes Festhalten an überholter Politik

Ausrücken zum Ingenieursfang in Spanien auf der einen Seite, Festhalten an längst überholten Gesetzen auf der anderen Seite − das Handeln der Bundesregierung scheint angesichts der zu erwartenden Wachstumsbremse aufgrund fehlender Fachkräfte äußerst widersprüchlich.

Seit Anfang Juni ist die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit zu Informationsveranstaltungen in Madrid und Barcelona ausgerückt, wo sie arbeitslose spanische Ingenieure anlocken will. Deutsche Unternehmen sind mit von der Partie, mit konkreten Jobangeboten in der Tasche stellen sie sich vor. Das Angebot richtet sich an Hochqualifizierte, die ihr Studium bereits abgeschlossen haben. Auszubildende werden nicht gesucht. Das größte Hindernis für mögliche Bewerber sind nach wie vor die fehlenden Sprachkenntnisse. Um den Erwerb der deutschen Sprache müssen sich die Interessenten selber kümmern, ein umfassendes Angebot von Sprachkursen gibt es nicht.

Dass die boomende deutsche Wirtschaft dringend Fachkräfte benötigt, ist hinlänglich bekannt. Dass nicht zuletzt die Zuwanderungspolitik der Bundesrepublik Abschreckungswirkung gerade auf Hochqualifizierte hat, wird deutschen Politikern erst allmählich klar.

Die Chefs mittelständischer Unternehmen zeigen sich zufriedener als 2007, dem Jahr vor der Wirtschaftskrise. 51 Prozent beurteilen die Geschäftslage als „gut“. Diese Tendenz spiegelt sich auch beim Stellenaufbau wider. Jeder vierte Unternehmer möchte zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Doch es gibt Grund zur Sorge: Es wird immer schwieriger, geeignete Mitarbeiter zu finden, vor allem in den technischen Berufen. Jedes dritte mittelständische Unternehmen befürchtet Einbußen aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels und dass die erwogenen Maßnahmen der Politik zu spät kommen könnten. Bislang hielt die Bundesregierung an einer Abschottungspolitik fest, die der Angst vieler Deutscher geschuldet ist, dass diese von ausländischen Mitbewerbern verdrängt werden könnten. Ein befürchtetes Lohndumping bei Hochqualifizierten wegen niedrigerer Löhne gerade osteuropäischer Fachkräfte stärkte diese Politik. Die Realität zeigt, dass solche Vorbehalte unbegründet sind, denn Lohndumping in akademischen Berufen findet so gut wie nicht statt. Anders sieht es in Branchen aus, in denen nur geringe Qualifikation an die Bewerber gestellt werden, etwa in der Gebäudereinigung oder im Hotelzimmerservice.

Als Talentschmiede für Akademikernachwuchs ist Deutschland bei ausländischen Studierenden äußerst beliebt. Bei den Ingenieurwissenschaften liegt der Anteil der Bildungsausländer bei den Studenten bei etwa 15,4 Prozent. Ein Studium hierzulande ist, abgesehen von geringen Studiengebühren, in einigen Bundesländern kostenlos. Besonders beliebt ist der Studiengang Ingenieurswissenschaften bei jungen Menschen aus China, Russland, Polen, Bulgarien und der Türkei, während bei deutschen Abiturienten technische Berufe weniger hoch im Kurs stehen. Dennoch kehren die meisten Hochschulabsolventen aus dem Ausland nach beendetem Studium Deutschland den Rücken, und dies, obwohl Fachpersonal dringend benötigt wird.

Dies lässt sich leicht anhand der abschreckenden Wirkung gesetzlicher Regelungen erklären: Ein Hochschulabgänger aus einem Nicht-EU-Land hat nach dem Erhalt seines Diploms ein Jahr Zeit, eine Stelle zu finden. Allerdings nur in dem Bereich, den er studiert hat. Darüber hinaus muss das Anfangsgehalt bei 66000 Euro im Jahr liegen. Doch das ist beim besten Willen nicht zu schaffen. Laut der Internet-Stellenbörse „Stepstone“ werden in Deutschland in der Elektrotechnik, der Autoindustrie, dem Anlagenbau sowie im Maschinen- und Schiffsbau, also überall da, wo Ingenieure eingesetzt werden, Anfangsgehälter zwischen 45000 und 55000 Euro gezahlt, mit 66000 Euro befindet man sich bereits im durchschnittlichen Bereich eines Angestellten mit mehrjähriger Berufserfahrung. Die Folge: Kluge Köpfe verlassen Deutschland. Die Wissenschaftler nennen das „Braindrain“ (das „Abdriften der Gehirne“). Von der steuerfinanzierten Investition in die ausländischen Studenten durch kostenlose Studienplätze profitieren also unsere Nachbarn, vor allem Großbritannien und Skandinavien. Dagegen bleiben die Geringqualifizierten, in der Regel mit ihren zugegzogenen Familienmitgliedern, in Deutschland. Millionen arbeitslose Ausländer profitieren dadurch vom staatlichen Sozialsystem.

Laut Umfragen würden 60 Prozent der Deutschen die Zuwanderung Hochqualifizierter begrüßen. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) stellte in seinem Bericht „Technologiestandort Deutschland 2020“, den er zum deutschen Ingenieurstag am 24. Mai vorstellte, fest: „Wenn wir jetzt nicht handeln, schadet der Ingeniermangel der deutschen Wirtschaft“. Bereits im Jahr 2010 habe der Wertschöpfungsverlust 3,3 Milliarden Euro betragen. Laut VDI fehlten im April rund 69000 Ingenieure, ein Mangel, der sich ab 2020 noch dramatisch zuspitzen werde, wenn die ersten geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hat das Problem erkannt und sieht qualifizierte Zuwanderung als einen Baustein zur Lösung. Deutschland wird die Lücken aus eigener Kraft nicht füllen können, denn die demographische Entwicklung ist nicht umkehrbar. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) könnte die Zahl der Arbeitskräfte bis 2025 von derzeit 44,6 Millionen auf 38,1 Millionen sinken. Zentrale Gruppen für das Schließen der Fachkräftelücke seien Frauen, so von der Leyen. Durch einen Anstieg der Erwerbstätigenquote bei Frauen auf 70 Prozent könnte das Fachkräftepotenzial um rund eine halbe Million bis 1,5 Millionen erhöht werden.

Da dies bei weitem nicht ausreicht, wollen Politiker die Hürden für ausländische Akademiker abbauen, indem als erster Schritt das Eingangsgehalt auf realistische 35000 bis 40000 Euro pro Jahr gesenkt wird. Weitere Überlegungen sehen vor, ausländische Hochschulabschlüsse schneller anzuerkennen und dies zumindest auf EU-Ebene schnell umzusetzen. Die deutsche Wirtschaft wird darüber hinaus zusätzliche Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern benötigen, für die diese neuen Regeln dann weiterhin nicht greifen werden.     

Manuela Rosenthal-Kappi

Foto: Ingenieurin bei der Arbeit: Ursula von der Leyen will mit Frauen die Fachkräfte-Lücke schließen.


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