26.01.2022

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04.06.11 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-11 vom 04. Juni 2011

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

das Deutschlandtreffen in Erfurt ist vorbei und es wird für manche Teilnehmer noch lange in Erinnerung bleiben, vor allem dann, wenn es zu unerwarteten Begegnungen geführt hat. Im Augenblick bin ich dabei, den „Familienbriefkasten“ zu sichten und was sich da an wichtigen Mitteilungen an unsere Ostpreußische Familie ergeben hat, wird sich in den nächsten Folgen zeigen. Vielleicht haben sich wieder neue Freundschaften bilden können wie auf jedem Heimattreffen, so wie zwischen den beiden Königsbergerinnen Anne Rekkaro und Brunhilde Krüger vor vier Jahren. Auch wenn sie räumlich getrennt sind – die eine lebt in Estland, die andere in Hamburg –, pflegen sie einen regen Gedankenaustausch. Gemeinsam haben sie auch ihre Heimatstadt besucht und die Häuser gefunden, in denen sie geboren wurden. Anne, deren Mutter im Spätherbst 1946 in Königsberg verhungerte, nachdem sie einer Estin ihr Töchterchen mit der Bitte um Fürsorge übergeben hatte, versteht es auf bewundernswerte Weise, ihr Geburtsland mit ihrem baltischen Lebensraum zu verbinden, in dem sie in der Geborgenheit ihrer estnischen Familie aufwachsen konnte. Das beweist sie mit der von ihr sich selbst gestellten Aufgabe, das Schicksal ihrer verlorenen Heimat den Esten näherzubringen und zwar in Form von Büchern, die es auf dokumentarische Art beinhalten und die sie ins Estnische übersetzt. Als erstes Buch wählte sie „Iwan, das Panjepferd“ von Heinz Buchholz, das ihr besonders geeignet erschien, und machte sich vor zwei Jahren an die Arbeit. Nun hat sie es geschafft, das Buch ist in guter Aufmachung erschienen – davon konnte ich mich überzeugen, denn ich bekam eines der ersten Exemplare übersandt und bedanke mich sehr dafür. Obgleich die Auflage klein ist – für ein Volk von 1,5 Millionen genügt es, meint die Übersetzerin – hat es bereits großes Interesse erweckt. Anne Rekkaro berichtet darüber:

„In der Stadt Rapla gab es am 27. April eine feierliche Präsentation des Buches mit Musik von Absolventinnen der örtlichen Musikschule, Vorlesung aus dem Buch und meinen Vortrag. Das Publi­kum war sehr miterlebend, stellte viele Fragen, wollte immer mehr wissen über die Flucht und Vertreibung nach dem Kriege. Viele junge Zuhörer wussten gar nicht, wo Ostpreußen lag und waren erstaunt, dass es gar nicht so weit von Estland ist. Natürlich musste ich auch erzählen, dass ich selber eine Ostpreußin bin und dass man mich 1946 in Königsberg vor dem Hungertod gerettet hat. Danach suchten viele ihre Taschentücher heraus.

Der Titel des Buches lautet allerdings etwas anders als im Original. Er lautet ,Iwan, das Seelenpferd‘, denn das Wort ,Panjepferd‘ lässt sich nicht ins Estnische übertragen, nur erklären. Und ich kann Ihnen schwören, wenn mir der Herrgott noch einige Jahre und Gesundheit schenkt, ich noch manches Buch übersetzen werde, das von unserer geliebten und vor dem Krieg so wunderschönen Heimat Ostpreußen und ihrem Schicksal spricht. Man soll auch hier in Estland alles erfahren, was mit uns geschehen ist.“

Dass sie nicht auf taube Ohren stoßen wird, weiß Anne Rekkaro. Vor allem, wenn es um die Deportation von Frauen und Männern nach Sibirien geht, denn die haben auch die Esten erleiden müssen. Im April 1941 wurden von den Russen über 10000 und 1949 über 20000 Esten in Viehwagen nach Sibirien in die Verbannung geschickt.

So hat sich Frau Rekkaro schon das nächste Objekt für ihren Plan ausgewählt. Bereits im Januar hatte sie mich gebeten, eine Verbindung zu Frau Hannelore Müller herzustellen, der Mitautorin des Buches „Frauen in Königsberg 1945–1948“, da ihre Bemühungen, die mit diesem Vorhaben verbundenen Formalitäten zu erledigen, bis dahin keinen Erfolg gehabt hatten. Und nun kommt Frau Brunhilde Krüger in Hamburg ins Spiel. Da es mir nicht möglich ist, einen ausführlichen Schriftwechsel mit Frau Rekkaro zu führen, bat ich ihre Hamburger Freundin, die Verbindung zu übernehmen. So teilte mir Frau Müller mit, dass sie sich an Frau Krüger gewandt und ihr erklärt hatte, dass sie ihre Autorenrechte an die „Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen“ in Bonn abgetreten habe. Diese Institution hatte Frau Rekkaro aber bereits angeschrieben, jedoch keine Antwort erhalten. Bis heute nicht, trotz erneuter Briefe und E-Mails, wie sie mir jetzt mitteilte! Daran, dass zwei der Autorinnen – Erna Ewert und Marga Pollmann – nicht mehr leben, kann es nicht liegen, da die Rechte jetzt bei der Kulturstiftung liegen. So verzögert sich leider das neue Vorhaben, das die völkerverbindende Kulturarbeit so bereichern würde. Anne Rekkaro lässt sich aber nicht entmutigen, sie hat ein weiteres Buch im Visier: „Ich sah Königsberg sterben“ von Hans Deichelmann. Hoffentlich ergeben sich da nicht Schwierigkeiten. Es ist nicht leicht, von einem kleinen Ort in Estland aus alle Auskünfte einzuholen.

Für ein anderes Objekt hat Brunhilde Krüger die Vermittlung übernommen. Auch in ihm werden die Schicksale der eltern- und heimatlosen Kinder behandelt, von denen einige bis heute ihre Herkunft nicht klären können. Diese aus dem nie durchleuchteten Dunkel der Vergangenheit kommenden Lebensläufe haben Frau Krüger schon als Kind beeindruckt, als die ersten Suchmeldungen erschienen. Mit Schre­cken wurde ihr bewusst, dass auch sie auf der Flucht von ihrer Mutter hätte getrennt werden können. Dass sie verloren gegangen wäre, denn wie sollte sie als Dreijährige ihre Herkunft verständlich erklären? Dieser Albtraum verfolgt sie noch heute, da hilft auch das Beutelchen nicht, das sie wie eine Ikone hütet. Vor ein paar Jahren fand sie es bei ihrer Mutter und sie fragte nach der Bedeutung dieses unscheinbaren Stofftäschchens, die ihr die Mutter auf einem Zettel erklärte: „Dieses Täschchen habe ich am 30. Januar 1945 auf unserer Zwischenstation in Ketschendorf bei Berlin genäht, als wir von dort weiter flohen, weil der Russe näher kam. Brunhilde bekam es um den Hals gehängt, denn darin waren auf einem Zettel ihre Personalien, die ihrer Mutter und die Anschrift in Hameln, wohin wir fahren wollten.“ Davor aber lagen zehn Tage Flucht von Riesenburg, wohin die Mutter mit Tochter und Sohn von Königsberg nach den Bombenangriffen gezogen war. „Was hätte in diesen Horror-Tagen nicht alles mit uns passieren können?“, fragt sich Brunhilde Krüger noch heute. „Immer dieser Film im Kopf …“

Hätte der kleine Junge, den der Flüchtlingsstrom in das polnische Arbeitslager Potulice schwemmte, solch ein Beutelchen um den Hals getragen, würde er heute nicht mehr nach seiner Herkunft suchen müssen. Das namenlose Kind von einst, längst im Rentenalter, erkannte sich auf einem Foto wieder, das wir vor zweieinhalb Jahren veröffentlichten. Sein Sohn informierte uns darüber und wir berichteten in Folge 17 über diese späte Resonanz. Und auch diese Veröffentlichung hatte Folgen: Herr Dirk Oelmann aus Oranienburg teilte uns mit, dass sein Schwiegervater Horst Kreft auch in dem Lager gewesen sei. Er lebte bis 1945 mit seiner Mutter Maria Kreft und den Großeltern in Schulitz bei Bromberg. Der Großvater Albert Siegried Voigt hatte ein eigenes Schiff auf der Weichsel. Im Januar 1945 wurde die Familie in das Lager Kaltwasser im Stadtgebiet von Bromberg eingewiesen. Der achtjährige Horst musste bei einem Bauern arbeiten. Seine Großmutter wurde bei einem nächtlichen Gang zur Toilette erschossen. Als das Lager Kaltwasser im Winter 1946 geräumt wurde, kamen die noch Arbeitsfähigen in das 15 Kilometer entfernte Lager Potulice. Frau Kreft und ihr Sohn wurden im Januar 1947 entlassen, sie kamen mit einem Flüchtlingstransport nach Bernau. Aber bereits nach drei Wochen verstarb die Mutter in Birkenwerder bei Berlin. Nach ärztlichem Befund hatte sie ein Herzleiden, das sich im Lager verschlimmerte, so dass sie an den Folgen der Haft verstarb. In den Lagern Kaltwasser und Potulice müssen sich sehr viele Ostpreußen und Westpreußen, die auf der Flucht in Gefangenschaft gerieten, befunden haben, vorwiegend Frauen, Kinder und alte Menschen. Kräftige und arbeitsfähige Männer und Kinder kamen zu polnischen Bauern wie eben auch der achtjährige Horst. Jetzt beschäftigt Herrn Oelmann die Frage, wie es Frau Kreft gelang, ihren Sohn auf der Ausreise mitzunehmen. Wer war auf dem Transport dabei, der von Bromberg über Frankfurt an der Oder nach Bernau fuhr, wo er am 14. Januar 1947 ankam? (Dirk Oelmann, Bernauer Straße 61 in 16515 Oranienburg, E-Mail: Dirk69oe@aol.com)

Sicher wird dies nicht die letzte Zuschrift zu dem Lager Potulice sein – die auf unserer Familienseite veröffentlichten Fragen und Wünsche ziehen oft lange Bahnen. Gut drei Jahre zurück liegt auch die von Frau Waltraud Huty gestellte Frage nach den Toten auf dem Friedhof von Luckenwalde bei Berlin, auf dem vor allem Flüchtlinge aus Mohrungen begraben liegen. Sie wollte wissen, warum so viele Vertriebene aus dem Oberland unter den Toten waren. Die in Luckenwalde Geborene hat als 13-Jährige das Kriegsende und den Flüchtlingsstrom miterlebt und diese schwere Zeit nie vergessen. Jetzt teilte sie mir mit, dass die Veröffentlichung erfolgreich sei, sie erhielt mehrere Anrufe, den letzten noch vor kurzer Zeit. Frau Huty hat alle Unterlagen gesammelt und sie einem Heimatforscher aus Woltersdorf bei Luckenwalde übergeben. Sie hofft, dass diese authentischen Auskünfte von Zeitzeugen dort in guten Händen sind und für die Nachwelt erhalten bleiben.

Das will auch Herr Heinrich Ehlert aus Arnsberg, der von der Kreisgemeinschaft Rößel mit der Aufgabe betraut wurde, ein Bildarchiv aufzubauen. Was sich zuerst als schwierig erwies, denn die von ihm gestarteten Aufrufe in den Heimatbriefen an die ermländischen Leser, ihm Ansichtskarten und Fotos zur Verfügung zu stellen, hatten nur mäßigen Erfolg, aber Herr Ehlert ließ sich nicht entmutigen. Vor allem durch persönliche Kontakte gelang es ihm, nach und nach Material für seine Arbeit zusammenzutragen. So konnte er bereits 250 Ansichten von den Städten des Kreises Rößel, rund 100 davon aus Bischofsburg und Umgebung, ins Bildarchiv Ostpreußen einstellen. Leider ist das immer noch zu wenig und so wandte er sich aufgrund der von uns angebotenen Bischofsburger Fotos von 1920 an mich mit dem Anliegen, unsere Leser zu bitten, geeignete Bilddokumente aus ihrem Besitz dem Bildarchiv Ostpreußen zur Verfügung zu stellen. Herr Ehlert sucht Ansichtskarten und Fotos von vor 1945 vor allem aus dem Kreis Rößel, aber auch aus dem gesamten Ermland und ganz Ostpreußen. Die übersandten Aufnahmen bleiben im Besitz der Eigentümer, Herr Ehlert benötigt das Material nur leihweise und sendet es nach der Auswertung wieder an die Absender zurück. Eine schonende Behandlung wird garantiert. Der Archivar hofft auf rege Beteiligung, wir auch. (Heinrich Ehlert, Alter Soestweg 65 in 59821 Arnsberg, Telefon 02931/6071.)

Ungenau oder sogar irreführend können die Eintragungen in Urkunden sein, wenn es sich um Vertriebenenschicksale handelt. Diese Erfahrung machte auch Herr Helmut Herrmann, den die Aufklärungsversuche von Frau Simone Gerlach über die unbekannte Herkunft ihres Vaters, die wir in Folge 6 veröffentlichten, sehr bewegte. Herr Herrmann meint, dass der Herkunftsort von Frau Gerlachs Vater – dem „Findelkind mit dem Schild um den Hals“ aus dem Auffanglager Grimmen – im südlichen Ostpreußen liegen könnte, und gab Frau Gerlach einige Hinweise. Die Urkunden aus den Sammellagern müssten kritisch gelesen werden wie überhaupt alle zur Zeit der Flucht ausgestellten Dokumente. Herr Herrmann beweist das mit einem Beispiel aus der eigenen Familie: Im Todesfall seiner Tante hieß es in der Sterbeurkunde aus Schwerin, sie sei in Genthin bei Arnstadt geboren. Tatsächlich war ihr Geburtsort Rentinen bei Allenstein. Papiere besaß die Verstorbene offensichtlich nicht und die Angaben sind wohl bei der Einlieferung der Kranken durch Befragung unter wahrscheinlich katastrophalen Verhältnissen entstanden.

Eure Ruth Geede


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