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27.08.11 / Dem Trubel der Großstadt entfliehen / Künstler der Klassischen Moderne locken im Staatlichen Museum Schwerin in die Sommerfrische

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-11 vom 27. August 2011

Dem Trubel der Großstadt entfliehen
Künstler der Klassischen Moderne locken im Staatlichen Museum Schwerin in die Sommerfrische

Jeden Sommer zieht es Erholungssuchende an die Ostseeküste. Das war auch schon im vergangenen Jahrhundert so. Unter den Sommergästen waren auch viele Künstler, die fernab vom Trubel innere Einkehr suchten.

Mit der Ausstellung „Sommergäste“ bietet das Staatliche Museum Schwerin derzeit eine bemerkenswerte Fortsetzung zu den Ausstellungen mit ähnlicher Thematik aus den vergangenen Jahren. Darunter legte das Kulturhistorische Museum Rostock 2010 mit der Ausstellung „Bildende Kunst in Mecklenburg 1900 bis 1945“ den Schwerpunkt auf im Land ansässige Künstler sowie die Künstlerkolonien Ahrenshoop und Schwaan. Die Schweriner Präsentation lenkt jetzt den Blick auf solche Künstler, die es zur selben Zeit nur vorübergehend ans Meer zog, um als Sommerfrischler dem Trubel der Großstadt zu entfliehen und sich von der Ursprünglichkeit und Ruhe des Landstrichs inspirieren zu lassen. Oft mit überraschenden Ergebnissen.

Wer das Plakat-Motiv der Ausstellung „Sommergäste“ im Staatlichen Museum Schwerin wiederfinden möchte, muss sich gewaltig anstrengen. Denn die flüchtig festgehaltene Strandszene aus dem Jahr 1910 stammt aus dem winzigen Skizzenbuch Marianne von Werefkins und ist im Original gerade einmal 7,8 mal 12 Zentimeter groß. Wie die zwei weiter gezeigten Arbeiten der Künstlerin stammt auch sie aus dem Museo Comunale d’Arte Moderna in Ascona, wo die Malerin nach dem Zusammenbruch des russischen Zarenreiches bis zu ihrem Tod 1938 lebte. Zuvor hatte sie mit Alexey Jawlensky in München das Leben geteilt. Beide waren Mitbegründer der „Neuen Künstlervereinigung München“ und Mitglieder vom „Blauen Reiter“. 1911 tauschte das Paar aus Russland einen Sommer lang das Bergpanorama gegen die Weite des Meeres ein und mietete sich im Ostseebad Prerow ein. Mit gewaltigen Folgen, wie Jawlensky rückblickend festhielt: „Dieser Sommer bedeutete für mich eine große Entwicklung in meiner Kunst. Ich malte dort meine besten Landschaften und große figurale Arbeiten in sehr starken glühenden Farben, absolut nicht naturalistisch und stofflich. .... Dies war eine Wendung in meiner Kunst.“ Marianne von Werefkins Bildgestaltung verändert sich in ähnlicher Weise und „folgt (damit) hier einer bisher in ihren Arbeiten nicht anzutreffenden Konsequenz“, wie es im Katalog heißt.

Die Landschaft mit ihrer klaren Gliederung zwischen Strand, Meer und Himmel war geradezu eine Aufforderung zur Abstraktion und hat auch andere Künstler dazu animiert.

In Schwerin werden 108 Werke, darunter 23 Gemälde, von 29 Künstlern präsentiert. Mit den weitesten Weg haben dabei Edvard Munchs „Badende Männer“ zurückgelegt. Munch hat von Mai 1907 bis Oktober 1908 in Warnemünde gelebt und gleich im ersten Jahr das monumentale Gemälde mit den kraftvollen nackten Gestalten geschaffen. Und während man im prüden Hamburg meinte, dass eine Zurschaustellung dieser Freizügigkeit dem Publikum nicht zumutbar sei, erwarb das Kunstmuseum Ateneum in Helsinki das „skandalöse“ Bild noch im selben Jahr. Die Ausstellung ist nicht nur eine Ostsee-, sondern auch eine Entdeckungsreise. Man stößt auf Künstler, die bisher noch gar nicht bekannt waren, oder Werke, von denen man bis dato nichts wusste. Ein solches ist das Aquarell „Ostseebad“ von Paul Klee, „von dessen Existenz nicht einmal die Klee-Nachlass-Verwaltung in Bern Kenntnis hatte“, wie Kuratorin Kornelia Röder nicht ohne Stolz berichtet. Aus den Lebenserinnerungen von Lily Klee, die demnächst veröffentlicht werden sollen, erfährt man von deren verwandtschaftlichen Beziehungen zu Schwerin und Rostock und ihrer Reise mit Ehemann Paul 1922 durch Mecklenburg. Dabei war das Paar in Rostock, Warnemünde, an der Müritz, in Schwerin und Wismar und „verbrachte vier herrliche Sommerwochen, an einem unendlich weiten schönen Strand“.

Im Laufe der Jahre zog es die Künstler immer weiter ostwärts. Ihre Spuren entlang der Ostsee-küste führen bis nach Nidden und auf die Kurische Nehrung, wo sich Lovis Corinth, der mit dem großartigen Porträt seiner Frau Charlotte „Paddel Petermannchen“ vertreten ist, ebenso nachweisbar aufgehalten hat wie Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Lange und Paul Kohfuss. Namen, denen man zusammen mit weiteren auch andernorts in Pommern immer wieder begegnet: in Jershöft, Leba, Rowe, Rügenwaldermünde, Rumbke am Lebasee, Stettin, Swinemünde, Vietzkerstrand, Wittenberg oder Zoppot. Der Ausstellungskatalog bietet dazu das ideale Nachschlagwerk. Er würdigt alle Orte im Zusammenhang mit den Künstlern prägnant und übersichtlich. Die Ausstellung ist von Anbeginn rekordverdächtig. Bereits am ersten Wochenende kamen fast 2000 Besucher.             Helga Schnehagen

Die Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin, Alter Garten 3, ist bis 23. Oktober dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 12 bis 20 Uhr geöffnet. Eintritt 8 / 6 Euro

Foto: Lovis Corinth: Paddel-Petermannchen (Öl, 1902, Ausschnitt)


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