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27.08.11 / Fliegendes Schiff und schwimmender Flieger / Vor 80 Jahren wasserte die legendäre Do X auf ihrem einzigen Transatlantikflug vor Manhattan

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-11 vom 27. August 2011

Fliegendes Schiff und schwimmender Flieger
Vor 80 Jahren wasserte die legendäre Do X auf ihrem einzigen Transatlantikflug vor Manhattan

Das hätte man selbst im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ nicht für möglich gehalten: Ein Schiff, das fliegen kann? Und gleichzeitig ein Flugzeug, das schwimmen kann? Was da am 27. August 1931 – also vor nunmehr 80 Jahren und 27 Jahre nach den ersten motorisierten Lufthüpfern der Gebrüder Wright – auf die Südspitze Manhattans zuschwebte, um schließlich mit sanfter Bugwelle auszuschaukeln, brachte auch die an Außergewöhnliches hinreichend gewöhnten New Yorker ins Staunen.

Soeben war das damals größte Flugzeug der Welt erstmals in der Metropole am East River – nein, nicht gelandet, sondern gewassert, die Do X, ein technisches Wunderwerk, das als „made in Germany“ galt, obwohl es eigentlich in der Schweiz gebaut worden war.

Das hatte politische Gründe. Nach verlorenem Weltkrieg war Deutschland der Bau großer Flugzeuge verboten worden. Der gebürtige Allgäuer Claude Dornier aber wollte sich auf Dauer nicht mit der Konstruktion kleiner Maschinen begnügen und suchte nach Wegen, das Diktat der Sieger zu umgehen.

Von seiner Flugzeugwerft in Friedrichshafen am Bodensee war es schließlich nicht weit zur Schweizer Grenze. Und den Eidgenossen war der deutsche Ingenieur durchaus willkommen. Dass er nicht nur großes technisches Können, sondern auch eine prall gefüllte Firmenkasse mitbrachte, dürfte dazu beigetragen haben, Dornier in Altenrhein günstige Bedingungen für Planung, Entwicklung und Bau der Do X anzubieten.

Die Idee, mit einem großen Wasserflugzeug in den Konkurrenzkampf mit den ebenfalls am Bodensee gebauten Zeppelinen einzusteigen, hatte Dornier schon Mitte der 20er Jahre. Das nötige Kleingeld kam aus Berlin, offiziell vom Reichsverband der deutschen Luftfahrtindustrie und vom Reichsverkehrsministerium, in Wahrheit aber zu großen Teilen von der Marine.

1926 begann am Schweizer Ufer des Bodensees der Aufbau einer modernen Flugzeugfabrik. Drei Jahre später war das erste Etappenziel bereits erreicht: Am 9. Juli 1929 wurde die Do X erstmals der Öffentlichkeit an Land präsentiert. Drei Tage danach durfte sie schon ein wenig im Wasser umherschwimmen, was den Testpiloten aber nicht befriedigte. Ungeplant gab er „versehentlich“ etwas zu viel Gas und hob ein paar Meter ab. Immerhin war damit die Flugtauglichkeit bewiesen.

Dennoch verlor das deutsche Militär das Interesse an dem neuartigen Fluggerät – ausgerechnet im Moment des technischen Erfolgs drohte der finanzielle Kollaps. Claude Dornier reagierte sofort. Am 29. Oktober 1929 ließ er die Maschine mit Angestellten und deren Angehörigen vollpacken und zum Weltrekordflug abheben: 159 Passagiere und zehn Besatzungsmitglieder. Diese Marke hielt 20 Jahre lang.

Als nächstes plante Dornier einen spektakulären Transatlantik-Langstreckenflug. Am 5. November 1930 startete die Do X in Altenrhein. Erstes Ziel war Holland, von da ging es weiter nach England, Frankreich und Portugal. Von Guinea, damals in portugiesischem Besitz, wagte man den Sprung über den Atlantik, der hier, zwischen Afrika und Brasilien, am schmalsten ist. Technische Probleme, unter anderem ein Tragflächenbrand, ließen ein halbes Jahr vergehen, bis endlich am 20. Juni 1931 Rio erreicht war. Über Miami ging es schließlich nach New York. Auf dem Landweg reiste die Besatzung weiter nach Washington, wo sie von Präsident Herbert C. Hoover im Weißen Haus empfangen wurde.

Im Frühjahr 1932 kehrte die zwölfmotorige Maschine nach Europa zurück, absolvierte eine Reihe von Demonstrationsflügen, bis es am 9. Mai 1933 bei Passau zu einer Bruchlandung kam. Zwar konnten die Schäden repariert werden, doch nahmen die inzwischen in Berlin regierenden Nationalsozialisten den Zwischenfall zum Vorwand, der Do X die Zulassung als Passagierflugzeug zu entziehen. 1936 wurde sie in Einzelteilen nach Berlin verfrachtet und im Deutschen Technikmuseum, am Standort des heutigen Kanzleramtes, ausgestellt. Was nach einem alliierten Bombenangriff im November 1943 von ihr übrig geblieben war, fiel in die Hände von Souvenirsammlern und Schrotthändlern.

Außer der deutschen Do X mit der Zulassungsnummer D-1929 waren nur zwei weitere Maschinen dieses außergewöhnlichen Typs gebaut und an die italienischen Streitkräfte verkauft worden. Im nationalen Überschwang ließ der Duce sie mit Fiat-Motoren bestücken, die jedoch viel zu schwach waren. Da „Alessandro Guidini“ und „Umberto Maddalena“ dadurch eher schwimm- denn flugtauglich wurden, kamen sie als „Superbomber“ nie zum Einsatz und endeten in der Schrottpresse.

Auch wenn sich die Bauart eines Großraum-Wasserflugzeugs nicht durchsetzen konnte, verdient es die Do X, als ein Meisterwerk deutscher Ingenieurkunst gewürdigt zu werden. Sie war 41 Meter lang, zehn Meter hoch und hatte eine Spannweite von 48 Meter. Der Innenraum war in drei Decks aufgeteilt: Oben hatte die zehnköpfige Besatzung ihre Arbeitsplätze. In der Mitte war viel Platz für komfortable Passagierräume und reichlich Gepäck, das Unterdeck war vor allem für über 23000 Liter Treibstoff reserviert.

Angetrieben wurde das vollbesetzt und vollgetankt 52 Tonnen schwere Gefährt von zwölf Motoren mit insgesamt 7680 PS. Die ursprünglich verwendeten luftgekühlten Siemens-Triebwerke waren noch vor dem Transatlantikflug durch wassergekühlte Curtess-Conqueror-Motoren aus amerikanischer Produktion ersetzt worden; die deutschen Produkte hatten sich als zu schwach und zu wenig belastbar erwiesen.

Der Weltrekordflug mit 169 Personen an Bord war ein einmaliger Vorgang. Zugelassen war die Do X für 72 Passagiere und zehn Mann Besatzung. Je nach Belastung lag die Reichweite bei etwa 2300 Kilometern; theoretisch wären bis zu 3600 Kilometer möglich gewesen, wurde in der Flugpraxis aber nie auch nur annähernd erreicht. Auf dem Langstreckenflug von Alten­rhein nach New York und zurück nach Berlin – Wasserung auf dem Müggelsee – wurden stolze 45000 Kilometer zurückgelegt.

Eine sehenswerte Sonderausstellung zur Geschichte der Do X zeigt das Dornier-Museum in Friedrichshafen bis Mai 2012.Hans-Jürgen Mahlitz

Foto: Über New York: Claude Dorniers Do X


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