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27.08.11 / Russlanddeutsche sind eine Minderheit ohne Zukunft / Volksgruppenangehörige stehen vor der Wahl zwischen Assimilation, sprich Russifizierung, oder Aussiedlung nach Deutschland

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-11 vom 27. August 2011

Russlanddeutsche sind eine Minderheit ohne Zukunft
Volksgruppenangehörige stehen vor der Wahl zwischen Assimilation, sprich Russifizierung, oder Aussiedlung nach Deutschland

Die Zahl der heute in den GUS-Staaten lebenden Deutschstämmigen wird auf 700000 Personen geschätzt, mit Schwerpunkten in Sibirien und Kasachstan. Sofern sie nicht bereits weitgehend assimiliert sind, dürften diese zerstreut lebenden Gruppen – selbst in sogenannten „Deutschen Rayons“ (Landkreisen) wie in Halbstadt im Altai-Gebiet oder rund um Asowo im Raum Omsk – früher oder später in der russischen Kultur aufgehen.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg verunglimpfte man die Russlanddeutschen als „Vaterlandsverräter“ und „Faschisten“, ermöglichte ihnen so gut wie keine gesellschaftlichen Aufstiegschancen und verbot ihnen die Rückkehr in ihre jeweiligen Heimatgebiete. Eine sich ab 1964 formierende deutsche Autonomiebewegung blieb ebenso erfolglos wie wiederholte großangelegte Unterschriftensammlungen mit dem gleichen Ziel einer Anknüpfung an die territorialen Verhältnisse vor 1941.

Die negative Bildungsentwick­lung der Russlanddeutschen im Sowjetrahmen war einmalig: Die Volksgruppe, die bereits im Zarenreich fast vollständig lese- und schreibkundig war und zu den am besten ausgebildeten Nationalitäten zählte, verzeichnete in den 70er Jahren unter allen Ethnien in der UdSSR den geringsten Anteil an Personen mit akademischen Abschlüssen. Besonders problematisch war die durch die Zerstreuung und die vielfältigen Benachteiligungen verursachte Zurückdrängung der Muttersprache. Diese ging so weit, dass dem Mikrozensus von 1994 auf dem Gebiet der Russischen Föderation zufolge, in dem zum ersten Mal die faktische Beherrschung des Nationalidioms abgefragt wurde, lediglich 12,9 Prozent der befragten Russlanddeutschen angaben, Deutsch in ihrer Familie zu sprechen.

Zutiefst resigniert, stellten schon in den Jahren 1956/57 über 80000 Erwachsene Ausreiseanträge in die Bundesrepublik Deutschland. Bis Ende der 60er Jahre durften jedoch bloß ganz wenige das Land verlassen; bis 1986 waren es immer noch nur insgesamt 95107 Deutsche, die die Ausreiseerlaubnis in die Bundesrepublik erhielten sowie offiziell 16411 Personen meist deutscher Herkunft, die in die DDR übersiedelten. Nach dem Ende der Sowjetdiktatur mit ihren Ausreisebeschränkungen brachen alle Dämme. Von 460 Aussiedlern im Jahr 1985 schnellten die Zahlen auf 147950 (1990) und auf den Höchststand von 213214 im Jahr 1994 hoch. Dieser Exodus und eine immer restriktivere bundesdeutsche Aussiedlergesetzgebung sorgten dafür, dass sich im neuen Jahrtausend immer weniger Russlanddeutsche zwischen Rhein und Oder niederließen. 2010 waren es ganze 2297 Personen.

Zurück blieben jene, die die Aufnahmekriterien des seit 2005 geltenden Zuwanderungsgesetzes hinsichtlich deutscher Sprachkenntnisse nicht erfüllen oder die ihre Zukunft mit Blick auf die eigene, veränderte Identität oder den andersnationalen Ehepartner ohnehin im Osten sehen. Es gibt deutschsprachige Presseorgane wie die „Moskauer Deutsche Zeitung“ (MDZ) oder die „Rundschau“ aus Uljanowsk, eine professionell gemachte – allerdings russischsprachige – Netzseite (www.rusdeutsch.ru), zahlreiche „Russisch-Deutsche Häuser“, vereinzelte plattdeutsche Baptistengemeinden, deren erwachsene Mitglieder sich mit ihren Kindern allerdings meist auch nur noch auf Russisch verständigen, oder die Bemühungen des Leiters des Russisch-Deutschen Hauses in Nowosibirsk, Joseph Dukwen, vor Ort eine Schule mit muttersprachlichem Deutschunterricht auf die Beine zu stellen. Doch über zwei grundlegende Tatsachen vermag all das nicht hinwegzutäuschen: Der Verfall der deutschen Sprachkenntnisse schreitet rapide voran, und fast alle Aktivitäten würden ohne die Hilfsgelder aus Berlin schnell abebben und dienen vor allem einer allgemeinen deutschen Kulturarbeit. Russen beziehungsweise Personen aus weitgehend russifizierten Milieus stellen allerorten – übrigens auch im Königsberger Gebiet – nicht nur einen erheblichen Teil des Leitungspersonals, sondern auch der Besucher von Deutschkursen und anderen Angeboten. Vieles hat darüber hinaus folkloristischen Charakter und ist nicht Ausdruck einer selbstverständlichen Verankerung in einer (russland-)deutschen Identität.

Eine Zukunft für die Russlanddeutschen und die Bewusstmachung ihres Kulturerbes gibt es vor diesem Hintergrund, wenn überhaupt, nur im binnendeutschen Raum.        Martin Schmidt


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