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27.08.11 / »... drum zähmet euren Zungenschlag« / Beim Musikwochenende im Ostheim ging es lebhaft zu − Gesang und viele Instrumente waren zu hören

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-11 vom 27. August 2011

»... drum zähmet euren Zungenschlag«
Beim Musikwochenende im Ostheim ging es lebhaft zu − Gesang und viele Instrumente waren zu hören

Mit frohen Erwartungen reisten 50 Teilnehmer aus allen Himmelsrichtungen zum ostpreußischen Musikwochenende der Landsmannschaft Ostpreußen nach Bad Pyrmont. Gefördert wurde die Veranstaltung erneut über das Kulturreferat am Ostpreußischen  Landesmuseum aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. So konnten auch Teilnehmerinnen von Gruppen der deutschen Minderheit aus Deutsch-Eylau, Osterode und Ortelsburg eingeladen werden. In der familiären Atmosphäre des Ostheims begrüßten sich auch viele alte Bekannte aus dem Arbeitskreis Nordostdeutsche Musik. Mit dem Chorsatz „Willkommen“ von Ewald Schäfer begann der erste Abend. „Fröhlich stimmen alle ein: Ihr sollt willkommen sein“ – das galt für das ganze Wochenende.

Einige Musikanten weckten die Teilnehmer jeden Morgen um sieben Uhr mit Gesang, Akkordeon, Geige und Querflöte. Danach trafen sich alle im Treppenhaus, um den Tag gemeinsam mit Morgenliedern und einem Tagesspruch zu beginnen. Nach dem Frühstück  begann für alle im Preußensaal das gemeinsame Singen – mit Blockflötenbegleitung – aus dem Liederbuch „Der wilde Schwan“ unter der Leitung von Karin Petersen. Mitunter wurden auch mehrstimmige Sätze aus dem Chorbuch „Der wilde Schwan“ gesungen. Um 10 Uhr begannen die Arbeitsgruppen: Chor, geleitet von Karin Petersen und Blockflötenkreis, geleitet von Solveig Hachtmann. Die Gitarrengruppe leitete Roland Funck.

Nach intensiver Stimmbildung, dem Einstimmen der Blockflöten und Gitarren konnte die Erarbeitung neuer Chorsätze und Musikstücke beginnen. Im Chor ging es oft sehr lebhaft zu, so dass an die Fortsetzung des Kanons „Wenn alles durcheinanderredt“ von Wilhelm Scholz erinnert wurde: „… drum zähmet euren Zungenschlag, dass man eine hören mag.“

Es wurden Chorsätze von Ewald Schäfer, Johann Friedrich Reichardt, Carl Loewe, Eike Funck und anderen erarbeitet. Die Flötenliteratur reicht von Madrigalen („Tanzen und Springen“ u. a.) über ein Menuett von W. A. Mozart bis hin zu einem Andank von Béla Bartók. Die Gitarrengruppe beschäftigte sich diesmal hauptsächlich mit Gitarrensätzen von Eike Funck.

Die Zeit nach der Mittagspause wurde sehr unterschiedlich genutzt – von den einen zum Mittagsschlaf, von den anderen zu einem Spaziergang bei sommerlichem Wetter in Bad Pyrmont.

Die „Unermüdlichen“ trafen bereits um 14 Uhr zum Tanzen unter der Leitung von Brigitte Schulz ein. Tanzfiguren mischten sich mit neuen Schrittkombinationen, zum Beispiel zu dem Tanz von Rügen „Schüddel de Büx“, der „Fischerallemande“ aus Ostpreußen und vielen anderen Tänzen mehr.

Die Flötengruppe traf sich schon um 14.30 Uhr wieder zu ihrer Probenarbeit. Nach der Kaffeepause ging es erneut an die Arbeitsgruppen, die bis zum Abendbrot tätig waren.

Den Höhepunkt des Wochenendes bildete ein Vortrag von Brigitte Schulze über die Komponistin Ursula Milthaler. Sie wurde am 13. Mai 1905 in Allenstein/Ostpreußen geboren und war ein vielseitig begabtes Mädchen. Sie bestand die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie in Königsberg/Pr., entschloss sich dann aber doch, das Abitur zu machen. Sie studierte die Fächer des Vaters, Mathematik und Physik, in denen sie auch promovierte. Sie ließ sich auch in Gesang ausbilden, anfangs von der Mutter, die Konzertgesang studiert hatte. Vom Vater hatte sie das Lautenspiel erlernt und sang mit ihrer kleinen Schwester Wulfhild unter dem Weihnachtsbaum. Schon mit 13 Jahren vertonte sie ihr erstes Weihnachtslied, dem noch viele folgten. Auch Wulfhild Milthaler sang, und so gaben die Schwestern an der Universität in Königsberg ein Konzert. Im Reichssender Königsberg wurden sie 1937 gesendet und dadurch als „ostpreußische Nachtigallen“ bekannt.

Nach dem Krieg lebten die Schwestern im Süden Bayerns. Aus der umfangreichen Liedersammlung für zwei Singstimmen, vertont von Ursula Milthaler, nach Dichterworten aus acht Jahrhunderten, trugen die Teilnehmerinnen Ilse Conrad-Kowalski und Ingrid Labuhn vier Lieder vor, unterstützt von Roland Funck (Gitarre), Solveig Hachtmann (Flöte) und dem Teilnehmer Benjamin Mausolf (Geige). So konnten die Teilnehmer hören, wie Ursula Milthaler Gedichte von Tamara Ehlert, Ernst Wiechert, Margot Krumb und Willi Kramp vertont hat. Die Texte sprach jeweils zuvor die Teilnehmerin Dr. Marianne Kopp. Zum Erstaunen aller war die Tatsache, dass Ursula Milthaler auch Texte in bayerischer Mundart vertont hat. Die Schwestern Milthaler fanden Arbeit in ihren Berufen – Ursula als Lehrerin, Wulfhild als Ärztin. Sie bezogen eine kleine Wohnung in München, kauften sich ein Auto und machten große Reisen mit ihrem Campingwagen nach Süditalien und bis ans Eismeer. Drei Jahre nach einem Raubüberfall starb Ursula Milthaler am 18. April 1982 an den Folgen ihrer schweren Kopfverletzung.

Der Chor beschäftigte sich am nächsten Tag mit dem Liedsatz „Amor als Fiedler“ von Ursula Milthaler (Text von Wilhelm Müller), begleitet von der Flöten- und Gitarrengruppe.

In den wenigen Tagen wurde viel gesungen, auch an den Abenden. Die menschlichen Begegnungen kamen nicht zu kurz, man wurde vertrauter miteinander, und die Musik tat das Übrige.

Die Stunde vor dem Abschiedsmittagessen war dem gemeinsamen Musizieren vorbehalten. Jede Arbeitsgruppe trug einige Stücke vor und die Teilnehmer konnten die zuvor erwähnten Tänze bewundern. Es erstaunt jedes Mal aufs Neue, was in so kurzer Zeit gelingen kann.

Mit dem Lied „Ännchen von Tharau“ endete das Seminar und die Teilnehmer des diesjährigen Musikwochenendes hofften, sich zu Pfingsten 2012 im Ostheim wiederzusehen.   Anneliese Bonn

Foto: Die Flötengruppe studiert neue Stücke ein: Musikwochenende in Bad Pyrmont


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