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27.08.11 / Not macht erfinderisch / Tausende DDR-Bürger schlugen der Sowjetunion ein Schnippchen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-11 vom 27. August 2011

Not macht erfinderisch
Tausende DDR-Bürger schlugen der Sowjetunion ein Schnippchen

Der 50. Jahrestag des Mauerbaus bringt es wieder beklemmend in Erinnerung: das Eingesperrtsein in der DDR, die stark reglementierten Reise- und Urlaubsmöglichkeiten, der im Wortsinne eingemauerte Horizont, die staatliche Willkür bei Pass- und Visumvergabe, die Sehnsucht, diesen oft piefigen Staat wenigstens zeitweise zu verlassen, das Fernweh. Reisen von DDR-Bürgern ins „kapitalistische Ausland“ waren von Vornherein nicht drin, aber auch innerhalb des Ostblocks gab es wechselnde Beschränkungen. So war die Tschechoslowakei nach der Niederschlagung des Prager Frühlings für einige Jahre gesperrt, und Polen war nach Verhängung des Kriegsrechts 1981 auch „dicht“. Die große Sowjetunion war im Allgemeinen nur für Gruppenreisende zu betreten, die sich an streng abgezirkelte Routen zu halten hatten, gegängelt von Intourist-Agenten, die mit Argusaugen darüber wachten, dass die Fremden nur das sahen, was sie sehen sollten.

Wie gesagt: Im Allgemeinen. Aber Not macht erfinderisch, und was nicht erlaubt oder gar verboten ist, zieht an. Auf einige Tausend schätzt man die Zahl unangepasster junger Leute, die in den 70er und 80er Jahren mittels Transitvisum, das maximal drei Tage galt, individuell in die UdSSR gelangten und sich dort heimlich absentierten. Mit der „Reiseanlage für den visafreien Reiseverkehr“ im Pass reisten sie so wochenlang als Illegale „unerkannt durch Freundesland“, immer auf der Hut vor den Sicherheitsorganen, ohne Handys und EC-Karte, lernten den „Großen Bruder“ von innen kennen, überwanden äußere wie innere Begrenzungen und machten Erfahrungen, die für DDR-Bürger schlichtweg nicht vorgesehen waren.

Ein Buch aus dem Berliner Lukas Verlag versammelt zwei Dutzend Geschichten von Wagemutigen, die das Unglaubliche einfach versuchten – dem an sich hermetisch abgeriegelten Koloss Sowjetunion ein Schnippchen zu schlagen und durch die Lücken der Bürokratie und Zuständigkeiten ins Landesinnere zu schlüpfen. „UdF – Unerkannt durch Freundesland“ wurde zu einer Art Kennwort in der Szene der DDR-Rucksacktouristen. Der Lohn für deren Mut war gewaltig, und welcher Leser Feuer gefangen hat, gibt das Buch nicht wieder aus der Hand, so sehr werden Herz und Horizont geweitet, so überreich wird man beschenkt von all den geschilderten Erlebnissen und Abenteuern per Eisenbahn, Autostopp, zu Fuß oder Flugzeug. Unbeschreibliche Ausdehnung der russischen Ebene, atemberaubende Landschaften im Kaukasus und am Baikalsee, südliche Exotik in Samarkand, Taschkent oder Buchara, beschämende Gastfreundschaft, kuriose Hilfestellung gar vom KGB.

Das Buch erzählt mit belebendem, fantastischem Detailreichtum schier unglaubliche Geschichten – vom Plan, sich zu zweit mit einem Schlauchboot über sibirische Flüsse bis zur Behringstraße durchzuschlagen und über das Packeis nach Alaska zu gelangen. Das Vorhaben zerschellte an den Stromschnellen der Kolyma, doch selbst die Verhörprofis vom sowjetischen Geheimdienst bemerkten nicht, dass es sich dabei um einen Fluchtversuch gehandelt hatte. Man erfährt von der Gruppe, die mit selbst gebauten Schlitten-Eisseglern über den zugefrorenen Baikal gefahren sind und sich für die Bauanleitung durch die DDR-Comiczeitschrift Fix & Fax inspirieren ließen. Der Aufsatz eines 15jährigen Ostberliner Schülers über seinen Besuch bei einer russischen Familie in Leningrad brachte diesem enormen Ärger ein: Er hatte von knöcheltiefem Schlamm zwischen unverputzten Wohnblocks geschrieben und über einen Zusammenhang zwischen Kakerlaken in den Wohnungen und verdreckten Müllschluckern nachgedacht. Das widersprach dem schöngefärbten offiziellen Bild der Sowjetunion, und so viel eigenständige Sichtweise war mehr, als Kleingeister ertragen konnten. In der Folge wurde er von der Oberschule relegiert und durfte kein Abitur machen.

Baltikum-Reisenden um 1985 fiel auf, dass die Menschen dort etwas hatten, was ihnen selbst abging: ein positives Verhältnis zur eigenen Nation. Während der Freiheitsbewegung in Litauen machten Jugendliche aus der DDR-Oppositionellen-Szene die verstörende Erfahrung, welche motivierende Kraft in nationaler Identität und Tradition liegt. Einem Litauen-Begeisterten gelang es 1986, mit dem Schlafwagen in das für Ausländer verbotene Königsberger Gebiet zu fahren – es gab einfach keine Kontrollen an der Oblast-Grenze. Später besuchte er die Vogelwarte Rossitten und das Grab von Johannes Thienemann – als erster Deutscher seit Kriegsende, wie Einheimische versicherten.

Als roter Faden durch alle Berichte und Erinnerungen zieht sich die überwältigende Gastfreundschaft, mit der die Reisenden empfangen wurden. Kaum einer, der nicht wie selbstverständlich zum Übernachten und Essen, zu Feiern und Hochzeiten eingeladen worden wäre. Wer nach wochenlangem Unterwegssein wieder in die kleine DDR zurückkehrte, hatte einen „wissenden Glanz in den Augen und Stolz in den Schultern“ und war von innerer Freiheit beseelt. Wer sich für Osteuropa und die Gebiete der ehemaligen Sowjetunion begeistert, wer Russland-Fieber und Fernweh nach fremden Ländern und Menschen kennt, dem sei dieses Lesebuch wärmstens ans Herz gelegt.

Christian Rudolf

Cornelia Klauß/Frank Böttcher (Hrsg.): „Unerkannt durch Freundesland. Illegale Reisen durch das Sowjetreich“, Lukas Verlag, Berlin 2011, broschiert, 291 Abbildungen, 445 Seiten, 24,90 Euro.


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