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27.08.11 / Aufarbeitung steht an / Flucht und Vertreibung aus Westpreußen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-11 vom 27. August 2011

Aufarbeitung steht an
Flucht und Vertreibung aus Westpreußen

Nach Kriegs-ende 1945 begann in den von der Roten Armee besetzten Territorien die Vertreibung und Verschleppung der deutschen Bevölkerung östlich von Oder und Lausitzer Neiße, aus der Tschechoslowakei und Ungarn. Gleichzeitig kam es zur massenhaften Internierung deutscher Zivilisten in russischen und polnischen Lagern ohne ergangenes Urteil.

Dieses Kapitel harrt noch der Aufarbeitung, was auch für die ungezählten Gewaltverbrechen gilt, denen Deutsche seit dem Einzug der sowjetrussischen Truppen in Ostdeutschland zum Opfer fielen. Nach wie vor wird dieses Unrecht, offenbar noch immer ein heikles Thema, in der Öffentlichkeit kaum thematisiert. Die Geschichte des deutschen Ostens droht inzwischen gar aus dem kollektiven Gedächtnis zu schwinden.

Dem Historiker Jürgen W. Schmidt ist es ein Anliegen, dem Vergessen und Verdrängen entgegenzuwirken. Mit dem von ihm herausgegebenen Band „Als die Heimat zur Fremde wurde ... Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Westpreußen“ hat er dazu einen beeindruckenden Beitrag erbracht. Das Buch wendet sich an Fachwissenschaftler und interessierte Laien. Schmidt, Jahrgang 1958, entstammt einer 1947 aus Schlesien vertriebenen Familie. Als promovierter Historiker hat er sich auf die deutsche, osteuropäische und russische Geschichte spezialisiert. In seinem Vorwort verweist er auf die in Fachkreisen nach wie vor bestehende Scheu, sich mit dem millionenfachen Leid unschuldiger Deutscher infolge des Zweiten Weltkriegs zu befassen. Diese Haltung bezeichnet er als ein „voreingenommenes Nichtwissenwollen“. Es sei kleinmütig, die notwendige Aufarbeitung dieser Ereignisse weiterhin vor allem den jungen russischen und polnischen Geschichtsforschern zu überlassen. Auch wendet sich Schmidt gegen die Standardaussage, der Verlust Ostdeutschlands sei „die simple und logische Folgeerscheinung des verlorenen Hitlerschen Krieges“ und als „Sühne aller Deutschen für die Vernichtung der deutschen und europäischen Juden“ zu begreifen. Er hält dagegen, dass die Forderung nach einer Oder-Neiße-Linie eine länger zurück­reichende Geschichte hat.

„Wer die Vergangenheit verfälschen will, lehnt ihre Augenzeugen als befangen ab.“ Dieses Zitat von Hans Bernhard Meyer aus dem Jahr 1974 unterstreicht auch die Bedeutung von Augenzeugenberichten als unentbehrliche Geschichtsquellen.

Bei den im vorliegenden Band enthaltenen, mit Anmerkungen versehenen 35 Zeitzeugenberichten handelt es sich um Aufzeichnungen von Flüchtlingen, Vertriebenen, ehemaligen Häftlingen in polnischen oder sowjetischen Lagern sowie von Spätaussiedlern und Westpreußen, die in ihrer Heimat blieben und polnische Staatsbürger wurden. Teilweise entstanden die Erinnerungsbeiträge aufgrund eines Aufrufs des Herausgebers in der Zeitschrift „Der Westpreuße“. Etliche Berichte sind zeitgleich mit den dargelegten Ereignissen oder kurz danach niedergeschrieben worden. Manches ist bereits andernorts publiziert worden. Den Zeitzeugenberichten vorangestellt sind drei fachwissenschaftliche Aufsätze von Lutz Oberdörfer, Matthias Stick­ler und dem Herausgeber. Letzterer schildert die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus sowjetischer Sicht sowie die Kämpfe um Westpreußen gegen Kriegsende aus der Perspektive sowjetischer Militärs.

Ebenfalls gestützt auf eine Fülle von Quellen erörtert Lutz Oberdörfer die Position der Alliierten zu Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten und Polen. Matthias Stickler hat sich mit den Vertriebenenorganisationen beschäftigt. Er ist der Ansicht, dass sich gewisse Versäumnisse der Vergangenheit in den Vertriebenenverbänden und deren Umkreis gerächt hätten. Letztere würden mit ihren Anliegen in der breiten Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen. Jedoch könnte es den Vertriebenenverbänden, speziell dem Bund der Vertriebenen (BdV), seiner Meinung nach gelingen, sich vom Rand in die Mitte der Gesellschaft zu bewegen, wenn sie sich weiterhin für Themen wie den Schutz nationaler Minderheiten engagierten.

Diese Chance habe sich vor allem durch die Beteiligung des BdV am Projekt „Zentrum gegen Vertreibungen“ eröffnet.

Dagmar Jestrzemski

Jürgen W. Schmidt (Hrsg.): „Als die Heimat zur Fremde wurde ... Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Westpreußen. Aufsätze und Augenzeugenberichte“, Verlag Dr. Köster, Berlin 2011, Paperback, 466 Seiten, 28 Euro.


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